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„Gewiß. Aber wo ich war, ist kein Schuß gefallen!"
„Könnt Ihr das beweisen?" erwiderte Rommel sarkastisch. „Hattet Ihr im Walde Gesellschaft, die Zeugniß für Euch ablegen kann?"
„Beweisen? Ja, wenn man Alles beweisen könnte! Ich sagte ja schon, daß Sie mir nicht glauben würden. Wollte ich Sie auch an den Ort hinführen, wo ich gestern Abend war, es wäre völlig nutzlos, Sie würden immer noch Beweise fordern, und die kann ich nicht beibringen."
„Ihr habt Drohungen gegen mich ausgestoßen?"
„Wer hat Ihnen das gesagt?"
„Zeugen, deren Aussagen ich Glauben schenken muß!" —
„Wahrscheinlich auch wieder dieser Schleicher", höhnte der rothe Fritz, auf Hellmuth deutend. „Ja, wenn ich ihm Beweise gegen seinen Vorgesetzten geliefert hätte, den er gerne aus dem Amt bringen möchte."
„Schweigt I Ihr hab auch anderen Personen gesagt, Ihr wolltet der Untersuchung gegen Euch ein Ende machen, so oder so —"
„Aber dabei habe ich nicht im Traum daran gedacht, das durch ein Verbrechen zu erreichen. Die Büchse war gestern Abend noch geladen, ein anderer muß den Schuß abgefeuert haben; natürlich wird man mir auch das nicht glauben."
„Gestehen wollt Ihr also nicht?"
„Was soll ich gestehen?"
„Daß Ihr diese Uhr und diesen Ring damals dem Todten geraubt habt", sagte der Referendar in ernstem, eindringlichem Tone. „Das Märchen, das Ihr uns vorgeschwindelt habt, ist ja ganz unglaublich; wer sollte denn so schlau gewesen sein, diese Werthsachen in den hohlen Baum zu verstecken und sie dort zehn Jahre lang liegen zu lasien? Ihr selbst habt sie htneingelegt, weil Ihr damals nicht den Muth hattet, sie mitzunehmen."
„Und wenn ich das zugebe, würden Sie mich dann entlassen?" fragte der Vagabund nach kurzem Nachdenken.
„Nein."
„Auch dann nicht, wenn ich die Versicherung gebe, nach Amerika zurückzukehren?"
„Auch dann nicht!"
„Dann machen Sie, was Sie wollen, ich leugne Alles!"
„Oho! Wir werden schon Mittel finden, Euch die Zunge zu lösen!" rief der Referendar zornig. „Beweise liegen nun schon genug gegen Euch vor, und da« Zuchthaus ist Euch so sicher, wie da« Amen in der Kirche; durch Euren Trotz und Eure Verstocktheit werdet Ihr nur die Richter veranlassen, das Urtheil zu verschärfen."
„Wenn sie einen Schuldlosen verurtheilen wollen, so muß ich es mir gefallen lassen", sagte der rothe Fritz, und wieder warf er dem Förster einen zornflammenden Blick zu; „ich bin ein armer Teufel, mit dem man ja immer kurzen Prozeß macht."
„Genug — die Untersuchung wird da» Wettere ergeben."
Der Referendar befahl dem Gensdarm den Gefangenen scharf zu bewachen, und nachdem die Beiden das Zimmer verlassen hatten, setzte er da« Verhör fort.
So sehr auch der Förster sich bemühte, in seinen Aussagen unparteiisch und leidenschaftslos zu erscheinen, sein Haß gegen Keller spiegelte sich doch fast in jedem Wort. Er mochte da» selbst fühlen, denn er erklärte rückhaltslo«, der Bursche habe durch seine frechen Behauptungen seinen Haß herausge- fordert.
„Was diese Uhr und den Ring betrifft", sagte er, „so habe ich deutlich gesehen, daß der Büchse ein kleines Paketchen beigepackt war; ich sah, wie der rothe Fritz es öffnete und einige goldfunkelnde Gegenstände herausnahm, die er hastig einsteckte. Und wenn er behauptet, die Büchse sei gestern Abend nach der That noch geladen gewesen, so liegt auch diese Lüge so klar auf der Hand, al» daß noch ein Wort darüber zu verlieren wäre."
„Gewiß!" nickte der Referendar. „Aber ihm ergeht's wie so manchem ertappten Verbrecher; durch freches Leugnen glaubt er seine Richter dupiren zu können. Sie waren derzeit, als die Leiche gefunden wurde, nicht hier?"
„Nein, ich war gerade zu jener Zeit einige Monate abwesend, um mein Examen zu machen."
„Sie wissen also auch nicht, ob und in welcher Weise der Oberförster —"
„Ich vermag über diesen Punkt gar Nichts zu sagen", unterbrach Hellmuth ihn. „Mit Vermuthungen wird Ihnen wenig gedient sein, und diese Vermuthungen stützen sich ja auch nur auf dunkle Aeußerungen des rothen Fritz."
„Wann und wo begegneten Sir ihm gesten Nachmittag im Walde?"
„Etwa eine Stunde vor dem Attentat und in der Nähe der Stelle, auf der dasselbe verübt wurde. Sie werden sich erinnern» daß ich Ihnen versprochen hatte, ihm wegen seiner Geheimthuerei auf den Zahn zu fühlen. Er wich meinen Fragen aus, aber er drohte wieder, daß er dieser Hetzjagd ein Ende machen wollte, und al« ich sah, daß Nicht» zu erreichen war, verließ ich ihn."
„Wie aber konnte er wissen, daß ich gestern Abend den Wald passiren würde?"
„Hm, wer weiß, wie er da» aurspionirt hat. Er kann ja am Bahnhof gewesen sein und Sie dort gesehen haben —"
„Dann wußte er immer noch nicht, daß ich gerade diesen Weg wählen würde; ich konnte ja ebensowohl auf der Landstraße zurückkehren."
„Bei schlechtem Wetter wählt man in der Regel den Waldweg, er ist freilich etwa» weiter, aber man ist auch gegen Wind und Wetter geschützt. Und sah er, daß der Wirth Sie begleitete, dann konnte er mit Sicherheit darauf rechnen, denn Fahne benutzt fast immer diesen Weg. Indessen, e» kann ja


