Ausgabe 
25.9.1886
 
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Na ja", meinte Reichardt, der deutsche Gelehrte ruhigen Tones,Ihr seid alle noch sehr schwach, da ist's kein Wunder, daß es mit dem Ankerlichten noch nicht gehen will; in ein paar Stunden werdet Ihr Euch schon hinlänglich erholt haben und dann wird es schon besser von Statten gehen."

O Herr", entgegnete ein Anderer von der Mannschaft,glauben Sie das ja nicht; fünf Mann sind bei einem Ankertaue, wie dieses, von zwölf Zoll, genug, um die Winde zu bewegen, aber das bringen nicht fünfzig von der Stelle wir müssen hier verderben!"

Wohl, so kappt doch das Ankertau", mischte sich jetzt auch der junge Engländer in's Gespräch.

Hilft nichts", meinte philosophisch ein dritter Matrose;die Brigg steht fest, nicht Wind, nicht Wetter, noch Strömung noch auch schwache Menschen- kräste bewegen denJohn Douglas" von der Stelle; wir liegen hier fest, bis unsere Lebensmittel verzehrt sind, dann stirbt Einer nach dem Andern vor Hunger, dann nagen Stürme und Wellen an den Planken unseres armen Schiffes, bis eine nach der anderen sich losschält und endlich das halbzertrümmerte Ge­bäude heruntersinkt zu den Matrosen, die auf seinem Verdeck einst herumgewandelt sind und die nun wieder in ihre alte Cojen kriechen werden."

Auf dem geistvollen Antlitze des englischen Ge lehrten blitzte ein ironisches Lächeln auf, aber der vorige Sprecher fügte seinen Worten sofort die weiteren, mit großer Entschiedenheit ausgesprochenen Worte hinzu:

Nein, Herr, lachen Sie nicht, was ich sagte, ist die Meinung aller ehrlichen Theerjacken, mögen sie sich nun am Nordpol oder im Südsee-Archipel Herumtreiben. Wie es uns ergehen wird, so ist's schon manchem wackeren Schiffe ergangen und nur der Hergott könnte uns retten, wenn er sich nämlich ins Mittel legen wollte; aber ich glaube gar nicht, daß er das thun wird, denn es scheint verschiedene ungläubige Seelen an Bord zu geben."

Der Redner trat nach diesem deutlichen Miß­trauensvotum gegen die Passagiere desJohn Douglas" zur Gruppe seiner Kameraden zurück und es herrschte momentanes Stillschweigen, bis plötzlich ein lauter Freudenruf der Matrosen erscholl, welche, auf vier Sturmvögel deutend, die sich am Bugsprit des Schiffes zeigten, ohne daß sie vorher bemerkt worden wären, ausriefen:Da sind sie, die Seelen unserer Kameraden, nun kann noch alles gut werden!"

Ich möchte aber doch gern wissen", meinte der junge Deutsche mit einem gutmütigen Lächeln,wie sich beweisen ließe, daß in diesen Vögeln die Seelen Eurer tobten Kameraden stecken." .

Beweisen?" frug der jetzt hinzutretende Hoch­bootsmann,ja was wünschen Sie denn noch für einen Beweis? Sind die Vögel nicht soeben aus dem Wasser herausgekommen? Oder haben Sie die­selben etwa von ferne auf denJohn Douglas"

zufliegen fehen? Wie, ich denke, das ist so klar, wie irgend etwas auf der Welt sein kann."

Na", antwortete hartnäckig der junge Gelehrte, warum wäre es denn nicht möglich, daß die Sturm­vögel, von uns unbemerkt, über die See dahergezogen sind, da es doch ihre Gepflogenheit ist, daß sie sich immer dicht über der Wasseroberfläche halten?"

Herr", platzte da der Schiffsofficier ärgerlich heraus,ich kann Niemand zu meinem Glauben zwingen, aber das Eine weiß ich ganz genau, daß solche thörichte Reden das wieder aufkeimende Glück oft schon im Werden erstickt haben!"

Hendricks gab seinem jungen Freunde einen Wink zu schweigen, .während der erbitterte Seemann fortfuhr:

So wahr ich einst selig zu werden hoffe. Diese vier von Mutter Carey's Küchelchen sind die Seelen unserer ins Meer versenkten armen Burschen und in dieser Gestalt büßen Ned, William, Jack und Henry ihre Sünden ab, denn ruhelos ziehen Mutter Carey's Küchelchen von Ocean zu Ocean, sie landen niemals und lassen nie die, Schwingen rasten; aber gern machen sie einmal bei den Schiffen Halt, da in diesen Vögeln ja die Seelen todter Seeleute wohnen. Diese vier Sturmvögel sind nach meiner Ueberzeugung und vor meinen Augen, wie vor den Augen aller derer, die vor lauter Gelehrsamkeit und Unglauben nicht blind sein wollen, aus dem Meere aufgetaucht. Wenn man daran gedacht hätte, würde man noch haben sehen können, wie sich die Vögel von den Leichnamen da unten heraufgearbeitet haben und jetzt werden uns Mutter Carey's Küchelchen Er­lösung aus unserer bösen Lage bringen wie sie uns vorgestern durch die Schuld eines Frevlers Un­heil gebracht haben und hoffentlich wird sich dies­mal kein zweiter Frevler finden!"

Na, jetzt wissen Sie's, meine Herren", ertönte da die Stimme des Capitains, welcher unbemerkt zu den Passagieren und dem eifernden Bootsmann heran­getreten war,also nehmen Sie die Sache nicht mehr so scherzhaft, ich denke, Sie haben ein hartes Lehrgeld geben müssen. Und nun Jungens", wandte sich Mr. Dmnnore zu seinen Leuten, indem er auf ein leichtes, im Südosten austauchendes Ge­wölk deutete,ich denke, wir bekommen bald eine ganz hübsche Brise und nach meiner Berechnung können wir in drei Tagen doch in St. John sein. Also frisch an die Winden!"

Mit neuem Muthe gingen die Matrosen an das Ankerlichtm und unterstützt von den männlichen Passagieren, gelang ihnen die Arbeit diesmal über Erwarten schnell; nach einer Stunde hing der Anker, bei seinem Emportauchen mit lautem Hurrah be­grüßt, am Vorderbug, die Segel wurden gehoben und nach ein paar Stunden setzte ein frischer Süd- oster ein, so daß am Abend derJohn Douglas" in St. John einlief. Mutter Carey's Küchelchen hatten das Vertrauen, welches der Hochbootsmann auf sie gesetzt, glänzend gerechtfertigt.

Rcdaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießm.