Wenn eine Veränderung zum Schlechteren eintreten sollte, lassen Sie mich ungesäumt rufen. Wenn ich nicht zu Hause bin, lasse ich meine Adresse zurück. Ich habe die Ehre!"

Der Sanitätsrath ging mit leichtem Gruße hinaus; sein Wagen, der vor der Thür hielt, ent­führte ihn sofort zu einem anderen Patienten.

Etwold trat zum Fenster und schaute dem Da- vonfahrenden gedankenvoll nach.

Eine noch heftigere Gemüthsbcwegung vorher oder gleichzeitig", murmelte er;da märe ja Solt- manns Ansicht bestätigt und der Ermordete von ihr erkannt oder wiedererkannt bah! Edler ist ein Narr oder auch nur ein Träger der öffentlichen Meinung. Vielleicht spricht auch der Assessor durch ihn, der gerne etwas wissen möchte, was er von mir direkt nie erfahren wird."

Er trat in das Zimmer zurück. Er mochte es bemänteln wie er wollte, die Worte des Arztes hatten ihn doch sehr beunruhigt.

Alle Anzeichen wiesen darauf hin, daß Klara diesem schrecklichen Ereigniß nicht so fern stand, als er bei der ersten Erhebung der Anklage ihrer Mit­wissenschaft durch Mathies geglaubt hatte. Was sie mit demselben verband, war noch ein Räthsel, das nur ihre Zunge zu lösen vermochte. Er hätte sie gerne schon jetzt darum befragt, aber das drohende Nervenfieber schreckte ihn davor zurück.

Er mußte sich gedulden, so schwer ihm das auch ward, und sein Geheimniß in sich verschließen.

Wenn nur Duprat erst wieder zurück wäre", murmelte er, als er wenige Stunden später in seinem Privatkomptoir einige" lausende Briefe durchsah.

Er drückte ungeduldig auf eine Tischglocke. Jonas erschien.

Herr Commerzienrath befehlen?"

Leuchtmann soll kommen."

Der Diener ging, und gleich darauf erschien der Gerufene.

Es war dies ein kleiner alter Herr mit kahlem Schädel und einer ausgeprägten Gesichtsphpsiognomie.

Leuchtmann", sagte der Chef,ich gab Ihnen vorgestern einen Auftrag. Haben Sie denselben erfüllt?"

Sie meinen das Schreiben an den Herrn Duprat?"

Was sonst könnte ich meinen."

Ich habe es selbst expedirt."

Und warum antwortet Herr Duprat nicht? Warum kommt er nicht?"

Leuchtmann zuckte die Achseln.

Es wird wohl seine Richtigkeit damit haben, was Duprat sagt", sprach Etwold ärgerlich.Frei­lich Ihr Alter reizt zur Vergeßlichkeit."

Vergeßlichkeit?" staunte Leuchtmann. ,,Hat mir Duprat Vergeßlichkeit vorgeworfen?" Ein tiefer Unwille prägte sich in den Zügen des alten Mannes aus.

Hm" brummte der Chef;und eine Eigen­schaft, welche der Tod jeder regulären Geschäfts­

führung ist. Sie haben jedenfalls den Brief zu schreiben vergessen. Ich beauftragte Sie damit, weil derselbe vertrauliche Mittheilungen enthielt und weil Sie der Aelteste meines Geschäftspersonals sind. Nun pochen Sie auf den Umstand, daß der Brief nicht kopirt wurde, und behaupten dreist, daß Sie denselben geschrieben, während Sie es doch sicher vergessen haben."

Herr Kommerzienrat!)", erwiderte^ der alte Mann erregt,Sie erheben da eine Anklage gegen mich, die ich nicht unerwidert lassen kann. Meine langjährige Geschäftsthätigkeit, auf welche ich mit Genugthuung zurückblicke, hat mir wenn auch keine Ehren, so doch stets die volle Zufriedenheit meiner Vorgesetzten eingebracht. Ehrgeizig war ich nie und allen Lügen feind, sonst könnte ich heute vielleicht auch eine andere Stellung bekleiden."

Wollen Sie mir vielleicht damit anzudeuten wagen, daß Herr Duprat seine bevorzugte Stellung verwerflichen Mitteln verdankt?" fuhr Etwold auf.

Ich kann mich nicht enthalten zu sagen", ent­gegnete Leuchtmann,daß Herr Duprat lügt, wenn er mich der Vergeßlichkeit beschuldigt. Er kann mir keinen Beweis dafür erbringen, und wenn er kommt, wird er mir den Empfang des von mir ge­schriebenen Briefes selbst bestätigen müssen."

Sie führen eine kühne Sprache", sagte Etwold grollend.Was für einen Grund hätte Herr Duprat Ihnen Feind zu fein?"

Er haßt und feindet alles an, was sich nicht sklavisch vor ihm beugt, und wenn Sie meine ganz aufrichtige Meinung haben wollen, Herr Kommerzien- rath, so fürchte ich, daß sein maßloser Ehrgeiz Ihnen"

Was?"

Noch einmal verhängnißvoll werden wird."

Mir?" Mitleidsvolle Geringschätzung lag in dem Ton dieser Frage.

Ich fürchte es."

Und ich danke Ihnen für Ihre Besorgniß, die ganz überflüssig ist und mich nicht bestimmen kann, anders über die zur Sprache stehende Sache zu denken. Ich will in Ihrem Interesse hoffen, daß Sie Herrn Duprat keine Veranlassung weiter zur Klage geben werden; ich würde mich sonst genöthigt sehen, Sie sofort zu entlassen."

Leuchtmann fand auf diese niederschmetternden Worte keine Entgegnung mehr; ein stummes Kopf­nicken Etwolds bezeichnete ihm, daß er keine Fort­setzung der Unterhaltung wünsche. Der alte Mann wankte hinaus.

Im gleichen Augenblick trat der Bureaudiener Jonas von der nur angelehnt gewesenen Thür zurück. Das stete sauer-süße Lächeln, welches für seine Züge charakteristisch war, hatte jetzt den Ausdruck über- müthigen Spottes.

Leuchtmann bemerkte es und warf ihm einen wüthenden Blick zu.

Auch so Einer", knirschte er,der sich durch Lüge und Verrat!) emporgeschwindelt hat. Und