Ausgabe 
23.1.1886
 
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Liebe seiner Braut wird ihm bleiben, und da Madame Winkler sehr reich ist" =

Kann ihr Reichthum ihm die verlorene Ehre zurückgeben?"

Nein, dar freilich nicht, aber"

Und was ist ein Mann ohne Ehre?" fuhr Fränzchen in herben Tone fort.

Er kann drüben, wo ihn Niemand kennt, ein neues Leben beginnen, es ist wahr, aber den Wurm, der ihm am Herzen nagt, nimmt er mit hinüber."

Na, na, wir wollen noch nicht verzagen", sagte der Oberst ermuthigend.Weißt ja, wie sehr auch mir an seiner Ehrenrettung liegt, mitunter hängt ja Alles nur von einem glücklichen Zufall ab."

Oder von einem unglücklichen, dem Gustav ganz allein seine ungerechte Verurtheilung zu ver­danken hat."

Die Thüre öffnete sich in diesem Augenblick, das breite, dumme Gesicht des flachsköpfigen Burschen blickte grinsend ins Zimmer.

Der Herr Doctor!" sagte er, dann verschwand das Gesicht wieder.

Der Oberst erhob sich rasch und ging dem Ein­tretenden entgegen, den er mit einem Handdruck be­grüßte, über da» Antlitz Fränzchen» glitt flüchtig eine dunkle Röthe, al» sie den Gruß des Advokaten erwiderte.

Bringen Sie uns gute Nachricht?" fragte der alte Herr, nachdem er seine Pfeife in eine Ecke ge­stellt und dem Doktor einen Stuhl angeboten hatte.

Ja", erwiderte der Rechtsanwalt, an seiner Brille rückend und dem freudig aufschauenden Mädchen einen Blick voll herzlicher Innigkeit zu­werfend,aber Sie muffen mir gestatten, daß ich da» noch verschweige, was ich einstweilen Ihnen nicht verrathen darf. Sie werden vielleicht, ja sehr wahr­scheinlich heute Abend alles erfahren, aber so lange wollte ich Sie nicht warten lassen, an meiner Freude darüber, daß wir nun vor dem Ziele stehen, sollen Sie Theil nehmen."

Und dafür sage ich Ihnen meinen herzlichsten Dank", antwortete Fränzchen, in deren Augen e» freudig aufleuchtete.Wir wollen gerne uns ge­dulden und schweigen, wenn Sie es fordern, nur das Eine sagen Sie uns, dürfen wir jetzt mit Sicher­heit auf die Befreiung und Ehrenrettung meines Bruders rechnen?"

Ich glaube es zuversichtlich", nickte der Doctor, ich vertraue darauf, daß der wirkliche Thäter heute Mittag verhaftet wird."

Wer ist es?" fragte der Oberst hastig.

Das ist eine von den Fragen, die ich noch nicht beantworten darf."

Hat man überzeugende Beweise?"

Wir werden sie hoffentlich heute Mittag er­halten. Von zwei Seiten stehen uns diese Beweise in Aussicht, glückt das Eine nicht, so wird wohl das Andere glücken."

Und wenn nun Beides fehlschlüge?' fragte Fränzchen mit neu erwachender Besorgniß.

Ich fürchte das nicht", tröstete der Doctor.

Es wäre dennoch möglich."

Nun, dann sind wir doch jetzt dem Manne so dicht auf der Ferse, daß er uns schwerlich entrinnen kann."

Er könnte die Stadt verlassen"

Wir würden es ihm jetzt nicht mehr erlauben, mein Fräulein. Wir haben schon genug entdeckt, um seine Verhaftung beantragen zu können."

Na, das ist ja schon eine Bürgschaft für die Erfüllung unserer Hoffnungen", sagte der Oberst, der eifrig mit seinem Schnurrbart beschäftigt war. Schwerenoth, wenn dieser Schurke hinter den schwedischen Gardinen sitzt, dann wird es ihm wohl klar werden, daß er bekennen muß! Nur fest in der Attaque, Herr Doctor, lassen Sie sich nicht aus dem Sattel werfen!"

Seien Sie unbesorgt", erwiderte der Advokat, was wir begonnen haben, das soll auch durchze- führt werden, und wie die Dinge augenblicklich liegen, darf ich Ihnen nochmals die Versicherung geben, daß der Thäter uns nicht entwischen wird."

Glauben Sie, daß dann auch die verschwundenen Banknoten gefunden werden?" fragte der Oberst.

Gewiß. Gerade durch das Auffinden dieser Banknoten wird der Dieb entlarvt werden."

Ah, da» wäre mir lieb für den Baron von Buffe! Er sagt zwar, er habe den Verlust schon ver­schmerzt, aber Schockmillionen, so reich er auch sein mag, bitter ist es doch, eine Summe von hundert­fünfzigtausend Thalern verlieren zu sollen!"

Die ganze Summe wird er schwerlich zurücker­halten", antwortete der Doktor kopfschüttelnd,es wäre denn, daß das Gericht erkennt, sie gehöre nicht zur Maffe, weil Reichert sie nur zur Aufbewahrung erhalten habe. Darüber läßt sich später noch reden. Reichert hat schlecht gewirthschastet, möglicherweise wird eine Anklage wegen betrügerischen Bankerott» gegen ihn erhoben werden. In seiner Familie scheint man das auch zu befürchten, sein Schwieger­sohn Menzel hat zu Gunsten der Gläubiger schon auf seine Villa verzichtet, und werden nun auch die fünfzigtausend Thaler wieder gesunden, die mit dem Gelbe de» Baron von Busse, dem bankerotten Banquier gestohlen sein sollen, dann dürfen die Gläubiger mit einem blauen Auge davonkommen."

Das wäre ihnen zu wünschen", sagte der Oberst,Menzel hat da sehr ehrenhaft gehandelt"

Er hat wohl so handeln müssen. Die Gläubiger würden ihn schwerlich in dem Besitz der Villa ge­lassen haben, die sie als ihr Eigenthum reclamiren konnten."

Und an das Verschwinden der fünfzigtausend Thaler scheinen Sie auch nicht zu glauben."

, Erst dann, wenn ich das Geld vor mir sehe." Ach, dann halten Sie Reichert also für «inen großen Schurken?"

Ich leugne das keineswegs, wenn ich es auch jetzt noch nicht auszusprechen wage."

Schockmillionen, nun weiß ich auch schon, wer