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„Das sagte ich auch", triumphirte Henning, „Unsinn, Fräulein! sagte ich zu ihr, wenn auch alle Engländer die schöne Vera Möller herabsetzen, — er heirathet sie doch, der Herr Reimann nämlich!"
„Der Henker hole Ihr Geschwätz!" brauste Reimann auf, „wie können Sie solche Dummheiten machen."
„Na, nur nicht so hitzig, junger Herr!" lächelte Henning überlegen, „weiß es ja aus bester Quelle, von ihrem Alten nämlich, der mein Pathe und ein guter Freund von uns ist. — Was nun dieses Fräulein Hartung anbetrifft, so ist sie eigentlich ein Prachtstück, ganz das gerade Gegentheil von ihrer Mutter, die immer geldprotzig und hoffärtig dreinschaut. Nein, ich sage Ihnen, Herr Reimann, die Thränen standen ihr in den Augen, über die Ge- schichte und sie könnte es Ihnen nicht verdenken, sagte Sie, daß Sie Vera heiratheten, sie wäre ein Engel an Schönheit und allem Uebrigen, war ja auch die reine Wahrheit ist, und sie, — Fräulein Hartung nämlich, ließe nichts auf Fräulein Möller kommen und wünschte nichts mehr, als daß Sie recht glücklich mit ihr würden, Herr Reimann!"
Dieser schwieg und hieb mit seinem Spazierstöckchen durch die Lust, als wünsche er dem Redseligen einige aufzuzählen.
„Na, soll ich Fräulein Hartung von Ihnen - grüßen?" fragte Henning zum Schluß, als sie bei der Wohnung der Damen angelangt waren.
„Unsinn, grüßen!" lachte Reimann, „Sie sind ein unverbefferlicher Patron, mein Lieber, dem man einen Maulkorb anhängen müßte wie dem Papageno!" !
Er schritt in's Haus und ließ den Hutmacher mit verblüfftem Gesicht stehen.
„Maulkorb, ja wohl, das hat man davon", grollte Letzterer, verdroffen weiter schlendernd, „als ob ich so dumm wäre, so blau — nicht zu merken, daß sie in den Patron da verliebt ist? — Na, Geduld, mein Bester! wollen sehen, wer der Klügste gewesen, hm, — die schöne Vera, — ja, die nimmt Dich noch lange nicht, das merkt der Stockstsch nicht, — oho, mit dem Maulkorb fängt man keine Verbrecher!''
Nach einige nicht sehr schmeichelhafte Redensarten in den Bart murmelnd, wandte er sich der Kartoffel- Allee zu, um hier seinen Gedanken weiter nachzuhängen. Er setzte sich auf eine der an dieser „Kunststraße" verschiedentlich angebrachten Ruhebänke und versank in seltsame Träumereien, die sich fast alle um die mysteriöse Persönlichkeit des Mylord Archibald drehten. Er schrak ordentlich zusammen, als er plötzlich Schritte und laute Stimmen vernahm und mehrere Herren sich nähern sah, in welchen er Engländer erkannte.
Diese schienen durchaus keine Notiz von dem einfachen Manne auf der Bank zu nehmen, sondern unterhielten sich in ihrer Sprache sehr eifrig und aufgeregt, während sie langsam an ihm vorüberschritten.
Henning spitzte selbstverständlich neugierig die Ohren, obwohl er ganz gleichgiltig dreinschaute und
sich nun langsam erhob, um seine Promenade fortzusetzen, wodurch er, da die Engländer sehr laut sprachen, stets in Hörweite von ihnen blieb. Die „Gentlemen" ahnten es nicht, daß unser Hutmacher das Englische zwar sehr schlecht sprach, aber ganz vortrefflich verstand, da er sehr viel mit englischen Seeleuten und Handelsbefliffenen verkehrte und sich ganz gut mit ihnen verständigen konnte. Bei seinem durch die angeborene Neugierde ganz außerordentlich geschärften Gehör vermochte er sehr bald das eigentliche Thema der Unterhaltung zu verstehen und horchte nun mit allen Sinnen, die höchste Einfalt und Gleichgiltigkeit dabei zur Schau tragend.
Das Thema war allerdings auch intereffant genug für den braven Henning, da es sich um nichts Geringeres, als um das bevorstehende Duell mit Reimann handelte. Die Herren, unter denen Archi- bald's Secundant der Hauptsprecher war, beriethen sich, wie sie den Hamburger Kaufmann schon im mercantilen Interesse und als Sühne für den armen Mr. Morgan, dessen Ueberreste am nächsten Tage eingeschifft und von Breme-haven aus nach England gebracht werden sollten, einen nachdrücklichen Denkzettel geben könnten.
Wenn Henning auch nicht Alles verstand, was die heftig durcheinander schwatzenden Herren verhandelten, so wußte er vermöge seiner starken Auffassungsgabe doch so viel daraus zu entnehmen, daß ein Duell wirklich und zwar schon gegen Abend statt - finden und ihr Gegner vom Kampfplatz weggeboxt werden sollte und zwar in Gegenwart einer ansehnlichen Gesellschaft, um der Sache einen pikanten Reiz zu verleihen und zugleich als Todtenopfer gMen zu können.
„Aha! Aha!" brummte Henning inwendig, „ich verstehe — man will uns Deutschen was am Kleide flicken — na, abwarten, John Bull, abwarten!"
Er spitzte auf's Neue die Ohren, als man erwog, daß der geboxte Hamburger möglicherweise zur Schußwaffe greifen und damit Unglück anrichten könne, was man in Anbetracht, daß dieses Opfer wahrscheinlich Mr. Archibald sein werde, nicht für bedenklich hielt, während einer der Herren den Vorschlag machte, dem Gegner die Waffen abzunehmen und ihn, um Gleichheit herzustellen, auf die Stärke und Geschicklichkeit seiner Faust zu verweisen, ein Vorschlag, der trotz seiner Absurdität einstimmig acceptirt wurde.
Henning ballte die eigene Faust in der Tasche und köpfte mit seinem Stock einige Kartoffelstauden.
„Infame Menschen!" knurrte er, während sein Gesicht harmlos lächelte; die voranschreiten den Herren warfen ihm hier und da einen Blick zu und zuckten dann, sich beruhigend, verächtlich die Achseln, da sie sicher waren, nicht verstanden zu werden.
Als Henning merkte, daß die Bersthung jetzt ein Ende genommen, machte er Kehrt und pflanzte sich wieder gemüthlich auf eins der Ruhebänke hin, um die Gesellschaft, welche keine Notiz von ihm nahm, vorüber zu lassen.


