Hichener Isamitienbkäiler.
Nr. 64.
Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger.
Samstag dm 2. Juni.
1888.
Aer Kröe des Kaufes.
Roman von Hermine Frankenstein.
(Fortsetzung.)
Alles schien bis jetzt gut u gehen; doch auf Eines hatte Lowder bei seinem Eindringen auf Trefft- lianS-Hof nicht gerechnet und das war die bezaubernde Liebenswürdigkeit von Blanche Jrby. Er hatte erwartet, ein hübsches Mädchen zu finden und war entzückt, als er eine lebhafte, geistvolle Schön, heit vorfend, deren graue Augen und wundervoll blondes Haar ihn vollständig bezaub.rten.
„Wäre ich wirklich Guy Trefftlian, nichts könnte mich verhindern, dieses schöne Geschöpf schon nach Monatsfrist zu meiner Gattin zu machen", dachte er, während ein schmerzliches Gefühl sein Herz zusammenschnürte; „so aber stellt sich mir ein Hinderniß in den Weg, — ein Hindrrntß, das ich nie werde überschreiten können. Blanche Jrby ist nicht für mich!" Und ein herber Schmerz durchzuckte seine Brust.
Frühzeitig verabschiedete sich Blanche und zog sich, nachdem sie dem Onkel den gewohnten Nachtkuß gegeben und sich vor Lowder lächelnd und erröthend verbeugt hatte, auf ihr Zimmer zurück — Vater und Sohn allein lassend.
Einige Minuten herrschte tiefes Schweigen; dann eng an Lowder's Seite rückend, begann Sir Arthur: „Nun, mein Junge, wie gefüllt Dir unsere kleine Blanche?"
„Mir erscheint sie als das herrlichste Geschöpf, das ich je in meinem Leben gesehen!" erwiderte der Anger et ete in begeistertem Tone.
Ein schwaches Lächeln spielre um des Baronets Lippen, während eine tiefe Trauer aus seinen dunklen Augen sprach — nur Gott im Himmel und er allein kannten die Größe seines Schmerzes bei dem Gebar ken, sich von seiner geliebten Mündel trennen zu müffrN; — doch die Liebe zu seinem Sohne ließ ihn auch das schnurste Opfer bringen — sein eigen Herz konnte er zum Schweigen bringen, um das seines einzigen Kindes und seinen Liebling in Glück und Zufriedenheit zu sehen.
„Sie ist ungewöhnlich schön, Guy", sagte er, „und ebenso gut und sanft, als sie bezaubernd ist. Sie ist ein Schutzengel für die Armen. Als im vergangene« Jahre im Dorfe Ardleigh ein ansteckendes Fieber wüthete, pflegte sie die Armen! Sie brachte ihnen Eis und stärkende Nahrung, las den Reconvälercenten vor und qrartirte einige Kinder
। hier ein, bis alle Ansteckungsgefahr vorüber war. I In Ardleigh wird sie als guter Engel betrachtet und sie ist ein so liebliches, reines, menschliches Wesen wie ein Engel."
„Darin stimme ich Dir vollständig bei, lieber i Vater."
„Erinnerst Du Dich noch des letzten Gespräches, l das wir in der Nacht vor Deiner Abreise gepflogen, mein Sohn?"' begann Sir Arthur wieder, seine | Augen mit der Hand beschattend.
„Das Gespräch in dem Studirzimmer bezüglich Blanche's?" fragte Lowder, sich der letzten Unter- f redung mit seinem unglücklichen Freunde erinnernd. „Ja, Vater, ich erinnere mich! Du batest mich damals, mir Herz und Seele rein zu bewahren, um bei meiner Rückkehr würdig zu sein, Blanche zu freien und sie als meine Gattin heimzuführen. Ja, I ich erinnere mich an diese Worte sehr wohl, lieber !. Vater 1" Mr«
j „Und hast Du gethan, was ich verlangte?" ! fragte Sir Arthur. „Bist Du nach Hause gekom- men, würdig meiner reinen, unschuldvollm kleinen i Blanche?"
„Ja, Vater", sagte der Eindringling.
„Hast Du je geliebt?"
Die blauen Augen der Jünglings starrten in die s Glulh, seine L'ppen bebten leise, sein ganzes Gesicht \ war seltsam verändert.
„Nein", sagte er mit gezwungener Festigkeit — „ich habe nie geliebt."
„Du mußt meine Fragen wohl entschuldigen, mein Sohn", erwiderte Str Arthur, „doch ich bin ; es meinem Freunde schuldig, der mir sterbend sein | einziges Kind empfahl, dessen Glück und Wohlergehen, ; die Sorge um dasselbe in meine Hände legte, den Mann in seinem Werthe zu kennen, dem ich das mir anvertraute Kleinod für immer übergeben fall. Beantworte meine Fragen ebenso aufrichtig und wahr, al« wenn Gott im Himmel, der jede« Herzens - geheimniß kennt, Dir selbst diese Frage gestellt: Giebt es vor Gott und den Menschen kein Hinder« ntß, das Dir Blanche unerreichbar machte?"
Wie gut für Lowder, daß Str Arthur ihn nicht anblickte — denn kalter Schweiß perlte auf seiner Stirne, das G.sicht bedeckte todesähnliche Blässe und die Augen hatten einen starren Ausdruck angenom. men, Es schien dem Eindringling, als ob feurige | Buchstaben vor seinen Augen tanzten — Buchstaben, - welche den Namen derjenigen bildeten, an die er / von Marseille aus geschrieben hatte — Frau Hester Lowder.


