Ausgabe 
25.5.1886
 
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und wenn ich Euch jetzt erblicke, will es mich be- dünken, als wenn auch Ihr mir kein Fremder wäret. Aber gleichviel. Die Zeit drängt für mich giebt's kein Rettungsmittel mehr. Ihr wißt so viel, und so mögt Ihr auch Alles wissen; und wenn Ihr noch einen Funken der Liebe für mich hegt, deren Ihr mich wiederholt versichertet, so rächt mich an dem Menschen, der mich ausgesandt, um Euch zu tödten.

Der Kommerzienrath Etwold "

Etwold nennt er sich mit kaum so viel Recht, als mit dem ich mich Duprat nenne, denn dieser ist der Mädchenname meiner Mutter. In Wahrheit heißt auch er Wellnau und ist mein Vater."

Riston machte eine heftig abwehrende Bewegung.

Unterbrecht mich nicht!" rief Duprat.Er liebte meine Mutter nicht, und nm sich ihrer zu ent­ledigen und eine vornehme reiche Dame heirathen zu können, ließ er sie in ein Irrenhaus sperren und sich auf Grund ihresunheilbaren Wahnsinns" von ihr scheiden. Meiner entledigte er sich, indem er mich an Leute zur Erziehung gab und dann heim­lich fortging, über's Meer, um hier in Deutschland unter einem fremden, feinem jetzigen Namen wieder aufzutauchen. Dar Andere geschah drüben in Canada. Ich hatte es dennoch gut bei den Leuten, in deren Pflege und Obhut er mich gegeben. Sie ließen mich für den kaufmännischen Stand erziehen; und als ich groß war, sagten Sie mir, daß ich nicht Duprat heiße, wie sie mich nach meiner Ihnen bekannten unglücklichen Mutter genannt, sondern Wellnau. Ich erfuhr von ihnen den ganzen schänd­lichen Handel die Jrrsinnigerklärung meiner Mutter und die feige Flucht meines fchuldbeladenen Vaters. Für Geld hatte er seiner Gattin Aufnahme in eine Anstalt erwirkt, und die schreckliche Behand­lung, die der Aermsten dort zu Theil wurde, sowie die Entziehung ihres einzigen geliebten Kindes hatte sie wirklich wahnsinnig gemacht. Ich erwirkte ihre Untersuchung durch unparteiische Aerzte, und sie konnten meinen Vorhaltungen nur mit Achselzucken begegnen. Da durchzuckte es mich blitzartig mit dem Gedanken einer furchtbaren Rache. Auch er sollte im Irrenhaus enden! Zu diesem Zwecke folgte ich ihm über's Weltmeer und spürte ihn auf hinter seinem falschen Namen und einem hochklingenden Titel. Seine Photographie aus früheren Jahren wurde mir der Pfadfinder zu seinem Versteck. Ich verschaffte mir Aufnahme in fein Geschäft und er­schmeichelte mir seine Gunst und sein Vertrauen, bis ich in meiner jetzigen einflußreichen Stellung eine vollständige Herrschaft über ihn errang, der er sich zähneknirschend beugte. Er ahnte nicht, wer ich war, und glaubte an meine Treue.

Mit mir war aber das Unglück in sein Haus eingezogen.

Seine über Alles geliebte Frau starb. Dann kam der Mord in der Schwedengaffe, den ich be­ging, aber nicht, um ihn vor der Rache des jungen Forster zu retten, dem er einmal die Hand seiner Tochter verweigert ha.tte, und dessen Vater er vor

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Jahr und Tag spurlos verschwinden ließ, als der selbe etwas entdeckte, was ihm verderblich werden konnte."

Auf Riston's Befragen über diesen Punkt be­richtete ihm Duprat, was wir aus dem früher Er­zählten schon wissen.

Meiner eigenen Rache", fuhr dann Duprat fort,wollte ich ihn aufbewahren, und zu jener sollte mir das Geld mit verhelfen, welches ich dem ermordeten jungen Forster abnahm. Dryden hat es mir gestohlen. Aber daraus brauchte ich mir Nichts zu machen; meine große Rache reifte schon ihrer Vollendung entgegen. Der geheimnißvolle Mord in der Schwedengasse legte den Keim zu einer schrecklichen Gedankemoirrniß bei Etwold; und jetzt befindet er sich auf dem besten Wege zum Irren­haus. Wenn er den Kellergewahrsam öffnet, wird er neben dem alten Forster auch seinen Sohn als Leiche vorfinden. Und das wird ihm verhängnißvoll werden."

Sein Sohn Eduard? Wieso?" fragte Riston. Und Duprat, schon mit abnehmenden Kräften, er­klärte ihm auch das.

Jener hatte bisher mit solcher fieberhaften Spannung gelauscht, daß er des Anderen nahe Auf­lösung vergaß. Er wurde jetzt in einer erschreckenden Weise daran erinnert.

O; wie gerne möchte ich Dir Hülfe bringen!" rief er verzweifelt.Und doch ich wage es nicht; ein Arzt wird Alles vorzeitig verrathen."

Der kann hier auch nicht helfen", erwiderte Duprat.Mir hilft kein Mensch mehr. Dieser Tod trifft mich verdient. Meine Rache überstieg Menschenkrast sie war dämonisch; ich selbst fiel ihr zum Opfer."

Riston begrub fein Gesicht in beiden Händen und stöhnte laut.

Schmerzt Euch mein Hingang, Alter?" fragte Duprat mit trübem Lächeln.Bah! Daraus muß man sich Nichts machen, da muß man lachen"

Sein Gesicht verzerrte sich; fein heiseres Lachen verwandelte sich in ein krampfhaftes Schluchzen. Duprat bot das schreckliche Bild eines mit dem Tode kämpfenden Menschen.

Rudolph!" schrie Riston plötzlich auf,Rudolph, stirb nicht!"

Und als jener sich langsam ihm zuwandte und das Bewußtsein ihm wiederkehrte, fügte er leise hinzu:Auch ich habe Dir noch Etwas zu bekennen und Dich darüber aufzuklären, was Dir in Deinem eigenen Leben noch dunkel und Geheimniß gewesen."

Sprich!" tönte es von Duprat's Lippen. Was ist es?"

Erinnerst Du Dich noch dessen", sagte Riston erregt,was ich Dir bei unserem ersten Zusammen­treffen von meinem eigenen Leben erzählte? Von dem Bruder, den ich suchte, und der mit seinen Ränken und Schandthaten mir das Leben zur Hölle gestaltete, mich zu dem machend, was ich bin ein Verkommener, ein Falschmünzer?"