Ausgabe 
29.7.1886
 
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lich gelassen,habe ich Dir nicht gesagt, Du solltest nicht auf meiner Fährte jagen?"

Don Fernando, Don Fernando!" rief der Andere. Coustne Elsa nimmt Dich nie wieder zu Gnaden an."

Ferdinand antwortete darauf nur, indem er un­geduldig seinem schwächlichen Freunde den Koffer aus der Hand riß und murrend auf den Sitz stellte.

,Wenn Du gehofft hast, in dieser falschen Rolle das Herz des schönen Mädchens zu gewinnen", fuhr Felix heftiger fort,so sollst Du ein betrogener Betrüger sein, dafür laß mich sorgen."

Dito, dito!" sagte Ferdinand.Wollen wir emsteigen?"

Felix leistete dem Winke Folge, indem er höhnisch hinzufügte:Wenigstens bietet meine Stellung mehr Vortheile als die Deine, und ich will sie benutzen."

Das konnte Ferdinand freilich nicht leugnen. Stand e» doch dem glücklichen Freunde den ganzen Nachmittag frei, sich dem schönen Mädchen angenehm zu machen, hörte er doch mehr als einmal Beider lustiges Lachen in seine Bedientenstube hinüberschallen! Die eine Genugthuung hatte er jedoch: Fanny be­handelte den Freund ebensowohl wie ihn streng seinem Jncognito gemäß, wie er bei dem Einsteigen zur Rückfahrt beobachten konnte, und nicht das leiseste Zeichen gab Einem von ihnen die schmeichel­hafte Gewißheit, daß er wiedererkannt sei.

Langsam waren die Pferde herspaziert, langsam spazierten sie zurück. Es hatte am Nachmittage noch geregnet und was Ferdinand nicht für möglich ge­halten, war geschehen: Der Schmutz war noch tiefer geworven. Langsam und langsamer kam man vor­wärts und plötzlich hielt man gänzlich still. Man war stecken geblieben.

Ferdinand stieg ab, ergriff die Pferde beim Zügel und versuchte, sie zu ein paar rettenden Schritten zu bewegen. Umsonst!

Gehen Sie zu jenem einzelstehenden Gehöft", rief Herr Merber, welcher ganz richtig ahnte, er werde alsbalv als die Ursache dieser Calamität be­zeichnet werden,es wohnt ein guter Bekannter von mir dort, sagen Sie ihm, ich lasse um Vorspann­pferde bitten."

Der Pseudo-Kutscher that, wie ihm geheißen. Sein Ritterdienst brachte Beschwerden mit sich, das war nicht zu leugnen. Welche Mühe schon, sich auf dem Hof durch Knechte, Mägde, Hütejungen, denen er jedem einzelm n Bericht von seinen Wünschen ab­statten mußte, bis zur Frau des Hauses durchzu­schlagen! Sie war etwas schwerhörig, und so hatte er Gelegenheit, fein Anliegen zum elften, zwölften und dreizehnten Male vorzutragen.

Der Herr Gerber will Vorspannpferde", rief sie endlich.Ei, ein großer Herr, der Herr Gerber! Laß er sein Fell anderswo zu Markte tragen, wir haben für ihn keine Vorspannpferde."

Glücklicherweise trat in diesem Augenblick der Besitzer des Hofes ein und Ferdinand wiederholte mit unerschütterlichem Pflegma seine Bitte.

Sagen Sie dem Färber, dem nichtsnutzigen Kerl, .er soll mir lieber die 50 Thaler bezahlen, die ich ihm vorgeschossen habe, nicht noch Gefälligkeiten von mir verlangen", lautete die heftige Antwort, die noch eine lange Fortsetzung erhalten sollte, indeß Ferdinand machte die Thür zu und begab sich in erheiterter Stimmung an die Unglücksstätte zurück. Eine Ahnung sagte ihm, daß auch Felix nicht länger seinen angenehmen Platz, Fauy gegenüber und die zukünftigen Zöglinge jeden auf einem Kniee, be­haupten würde.

In der That. Kaum hatte er Herrn Merber gemeldet, jener Herr lasse erst um Bezahlung der vorgeschossenen 50 Thaler bitten, als seine Gattin sich mit dem Anstand einer beleidigten Königin er­hob und aurrief:Heimliche Schulden! Bernhard, ich sagte es stets, Du bist ein unmoralischer Mensch. O ich unglückliche, verrathene Frau." Und sie begann, mit Heroismus, vom Wagen herabzuklettern.

aber liebe Tante, so bleibe doch wenigstens hier", bat Fanny.Was mich betrifft, mich brächte keine Macht der Welt in diesen Schmutz"

So bleibe!" unterbrach Frau Merber sie kurz. Kommt Kinder! Herr Egbert, eine Schutzlose bittet um Ihren ritterlichen Beistand!"

Ich stehe ganz zu Ihrem Befehl", sprach Felix seufzend und stieg aus. Dabei fiel ein Stückchen weißes Papier aus den Falten seines Ueberziehers. Frau Merber fing es auf und steckte es zu sich.

Der arme Felix nahm die ihm gereichten sechs Nmschlagetücher, zwei Hutschachteln und drei Regen­schirme in Empfang (den vierten wollte seine Prinzipalin als Wanderstab benutzen), die Knaben faßten an seine Rocktaschen, und so wanderte die kleine Karawane in den zweiundzwanzigsten Regen­schauer dieses Tages hinaus.

Sei es nun, daß die heimtückischen Pferde sich mit ihrem Herrn verschworen hatten, Frau Merber durch Aerger in's Grab zu bringen, sei es, daß sie die Erleichterung ihrer Last fühlten kurz sie zeigten sich plötzlich geneigt, den Mahnungen ihres Kutschers nachzugeben, und sich eine kurze Strecke sortführen zu lassen. So gelangte man vor das einzeln stehende Gehöft, und der Besitzer desselben, der vor die Thür kam, um seinen Schuldner stecken zu sehen, sah seinen besten Freund trübselig fahren. Eine rührende Erkennungs- und Aufklärungsscene folgte, die Vorspannpferde wurden schleunigst ge­liefert, und man holte mittelst derselben noch Frau Merber ein, welche bereits von ihren Märtyrerideen etwas zurückgekommen war und den vereinigten Bitten ihrer Nichte und des in seiner angeborenen Unschuld wiederhergestellten Gatten nicht widerstehen konnte."

Ferdinand sah mit Vergnügen, daß, sobald man heimgekehrt roar, Felix sich sogleich sein Zimmer an- weisen ließ und gänzlich darauf verzichtete, diesen Abend noch den Liebenswürdigen gegen Fräulein Fanny zu spielen. (Fortsetzung folgt).

Rsbsctian; A. Scheyda. Druck und »erlag der Brühl'schm Druckerei (Fr, Ehr, Pietsch) in Gießen.