896
machten. Da von den fünf Osficieren des Regiments zwei in den letzten Tagen den Anstrengungen des Marsches und dem Fieber erlegen, die übrigen drei aber mitsammt dem Commandeur, dem Bey, von Fieberanfällen geschüttelt, unfähig zur Ertheilung von irgendwelchen Befehlen waren, so nahm ich einfach das Commando in die Hand, bestimmte die Nachtwachen, ließ Lebensmittel von unseren spärlichen Vorräthen austheilen und die Zelte an den trockensten Stellen aufschlagen, worauf ich mich am Feuer vor meinem Zelte niederließ und über das nachdachte, was uns wahrscheinlich schon die nächsten Tage bringen sollten. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich meinen nichtLweniger als erfreulichen Betrachtungen nachgehangen hatte, als stch Sadik Dima zu mir gesellte und mir winkte, mich mit ihm in das Zelt zurückzuziehen und aus seinen aufgeregten Mienen schloß ich, daß er etwas Wichtiges mitzu- theilen haben mußte. Dem war in der That so und was der alte Unterofficier durch seine Vertrauten erfahren hatte, war etwa Folgendes: In einem, ungejähr einen halben Büchsenschuß vom Lager entfernten stundenlangen Dickicht lagen mehrere Tausend der aufständischen Mompurru versteckt, bereit, auf das erste Zeichen aus dem Lager, welches Baber Mandschera geben sollte, über uns herzufallen; doch hatte Sadik auch in Erfahrung gebracht, daß das Zeichen erst gegen Mitternacht gegeben werden sollte. Wie der alte Unterofficier meinte, war außer seiner speciellen Abtheilung höchstens noch denjenigen Soldaten zu trauen, die in Chartum Frau und Kinder zurück- gelassen hatten, so daß die Zahl der Getreuen zusammen fich auf kaum 80 belaufen mochte. Mit diesem Häuflein konnten wir nicht einmal den Meuterern des Regiments die Spitze bieten, geschweige denn den Schaaren der aufständischen Mompurru und so saßen wir denn, wie sie gestehen müssen, Signor, in einer netten Klemme."
Der Erzähler hielt einen Augenblick inne, um sich seine ausgegangene Cigarre wieder anzuzünden und fuhr dann fort:
«„Unter diesen Umständen mußte es wahrhaftig als ein Glück erscheinen, daß, wie der Unterofficier weiter berichtete, sich in seiner Abtheilung ein Mann befand, welcher schon vor einigen Jahren einmal in diese Gegend gekommen war — es handelte sich, glaub' ich, um eine Recrutirung — und welcher behauptete, daß der Blaue Nil in der Nähe sei und daß zu ihm ein allerdings nicht leicht auffindbarer Wildpfad, den wahrscheinlich einmal eine Elephantenheerde breitgetreten hatte, führte. Gelang es uns, unbemerkt diesen Pfad und somit das Flußufer zu gewinnen, so standen unsere Sachen noch gar nicht so schlecht, nur handelte es sich zunächst darum, ob der betreffende schwarze Bursche, für dessen Zuverlässig, keit sich Sadik verbürgte, den Pfad auffand, denn dann konnte ich erst die Dispositionen für die Flucht treffen. Sadik hatte den Mann schon fortgeschickt und ihn beordert, nach seiner Rückkehr sofort zu
meinem Zelt zu kommen und ich zweifelte schon, daß ihm das Unternehmen bei der herrschenden Dunkelheit gelingen würde, als es leise an der Zelt- wand raschelte und ein schon älterer Soldat mit der Gewandtheit einer Schlange in das Zelt hereinglitt, wo er sich in einem Winkel niederkauerte — offen, bar war es der Erwartete. Rasch wandte sich der Unterofficier zu dem Ankömmling, mit dem er ein paar Worte wechselte und nun erfuhren wir von dem schwarzen Burschen, daß er den Wildpfad glück, lich gefunden, daß derselbe nur wenige hundert Schritte vom Lager begann und sich auf einer Seite befand, welche dem Dickicht, in dem die Mompurru versteckt waren, gerade entgegengesetzt war.
Nun galt es, ebenso umsichtig wie rasch und entschlossen zu handeln. Zwar hatten die Meuterer offenbar noch keine Ahnung davon, daß ihr schänd, liches Treiben längst entdeckt war, wir würden sonst wohl schon niedergemetzelt worden sein, aber das konnte noch jeden Augenblick geschehen; jedenfalls dursten die Verschwörer nicht das Geringste von der beabsichtigten Flucht erfahren. Nun, Signor", sagte der Italiener, sich ungenirt ein neues Glas einschenkend, „wie ich es mit des getreuen Sadik Hülfe angefangen habe, daß wir Alle mit Inbegriff der drei fast sterbenskranken Officiere unbemerkt sort- kamen, will ich Ihnen nicht weiter auseinandersetzen. Genug, etwa eine Stunde vor Mitternacht befanden wir uns unter Führung Sabi Datscho's — dies war der Name des schwarzen Burschen, auf dem nun unsere ganze Hoffnung beruhte — auf dem bezeichneten Wege nach dem Nil. Im Ganzen zählte der Zug 48 Köpfe, mit Einschluß der drei kranken Officiere — es waren dies außer dem Bey noch der eine Bimbaschi (Hauptmann) und der eine Lieutenant — welche letzteren, so gut cs gehen wollte, auf Maulthieren angebunden waren; eine Anzahl kranker Soldaten von den Gutgesinnten hatten wir überdies zurücklassen müssen, wir konnten doch nicht alle Kranken milnehmen! Andere Maulthiere trugen unsere Proviantvorräthe — viel war's frei- lich nicht für 48 Mäuler! — mährend jeder Mann seine Munition selbst mit sich führte. Sabbi Datscho befand sich natürlich an der Spitze des Zuges, während ich und Sadik Dima ihn beschlossen. Es war, wie ich wohl schon erwähnt, ziemlich dunkel und dies erschwerte natürlich ganz bedeutend unfern Marsch, der schon bei Tageslicht so manche Schwierigkeiten dargeboten hatte; aller Augenblicke stolperte man über eine Wurzel oder rannte mit dem Schädel gegen einen Baumstamm an, während Einem aller. Hand Schling- und Rankengewächse die Büchse immer wieder von der Schulter rissen oder das Gesicht peitschten. Schweigend eilte die Colonne, so gut dies eben möglich war, vorwärts, höchstens das Stöhnen der kranken Officiere, in das sich aus der Tiefe des Urwaldes dann und wann das Gebrüll eines Panthers mischte, unterbrach die herrschende Stille. (Fortsetzung folgt.)
Rebattios: 8. Gcheyd«. — Druck usb Brrlag brr Brüht'sche« Druckerei (Fr. 6gs. Pietsch) in Gieße«.


