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hoffend hier Wärme und Sonnenschein zu finden.
Drinnen im Salon hatte die Kunst den Lenz hervorgezaubert, Blumenduft erfüllte den eleganten Raum. Leisen Schrittes auf dem weichen Teppich ab- und zugehend, entfernte ein Gärtner alle Blumen, welche nicht mehr in voller Blüthe prangten; füllte die Lücken aus mit Kamelien und Hyazinthen, dazwischen Veilchen und Maiblumen geschmackvoll ein- fügend. Run übersah er befriedigt sein Werk und warf fragende Blicke nach der jungen Dame, welche wie ermüdet in einem Seffe! ruhend, keinen Blick für die freundlichen Kinder des Frühlings hatte. Erst als der alte Gärtner sie auf sein gelungenes Werk aufmerksam machte, schaute sie gleichgültig hin und sagte:
„Ja, Sie haben alles so schön geordnet, ich danke Ihnen für den prächtigen Schmuck zum morgenden Osterfeste."
Sie nickte ihm freundlich zu und versank wieder in Nachdenken, während der alte Gärtner mit einem wehmütigen Blicke auf die junge Herrin, geräuschlos das Zimmer verließ.
Nicht lange sollte Lucia sich selbst überlassen bleiben, ein Klopfen an der Thür ließ sie auffahren. Ein frisches blühendes Gesicht schaute lächelnd herein und eine muntere Stimme fragte:
„Darf ich kommen Luria? Die Festtagsarbeit ist vollendet, und Mütterchen gab mir Erlaubniß, heute noch zu Dir zu gehen, morgen würde ich ohnehin überflüssig sein."
„Sei herzlich willkommen, liebe Marie", unterbrach die Angeredete den Redefluß der Freundin, „Dein Besuch ist mir zur jeder Zeit eine Freude."
Es ließ sich kaum eine größere Verschiedenheit denken, als die, welche zwischen den beiden jungen Damen herrschte. Die eine mit dem bleichen Gesicht, dem glänzenden dunklen Haar, den tiefen Augen, in denen ein Ausdruck schweren Kummers sich unverkennbar ausprägte, überragte beinahe um Kopfeslänge die zierliche Gestalt der Freundin, welche, nachdem sie das leichte Strohhütchen von dem blondgelockten Kopf genommen, erst ihrem Entzücken über die Blumenpracht Ausdruck gab, ehe sie neben der Freundin Platz nahm."
„Aber Lucia, noch immer in tiefer Tauer? Ist das auch recht? Seit zwei Jahren schon schlummert Dein Vater im Grabe, Du bist-- jung, das Leben liegt noch vor Dir mit seinem Glanze, morgen kommt Dein Bräutigam!"
Lucia schauderte zusammen:
„Mahne mich nicht daran, wollte Gott, daß er niemals käme", rief sie aus, „das Leben liegt abgeschlossen hinter mir, der Glanz ist erloschen, ich muß nun auf immer im Finstern tappen, und morgen, morgen am Ostersonntag, an dem Freudenfest der Menschheit, der Auferstehung unseres Heilands, soll mein Elend voll werden!"
„Aber warum willst Du Dich mit dem Baron
Krotnow verloben, wenn Du mit Schaudern an ihn denkst?"
„Du kennst mich erst seit zwei Jahren, Marie, seit Dein Vater als Geistlicher hierher versetzt ward, und sich mir der Trauernden, Verwaisten, annahm, mir in der friedlichen Stille des "Pfarrhauses oft herzliche Gastfreundschaft gewährte und trostreiche, erhebende Worte zu mir sprach. Es wird mir nie gelingen mit meiner Tante in rechter Innigkeit zu leben, trotzdem, daß sie seit dem frühen Tode meiner Mutter, deren Stelle bei mir vertrat, wir sind allzu verschieden. Was noch nie über meine Lippen kam, Du sollst es erfahren, liebe Freundin, heute, vielleicht in der letzten Stunde ruhigen, ungetrübten Beisammenseins, mein trauriges Schicksal hören.
„Während ich in einer Pension in der Schweiz lebte, zog mein Vater, durch Gesundheitsrücksichten veranlaßt, hierher. Ich folgte ihm, nachdem meine Erziehung vollendet war. Ach, wie fremd, wie verlassen fühlte ich mich im Vaterhause, wie sehnte ich mich nach dem heiteren Kreise meiner Gefährtinnen zurück. Vater und Tante lebten vollständig zurückgezogen, auch mir wehrten ihre Standesvorurtheile jeden Verkehr.
Unser prächtiger Garten mit seinen herrlichen Blumen war meine einzige Freude, dahin flüchtete ich, um mich den fortwährenden Lehren und Ermahnungen der Tante zu entziehen, sie liebte zu meiner Freude den Aufenthalt im Garten nicht. Trotz meiner sechzehn Jahre war ich noch ein Kind, vergnügte mich am Ballspiel und nahm unfern alten treuen Hektor als Gefährten dazu.
Eines Tages schleuderte ich durch einen ungeschickten Wurf den Ball in des Nachbarsgarten, erschrocken spähte ich durch den grünen Zaun, da erschien ein junger Mann, das Cereviskäppchen keck auf dem blonden Haar sitzend, kennzeichnete ihn als einen Studenten, er bot mir mit verbindlichem Lächeln den Ball. Wir plauderten ein Weilchen, aus seinen Worten entnahm ich, daß er mich schon öfter beobachtet und nahm schließlich sein Anerbieten an, an Stelle meines treuen Hektor ihn zum Spielgefährten zu erwählen. Vergnügt wie Kinder schleuderten wir lachend und scherzend den Ball hinüber und herüber.
Dieser heitere Verkehr wiederholte sich täglich, da ich die Stunde wählte, wo der Vater ruhte, auch die Tante sich auf ihr Zimmer zurückzog, so blieb er unbemerkt, ich wunderte mich selbst, wie viel wir zwischen unserem Spiel hindurch zu plaudern hatten.
Aber die Ferien gingen zu Ende, der Student kehrte zurück zu seinen Wissenschaften. Die fröhliche Hoffnung auf ein Wiedersehen blieb mein einziger Trost. Es ward mir zu Theil. Wie manche frohe Stunde, in meinem, bei allem äußeren Glanze, doch so armseligen Leben, fand ich dort, unter dem Schatten der Bäume, an der grünen Blätterwand lehnend. (Fortsetzung folgt).
Redaktion; A, Scheyda. — Druck und N-rlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietfch) in Gießen.


