u
Gleich darauf trat der junge Mann ein, verbeugte sich tief vor den Damen, und reichte dem Baron vertraulich die Hand, während er den Lega- tionssekretär durch ein flüchtiges, kühles Kopfnicken begrüßte.
„Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, daß ich die Herrschaften noch zu dieser späten Abendstunde störe, aber es ist mir unmöglich, in diesem Unwetter weiter zu kommen» mein Pferd war nicht mehr sortzubringen", sagte er, die Handschuhe ab- ftreifend. „Ich komme von einem Freunde, dem ich längst einen Besuch zugedacht halte, und wurde unterwegs von dem Gewitter überrascht."
„Machen Sie keine Umstände, Verehrtefler, und nehmen Sie Platz", versetzte der Baron, offenbar froh, einen neuen Gesellschafter zu haben. „Ein Glas Portwein gefällig? Sie werben durchnäßt sein, da thut etwas Kräftiges gute Dienste."
Und ohne eine Antwort abzuwarten, drückte er auf die Klingel und gab dem Lakaien entsprechende Befehle; es schien, als wolle er mehr seinen eigenen Wunsch erfüllen, als dem Gaste eine Stärkung zu- kommen lassen.
„Der Regen hat mich allerdings tüchtig betroffen, so daß mein Ueberzieher vollständig durchweicht ist", versicherte Jener, „aber Ihr Domestick wird Sorge tragen, daß er trocknet, und wenn Sie erlauben, bleibe ich so lange bei Ihnen."
„Viel zu viel Redensarten unter Bekannten", fiel der Baron rasch ein, „bin kein Freund von Ceremonien. Da, nehmen Sie einen ordentlichen Schluck, nachher gehen wir zu einer anderen Sorte über, roth oder weiß, wie es Ihnen beliebt!"
Die Baronin seufzte leise, augenscheinlich, um die Aufmerksamkeit des Gastes auf sich zu lenken, der es in unverzeihlicher Ignoranz unterlassen hatte, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.
„Sie leiden heute besonders schwer, gnädige Frau!" sagte Alfred in auffallend weichem Tone, der das warme Mitgefühl ausdrücken sollte, das er für die vermeintliche Kranke hegte.
„Gott sei es geklagt, ich befinde mich sehr unwohl, die Gewitterluft scheint meine Nerven besonders aufzuregen", entgegnete sie mit schwacher Stimme, „aber die Theilnahme, die Sie für meinen Zustand kundgrben, thut mir wirklich recht wohl", fügte sie mit einem giftigen Blick auf Brehmer hinzu. „Rufe mein Kammermädchen, Liesbeth, ich will mich zur Ruhe begeben."
Das Mädchen drückte auf den Knopf der elektrischen Klingel, welcher neben dem Sessel der Baronin an der Wand angebracht war.
„Du willst Dich zurückziehen, liebe Natalie?" fragte der Baron. „Daran thust Du sehr wohl, Ruhe ist für Dich die beste Medicin."
Das Kammermädchen erschien, und von Liesbeth bis zur Thür begleitet, wankte die Frau davon, nachdem sie sich von dem Legationssekretär auffallend
freundlich, von Herrn von Brehmer dagegen kalt und förmlich verabschiedet hatte.
„Jetzt sind wir unter uns, lieber Freund und dürfen uns auch eine Cigarre gönnen", raunte der Hausherr seinem Gaste zu, indem er abermals die Glocke in Bewegung setzte und durch den Diener das Rauch-Service bringen ließ.
Liesbeth war nach dem Weggange ihrer Mutter ans Fenster getreten, und Alfred ihr dahin gefolgt. In halblauter Unterredung sprachen sie von den Tagesneuigkeiten und den Vorkommnissen in den Wiener Gesellschaftskreisen.
Das Gewitter hatte sich inzwischen verzogen nur am Horizonte leuchtete es noch dann und wann auf, als könne es sich nur schwer von den eben verlassenen Gefilden trennen. Im Osten aber stieg der Mond herauf und versilberte mit seinem Lichte die am Himmel schwebenden, duftigen Wölkchen und die weite, abwechslungsreiche Landschaft.
Die vom Blitze entzündeten Feuerheerde, welche die tiefe Nacht mit ihrem unheimlichen, rothen Lichte erhellt hatten wie Riesenfackeln einer dämonischen Gewalt, waren erloschen, und auf die rauchenden Trümmer schauten sanft wie Engelraugen die Sterne herab.
„Es leidet mich nicht mehr im Zimmer, ich muß ein wenig Luft schöpfen", sagte Liesbeth, das leichte Tuch, welches sie vorher abgelegt hatte, wieder um die Schultern schlingend.
„Erlauben Sie, daß ich Sie begleite, gnädiges Fräulein!" sagte Alfred, „auch ich finde es hier im Zimmer drückend heiß."
Eine wahrhaft balsamische Luft wehte den jungen Leuten entgegen, als sie hinaus auf die Veranda traten; Liesbeth blieb stehen und athmete mit Behagen das herrliche Aroma ein, welches Blatter und Blüthen ausströmten. Die Schwüle war einer angenehm lauen Temperatur gewichen, und die reine Luft wirkte belebend und erfrischend auf Körper und Geist. Eine nach dem Toben der Elemente doppelt wohlthuende Ruhe herrschte in der Natur; nur der leise Gesang eines Nachtvogel» drang aus dem Gebüsch, als wollte er den Frieden verkünden, welchen die Mächte des Himmels nach heißem Kampfe endlich geschlossen hatten.
„Lassen Sie uns ein wenig lustwandeln!" bat das junge Mädchen ihren Begleiter.
Dieser reichte ihr den Arm.
Schweigend schritten sie eine Weile neben einander dahin, Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Liesbeth schien ganz' in dem Genüsse des herrlichen Abends zu schwelgen, hier und da beugte sie sich zu einer Blume herab, in deren Kelch Thau- perlen, Diamanten gleich, im Mondlichte funkelten; Alfred dagegen suchte vergebens nach einem paffenden Anknüpfungspunkte, um das vorhin durch den Donnerschlag für ihn unterbrochene Gespräch wieder anzuknüpfen. Aber das heitere, unbefangene Geplauder der jungen Mädchens ließ ihn nicht dazu kommen. (F. f.)
Ddaetion: A. Schetzdg, Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen,


