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„Es war nur Scherz", sagte er, dem Advokaten beide Hände reichend, „ich finde ja auch auf dem Ulmenhof ein Heim. Gottes Segen über Sie. wenn Sie, wie ich erwarte, dieses theure Kind glücklich machen. Sie haben eine Perle gefunden, lieber Freund, deren unschätzbaren Werth Sie erst später kennen lernen werden.'
„Ich weiß den Werth dieser Perle zu schätzen", antwortete der Doctor, den Händedruck des alten Herrn mit warmer Herzlichkeit erwidernd, „und ich glaube mit voller Zuversicht behaupten zu dürfen, daß wir beide glücklich werden."
Von seinem Arme wieder umschlungen, blickte Fränzchen dem Verlobten mit einem Lächeln des Glücks in die leuchtenden Augen, der Oberst aber Zog ungestüm an der Glockenschnur.
„Ein solches Fest muß mit Gläserklang eingeläutet werden!" sagte er, dem Brautpaare fröhlich zunickend. . ,
Das breite Gesicht des FlachSkoPf's blickte rns
Zimmer. , „
„Eine Flasche Mein!" donnerte der Oberst.
„Nischt mehr da, Herr Oberst!" lautete die Antwort. „Nur leere Flaschen und Etiquetts."
Die heitere Miene des alten Herrn umwölkte sich, er heftete den Blick fragend auf Fränzchen, in deren Zügen sich eine leise Verlegenheit spiegelte.
„Ich meine, Du hättest eine neue Sendung bestellen wollen?" sagte er.
„Das ist auch geschehen, lieber Onkel", antwortete sie.
„Schwerenoth, und der Wein ist noch nicht gebracht worden?"
„Halten zu Gnaden Herr Oberst", erwiderte Konrad, der mit seinem freundlichen Grinsen an der Thür stand, „der Weinhändler ist auch einer von der Schwefelbande, er will vorher —"
„Schweig!" rief der alte Herr. „Wenn man Dich ausschickt, kommt immer ein Kameel zurück!"
„Zu Befehl, Herr Oberst! Aber Kümmel ist noch im Keller —"
„Hinaus!"
„Regen Sie sich doch deshalb nicht auf", bat der Doktor, der seiner Heiterkeit nur mit Mühe gebieten konnte, daß sie nicht in helles Gelächter ausbrach, „ich werde ja heute noch einmal hierher kommen, und bringe ich dann eine frohe Nachricht mit —"
„Dann sollen hier die Champagnerpropfen knallen'." rief der Oberst. „Na, wir hätten darum doch auch jetzt schon auf eine glückliche Zukunft anstoßen können, und ich würde mir ja auch diese Freude wahrhaftig gar nicht nehmen lassen aber —" „Warten wir damit Herr Oberst, ich habe auch wirklich keine Zeit mehr. Um zwölf Uhr »der doch gleich nachher soll die Sache sich entscheiden, und Sie werden begreifen, daß ich dem Ort der Entscheidung nahe zu sein wünsche, damit ich meiner geliebten Braut unverzüglich die Freudenbotschaft bringen kann,"
„Schwerenoth, lieber Freund, das ist freilich ein Grund, bett wir gelten taffen müffen!" sagte der Oberst, ihm die Hand reichend. „Also auf baldiger frohes Wiedersehen, inzwischen will ich sorgen, daß der Weinhändler Ordre parirt, die ganze Geschichte ist nur ein Miß»erständniß, das der Esel von Bursche verschuldet hat."
Der Doctor hörte die letzten Worte nicht mehr, er nahm von seiner Braut zärtlichen Abschied, und da sie wohl Beide befürchten mochten, daß der alte Herr feine Glossen darüber machen weide, so begleitete Fränzchen ihn hinaus.
„Mein Glück wird vollkommen sem, wenn Du mir die Nachricht bringst, daß Gustav seine Ehre und seine Freiheit zurückerhalten wird", sagte sie, mit eine« flehenden Blick ihn anschauend. „Wann darf ich Dich erwarten?"
„Gleich nach Tisch", erwiderte er. „Es kann zwei auch drei Uhr werden, ehe wir volle Gewtßhctt haben, und für Dich hat ja diese allein jetzt noch Werth. Aber wenn ich auch im Laufe des Nachmittags vergeblich auf mich warten lassen sollte, verzage deshalb nicht, Geliebte, es ist ja mögltch, daß wir auf Schwierigkeiten stoßen, die wir nicht vorausgesehen haben." , .
„Wenn er nur keine unüberwindliche Schwierigkeiten sind 1"
„Zweifelst Du noch immer?" scherzte er.
„Kannst Du es mir verdenken, Du theurer Mann? Nicht an Dir und Deinem ernsten Willen zweifle ich, das Gelingen eines solchen Planes hängt ja oft nur vom Zufall ab."
„Muth, mein Kind, Muth und nur noch kurze Zeit Geduld! Aber nun muß ich wirklich gehen, lebe wohl, auf frohes Wiedersehen!"
Er küßte sie noch einmal, dann eilte er Die Treppe hinunter und nachdem er vor dem Hause abermals einen prüfenden Blick auf seine Uhr geworfen hatte, schlug er den kürzesten Weg zum „Schwarzen Adler" ein, wo der Criminalrath mög- licherweise schon auf den Banquier Reichert wartete, der die englischen Banknoten von ihm kaufen wollte.
Oben stand Fränzchen am Fenster und blickte ihm mit leuchtenden Augen nach, während der Oberst mit tiefgefurchter Stirne und finster zusammenge- zogenen Brauen auf und nieder wanderte.
Endlich blieb der alte Herr stehen, feine Miene wurde wieder heiterer, als sein Blick auf dem fchönen Mädchen ruhte.
„Bist Du nun glücklich?" fragte er.
„Unaussprechlich glücklich!" erwiderte sie, sich zu ihm umwendend.
„Und Du hattest wirklich vor, eines thörichten Voruriheils wegen diesem Glück zu entsagen?"
„Za. Ich sah darin kein Voruriheil, ich glaubte, es sei meine Pflicht, und habe auch alle meine Bedenken offen ausgesprochen. Ich konnte nicht wiffen, daß Werner so edel dachte."
„Sieh, sieh, Du wußtest also, daß er um Derne Hand «erben wollte?"


