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Mutter setzt« sich mit ihrer Näharbeit in eine entle­gene Fensternische. Olla rückte einen Stuhl an Tressilian's Seite und setzte sich neben ihn.

Ich will heute über mich selbst mit Euch sprechen", sagte Tresfiltan, ihre Hand erfasiend.O Olla, wie werde ich Euch je genug für Alles danken können, was Ihr an mir gethan habt. Sir Windham Winn sagte mir, daß ich mein Leben und meinen Verstand Euch verdanke. Wie werde ich je diese Schuld ab- tragen können?"

Er drückte ihre Hand an seine Lippen und küßte sie mit zärtlicher Leidenschaftlichkeit, mit anbetender Verehrung.

Sprecht zu mir nicht von Dankbarkeit, Jas­per", sagte das Mädchen, unter seinen leidenschaft­lichen Blicken erröthend.

(Fortsetzung folgt.)

Unbedingter Hehorsam.

Eine heitere Skizze aus dem Gerichtsleben. Von Constantin Bulla.

(Nachdruck verboten.)

Es war an diesem letzten 15. Juli.

Welchen Gerichtsbeamten durchströmt nicht ein wonniges Gefühl, wenn er am 15. Juli seine Augen öffnet und frohen Herzens in die eben begonnene Ferienzeit wie in eine blumenreiche Landschaft hin­ausblickt. Mit einem unbeschreiblich seligen Gefühl spinnt er die köstlichsten Ferienpläne, seine unter dickem Actenstaube vergrabene Phantasie beginnt sich zu regen und die Fesseln der Pflicht liegen gelöst zu seinen Füßen. Wir wissen nicht genau, ob es respectswidrig ist, von einem Gerichtsbeamten zu sagen, daß sich seine Phantasie rege, aber wir wissen um so bestimmter, daß wir keinem Menschen in gleichem Maße seine Ferien gönnen, wie gerade dem Gerichts­beamten. Die Herren Richter enteilen auf den Flügeln des Dampfes nach den von der Natur besonders begünstigten Orten dieser schönen Erde oder begeben sich in große Städte, wo sie ihre Unbefangenheit aufzufrischen und ihre praktische Weltanschauung zu erweitern suchen, was für einen Richter die denkbar vortheilhafteste Verwendung seiner Ferien ist. Die Herren Sekretäre, sofern sie ledige Tochter haben Du lieber Himmel, welcher Gerichtssekretär hätte nicht solche? Das ist ja das Einzige, was er mit Apollo gemein hat. Die Herren Sekretäre also, sofern sie ledige Töchter haben, reisen in ein Bad, wel­ches in dem Rufe steht, gegen dieses Nebel eine ausge­zeichnete Heilkraft zu besitzen. Die jüngeren Büreaubeamten, soweit sie nicht verheirathet sind, reisen in die Heimath, weil sie vermuthen, daß sich derliebe Alte" über den Besuch destheuren" Sohnes sehr glücklich schätzen wird und weil es überdies zweckmäßig ist, daß ein guter Sohn hin und wieder den Herrn Eltern die beispiellos theure Lebensweise

am Orte seines Berufs schildert und dabei seine Sparsamkeit in das beste Licht stellt. Die Ge­richtsdiener und Lohnschreiber endlich unternehmen während der Ferien die mannigfachsten Fußtouren und lasten auf diese Weise der umliegenden Bauern­schaft ihre schätzbaren Besuche angedeihen.

Einer nur und das ist der Castellan des Gebäudes hat keine rechte Freude an den Ferien, denn für ihn sind sie eine Zeit der unendlichsten Mühsalen. Im schlechtesten Anzuge und in noch viel schlechterer Laune durchirrt er die Zimmer des Justizpalastes und beaufsichtigt mit großer Peinlichkeit das Ofensetzen, Wändetünchen, Fenstcrwaschen und was dergleichen nützliche Vorrichtungen mehr sind. Die verfluchte Schweinerei habe ich grade satt!" stöhnt der Unglückliche und ballt nicht selten inan sollte es kaum glauben beide Fäuste in den Taschen, ja noch mehr! er versetzt auch wohl im Unmuth einem der schläfrig umherschleichenden Maurer­jungen einen aufmunternden Rippenstoß und lächelt hinterher mit einer solchen Befriedigung, als hätte er soeben dem personifizierten Justizsiskus eins ausgewischt.

Es war also am 15. Juli.

In der ersten Gerichtsschreiberei des Landgerichts z. B. stand der Sekretär Wagner wie immer an seinem Pulte, aber heute ruhten seine Hände müßig auf der Schreibmappe und über das Antlitz des alten Herrn verbreitete sich jenes heitere Lächeln, welches aus eine beneidenswerthe Gemüthsstimmung schließen läßt. Fast schien es so, als sei der brave Beamte, dessen Ferienurlaub bereits begonnen hatte, nur deshalb heut noch einmal in's Bureau gekommen, um an dem Orte, an welchen ihn sonst die Pflicht bannte, das Hochgefühl seiner Freiheit wirksamer empfinden zu können. Aber nein, er hatte doch wohl noch einen anderen Zweck im Auge; denn als er lange zum Fenster hinausgesehen und die Sonnen­strahlen, die Tauben und Sperlinge, eine riesige Kürbispflanze und den im Hofe spielenden unartigen Jungen des Castellans mit der gebührenden Aufmerk­samkeit betrachtet und den Collegen im gegenüberlie­genden Hinterflügel des Gerichtsgebäudes freundlich zugenickt hatte, öffnete er bedächtig sein Pult und entnahm demselben ein wohlbeleibtes Schreibheft, sowie eine unzählige Menge kleiner und größerer Notizzettel, die er sorgfältig zu ordnen begann.

Wagner schrieb nämlich seit zwei Jahren an einem umfastenden Wörterbuche und Sachregister zu den Reichsjustizgesetzen , und es stand zu erwarten, daß er mit Gottes Hilfe in weiteren zwei Jahren so glücklich sein werde, diese Arbeit der Oeffentlich- keit zu übergeben. Seine diesjährigen Ferien wollte der alte Sekretär, der ohne Weib und Kind in der Welt dastand, bei seinem Freunde, dem in der Nähe wohnenden Forstmeister Grüttner, zubringen und in der stillen Waldeinsamkeit gedachte er sein Werk ein gutes Stück der Vollendung zu nähern.

(Fortsetzung folgt.)

Redaktion: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.