Ersehener Jamiüenblätter
BEMAifchW PMM MM Gießener Kszeiger»
M- 138
Dienstag den 23. November.
Mrs zur keHLen Kttppe.
Original-Roman von E. Heinrichs.
(Fortsetzung).
„Todt? — Ertrunken?" — wiederholte er lang- ? sam „in der That, ein tragischer Schluß dieser ganzen Grafengeschichte. Nun ist der Schwede ja wohl Universalerbe des Rodenburg'schen Vermögens?"
„So ist'» — kein Häkchen, woran man fassen könnte, um es diesem Aristokraten, der an und für sich schon reich genug fein soll, entreißen oder zu Gunsten des Sohnes einschreiten zu können."
„Der arme Felix! — Weiß Gott, wenn ich seinem Vater, dem alten Narren, nicht über'» Grab hinan« noch grolle. Nun sind Beide durch ein dunkles Ungefähr um'« Leben gekommen; der Mann durch eine Kugel, die junge Frau durch schwedisches Wasser. — Hm, wollen Sie mir wohl glauben, lieber Willing, daß jener Graf Altorf mir durchaus nicht gefallen hat?"
„Gewiß glaube ich Ihnen", nickte der Notar, „da er mir selber höchst unsympathisch erschien. Fräulein Gotthard geht noch weiter in ihrer Antipathie, da sie ihm gleich eine Marke andichten möchte."
„Hat sie Ihnen das gesagt?" fragte der Staatsanwalt überrascht. „Fräulein Natalie ist eine scharfe Beobachterin, deren Urtheil ich immerhin ein Gewicht beilege."
„Um Gottes willen, lieber Helmuth, — folgern wir nicht weiter", lachte der Notar, „Sie und Natalie würden den armen Grafen am Ende gar zu einem Abällino stempeln. Unsere persönliche Abneigung dürfen wir niemals zu einem peinlichen Ur» theilsspruch heranreisen lassen, das ist ein Grundsatz, dem ich unter allen Umständen treu bleibe, da wir das Gegentheil leider zu oft schon im Leben erfahren haben. Ihr eriminalistischer Scharfblick kann Sie auch in die Irre führen, lieber Staatsanwalt! — Fragen Sie den schwedischen Consul, — er wird Ihre Ansichten über den Grafen Altorf corrigiren.'
„Hm, ist längst schon geschehen", brummte Helmuth, „hat meine Ansicht indeß nicht besonders corrigiren können, da ich nur erfahren, daß die Grafen von Altorf unter dem ersten Bernadotte in Schweden eingewandert sind, große Güter und nur einen in der Welt umhervagabundirenden Erben, den Letzten des Geschlechts, noch besitzen —"
„Richtig, unfern Grafen Adalbert", fiel brr Notar mit einem siegreichen Lächeln ein.
„Der indeß wenig von der Noblesse der Familie sich bewahrt zu haben scheint, da er sich nicht ent» blödet, zu feinem Reichthurn das Vermögen der Frau an sich zu nehmen, trotzdem er wissen mußte, daß ein Sohn erster Ehe noch existirt, und er somit den rechten Erben beraubt. Hier steckt für den Criminalisten die verwundbare Stelle unser« gehörnten Siegfrieds."
„Sie gehen in Ihrem staatsanwaltlichen Combinationseifer ein wenig zu weit", versetzte Willing kopfschüttelnd. „Wären Sie Banquier ober Notar, Sie würden sicherlich zu einem andern Urtheil gelangen, da gerade der Reichthum den Golddurst immer mehr erregt und nur in äußerst seltenen Fällen eine bewunderungswürdige Ausnahme gestattet. Kann dieser letzte Graf Altorf, dem der Wandertrieb im Blut zu liegen scheint, nicht auf ein uner- schöpfliche« Erbe gerechnet haben und nun vielleicht am Abgrund des Ruins sich befinden? — Bah, lieber Freund! da« Rodenburg'sche Vermögen ist kein Pappenstiel und groß genug, um selbst einen Grafen damit zu ködern."
„Woher haben Sie die Nachricht von dem Tode der jungen Frau erhalten?" fragte Helmuth, als sie eine Weile schweigend weiter geschritten.
„Durch den Banquier Go.thard, an welchen der Graf selber geschrieben hat. Da» junge Paar hat einen Ausflug auf dem Wetternsee gemacht —"
„In dieser Jahreszeit?" fragte der Staatsanwalt erstaunt, „und bei dem schwedischen Klima? Das ist ja unerhört?"
„Mindestens leichtsinnig von einem gekorenen Schweden. — Nun, wie der Graf schreibt, soll das Wetter ungewöhnlich heiter und milde, und die junge Frau auf die Wasserfahrt ganz erpicht gewesen sein. Als galanter Ehemann hat er es ihr nicht abgeschlagen, aber es auch nicht voraussehen können, daß ein Sturm sich erheben werde. Er, der Graf, sei ein gewandter Seemann, weshalb er die Begleitung eines Bootsführers abgelehnt habe, um selber das Schifflein zu leiten und die schöne Fahrt allein mit der geliebten Gattin zu machen und so weiter."
„Und so weiter", nickte Helmuth gedankenvoll, „was darauf folgt, ist ein schwarzes Blatt, welches mit der jungen Frau in die Tiefe hinabgesunken ist. — Der zärtliche Gatte vermochte das Kunststück der eigenen Rettung fertig zu bringen, während sein Weib unterging, wie nennen Sie denn das, mein Bester?"
„Selbstsucht, — welche die Welt stets regiert


