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Ein heiseres, dumpfes Lachen entrang sich seinen Lippen; es war das Lachen eines Menschen, der sich der Verzweiflung willenlos in die Arme ge- worfen hat.
„Haben Sie den' gekannt, Herr?" fragte eine Stimme hinter ihm.
Der Oberst drehte sich um. Vor ihm stand ein kleiner hagerer Greis mit silberweißem Haar und hellen, klugen Augen.
„Ich bin der Todtengräber", fuhr er fort; „schon vierzig Jahre hier im Amt, und manche ergreifende Geschichte könnte ich Ihnen erzählen, die mein Spaten zum Schluß gebracht hat."
„Ich will's gerne glauben", nickte der Oberst, indeß sein Blick wieder sinnend auf dem Steine ruhte. „Ihr hab also auch diesen Mann begraben?"
„Ei gewiß, Herr; es war vor Jahren, und er hätte eigentlich kein ehrliches Grab haben sollen, weil er sich selbst das Leben nahm. Ich hab' immer gesagt, es sei Unsinn, denn was der Mensch auch im Leben gesündigt haben mag, dem Tobten soll man's nicht anrechnen."
„Und wer hat ihm das ehrliche Grab verschafft?"
„Na, sehen Sie, der Herr war ein Officier, und da haben seine Kameraden sich dreingelegt, und unser Geistlicher hat mdlich nachgegeben. Zwar ist der Herr Pfarrer nicht mitgegangen, um das Grab einzusegnen; aber davon wußte der Tobte Nichts. Haben Sie ihn gekannt?"
„Ja, ich war sein Freund!"
„Er muß viele Freunde gehabt haben", erwiderte der Greis. „Mancher hat dieses Grab besucht."
„Es waren wohl nur Neugierige, — vielleicht Badegäste aus Wiesbaden —"
„O, nein; sehen Sie, den Stein hat ihm eine Dame setzen lassen. Sie zahlt mir jedes Jahr eine kleine Summe, damit ich das Grab in Ordnung halte- Jetzt ist freilich Nichts zu machen, aber im Sommer blühen auf diesem Grabe dunkle Rosen und rothe Nelken."
„Eine Dame?" fragte der Oberst, ihn erwartungsvoll anblickend.
„Jawohl, seine Tante!"
„Ach so — nun, das läßt sich ja erklären."
„Es sind auch andere Damen hier gewesen. Ec lag noch nicht lange hier in seinem letzten Bett; der Hügel war noch frisch, da fand ich an einem Sommerabend eine junge, wunderbar schöne Frau hier auf den Knieen. Sie weinte und schluchzte, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen und auf einmal rief sie laut seinen Namen. Die war gewiß seine Braut, Herr; gefragt hab' ich sie nicht. Wer an einem Grabe trauert, den soll man nicht mit Fragen belästigen."
Starr ruhte der Blick des Obersten auf dem Hagern Antlitz des alten Manner.
„Habt Ihr ihren Namen nicht erfahren?" fragte er.
„Nein, sie ist noch an demselben Abend wieder abgereist; sie war mit einem Wagen von Wiesbaden
. gekommen, und die Leute im Dorf kannten sie nicht, hatten sich auch nicht bei dem Kutscher nach ihr erkundigt. Und es sind erst einige Jahre her, da kam wieder eine Dame von Wiesbaden, eine andere, aber nicht minder schöne Dame; ein verwundeter Officier begleitete sie. Die haben hier lange ge- standen und geplaudert, und nachher nahmen sie eine Rose mit. „Ich wollt'» ihnen nicht wehren; sie hatten mir ein gutes Trinkgeld gegeben und schienen Beide tief ergriffen zu sein."
Der Oberst rückte die blaue Brille dichter vor die Augen und ließ den Blick über den Friedhof schweifen.
„Wißt Ihr auch nicht, wer diese Beiden waren?" fragte er.
„Der Officier redete die Dame an, als sie an mir vorbeischritten; er nannte einen italienischen Namen, ich hab' ihn wieder vergessen. Ja, er trug den linken Arm in der Binde."
„Hieß die Dame vielleicht Barlotti? Signora Barloiti?"
„Richtig, das war der Name!" nickte der Greis überrascht.
„Und war nicht bald nach der Beerdigung ein anderer Herr hier, ein grober stattlicher Mann mit schwarzem Schnurrbart?" fragte der Oberst.
„Warten Sie — jawohl, der war hier und zwar noch vor der schönen Dame. Hieß er nicht Feldmann oder Waldmann —"
„Ackermann!"
„Richtig — Ackermann! Der wollte der beste Freund des Tobten gewesen sein, aber von seiner Freundschaft hab' ich nicht viel bemerkt. Er ließ sich das Grab zeigen und fragte mich, ob ich auch ordentlich Buch über die Begrabenen führe; dann mußte der Ortsvorstand ihm einen Todtenschein ausfertigen, damit, wie er sagte, der Nachlaß seines Freundes geordnet werden könne. Er hat sich nach Allem genau erkundigt, aber von einem Grabstein wollte er nicht« wissen; er lehnte es sogar ab, eine Trauerweide oder ein paar Blumen pflanzen zu lassen."
Der Oberst hatte die Lippen fest aufeinander gepreßt, aus jedem Zuge seines bleichen Gesichts sprach mühsam verhaltener Ingrimm.
„Jener Mann war sein Freund nicht!" sagte er nach einer langen Pause mit heiserer Stimme.
„So meinte auch der Herr Oberförster", erwiderte der Alte lebhaft; aber den werden Sie nicht kennen! Ein braver Herr, er ist oft hier gewesen, jetzt kommt er nicht mehr, Gicht und Alter sind schlimme Gesellen, sie lassen ihr Opfer nicht mehr los."
Der Oberst nickte und gab dem redseligen Manne ein Geldstück. Dann bat er ihn durch einen Wink, ihn allein zu lassen. Der Todtengräber entfernte sich. In Sinnen versunken blieb der Oberst vor dem Grabe stehen.
Da legte plötzlich eine Hand sich auf seine Schulter. Erschrocken wandte er sich um, vor ihm stand der Referendar.


