Wirthin verschwand mit demselben unter der Thür. !
„Es ist doch etwas bei den Pferden geschehen", meinte der Schuldirector.
„Nein, Nein", sagte der Amtsrichter. „Hören Sie! ... Das war ganz deutlich ... Es brennt . . ."
„Feuer! . . . Feuer! . . . riefen jetzt ganz deutlich einige Stimmen vor dem Fenster des Gasthofes.
Alles stürzte hinaus.
lieber dem Hofe des Gasthauses lag die röthliche Helle, wie sie der Feuerschein auf die benachbarten Gegenstände wirft. Auch ein leichter Funkenregen drängte sich über die Ziegelbedachung der Stelle. Es brannte aber nicht im „Goldenen Ringe" selbst, sondern zwischen dem Seiten- und Vordergebäude des Nachbargehöftes. Von den beiden Thürmen der Stadt riefen die Glocken die Bewohner aus dem ersten Schlafe und diese sowohl als die Feuerwehr eilte herbei, um das entfesselte Element zu bändigen. Die Trommeln des in der Stadt gelegenen Bataillons mischten ihren rufenden Wirbel in den Weckruf der Signalhörner und in das Geschrei der herbeieilenden Menschen.
Da man in dem Hofe des Gasthauses nur die hinter der Brandmauer ausschießende Flamme beobachten konnte, so begaben sich Amtsrichter Schäfer und Schuldirector Grimm auf die Straße.
Das gefräßige Element griff mit Blitzesschnelle um sich und setzte die Bewohner des brennenden Hauses in nicht geringe Gefahr, da die an das Vorderhaus grenzende Tischlerwerkstatt des Haus- besitzers das durch die leicht brennbaren Stoffe wohl- genährte Feuer bereits in das Treppenhaus des Vordergebäudes getragen und die leichte Holztreppe entzündet hatte. Der im Parterre wohnende Haus- besitzet: hatte sich mit feiner Familie und einem Theile feiner-Effekten noch zu retten vermocht, die Frau des im ersten Stocke wohnenden Lehrers Kirchner dagegen hatte bereits den Treppenaufgang durch das Feuer versperrt gesunden und rief nun, ein nach der Straße führendes Fenster ihrer Wohnung aufreißend, in markdurchschütternden Schreien um Hilfe.
,Alice!"
Der Ruf hatte sich einer Männerbrust entwunden, die keuchend nach Fassung rang, als sich ihr Besitzer durch die neugierig gaffende Menge hindurch gearbeitet hatte.
„Bruno, um Gotteswillen rette mich! . . . die Treppe brennt!" n t
Der Angerufene, der Lehrer Kirchner, stand rath- los auf der Straße und rang verzweifelnd die Hände. Wie ein Wahnwitziger flehte und beschwor er die Umstehenden eine Leiter herbeizuschaffen, aber keines rührte sich.
Da raffelte der Gepäckwagen der Feuerwehr heran.
Die gutgeschulten Leute hatten schnell die Leitern abgepackt und als der Kommandant, auf den Kirchner ^gestürzt kam und ihn mit fliegendem Athem um
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die Rettung seiner Frau bat, das Kritische der Lage überblickt hatte, traf er sofort die nöthigen Dispositionen, um die in peinlicher Lebensgefahr Schwebende zu retten.
Eben wurde die Ulmer Leiter herangeschoben und ein Steiger betrat dieselbe, als ein entsetzliches Krachen und Borsten die Luft durchschnitt und ein donnerartiges Gepolter diesen Geräuschen auf dem Fuße folgte. Mächtig stieg die bis jetzt verhinderte Feuergarbe zum dunklen Nachthimmel empor, denn die Hinterfront und ein Theil des Daches war zusammengebrochen. Der diesem entsetzlich-schönen Aufleuchten der Feuergabe folgende Feuerregen trieb die Menge instinktiv von dem arg bedrohten Gebäude zurück; nur Bruno Kirchner achtete der herabstürzenden Feuertheile nicht, sondern blieb auf seinem Platze und rief feiner Frau beruhigende Worte zu.
Jetzt nahm auch der Feuerwehrmann seine Thätigkeit wieder auf und stieg auf der Leiter zu dem ersten Stocke empor und schwang sich in die Etage. Mit geübter Hand ließ er die Rettungsleine abrollen und einen schnell vom Wagen herbeigeschafften Nettungssack einhängen.
Im Nu war dieser oben.
Obwohl der Steiger in denkbar schnellster Zeit seine Anstalten traf, kam es Kirchner doch alle« zu langsam vor und die wenigen Minuten wurden ihm zur Ewigkeit. Unterdeß war ein zweiter Steiger auf der Leiter emporgestiegen und dieser half seinem Kameraden bei der Rettung der während der Vorbereitungen ohnmächtig gewordenen jungen Frau. Während die Beiden den Rettungssack langsam zur Erde gleiten ließen, stürzte die vordere Hälfte des Daches in sich zusammen und die altdeutsche geschweifte Feuereffe die hierdurch ihre Stütze verlor, brach ebenfalls und schlug durch die Decke der Lehrerwohnung auch nach hier das Feuer tragend, nachdem die leichten Holzthüren schon angefangen hatten lichterloh zu brennen.
Mit schwerem Herzen geleitete Kirchner seine noch immer ohnmächtige Frau, welche von den Feuerwehrleuten getragen wurde, nach einer befreundeten Familie. Hing doch nicht nur das Leben seiner Frau, die er über alles liebte, an einem trügerischen Ende, sondern auch da» Leben des Kindes, das sie unter ihrem Herzen trug.
Der Schmerz krampfte ihm das Herz zusammen, als sein Weib endlich nach allerhand Entwickelungsversuchen die Augen aufschlug und ein freudiges Lächeln und ein leise geflüstertes: „Mein guter Bruno!" sich über ihre Lippen stahl. Voll inniger Freude warf er sich über die Gerettete und herzte sie vor Freuden.
Während der Nacht kam Kirchner nicht von der Seite seines Weibes und hörte mit hochklopfendem Herzen auf die Athemzüge desselben. Erst der nahe Morgen überwältigte auch ihn, so daß die Morgensonne neugierig auf zwei Schläfer blicken konnte.
(Fortsetzung folgt). _________
Brühl'schm Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


