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Seite des Hellespont bei Kallipolis (Gallipoli) so lange ein Lager zu beziehen, bis er sich einem anderen kaiserlichen Heere, das gegen die Bulgaren fechten solle, anschließen könne. Der Kaiser meinte durch Trennung der Waffen sei jenes fürchterliche catalonische Söldner-Heer, welches er selbst berufen, zu schwächen und alsdann leichter zu zügeln. Roger kam, nachdem er starke Besatzungen in den anato- lischen Städten zurückgelassen hatte, dem Befehle des Andronikus nach und verschanzte sich mit seiner ganzen 'übrigen Macht in dem festen Kallipolis. Von hier aus unterhandelte er mit dem Kaiser wegen Bezahlung des rückständigen Soldes und über seine eigene Erhebung zur Würde des Cäsar, der vierten im byzantinischen Hofrange, sowie über die für den bulgarischen Krieg gemeinsam zu treffenden Maßregeln.
Aus guten Gründen wich Roger lange den Einladungen des Kaisers aus, jene Würde in Constanti- nopel selbst aus seinen Händen zu empfangen. Erst nachdem der Kaiser auf das Bild der von St. Lucas selbst gemalten Gottesmutter geschworen, daß Roger kein Leid geschehen solle, zog dieser nach der Hauptstadt, woselbst er glänzend empfangen wurde. Als Roger aber einige Tage später nach Adrianopel reiste, um Michael, dem ältesten Sohne des Kaisers seine Erfurcht zu bezeugen, ward der siegreiche Held, trotz des verpfändeten kaiserliches Wortes, mit seinem ganzen Gefolge erschlagen. Zu gleicher Zeit wurden auch alle zu Constantinopel und in den thracischen Küstenstädten wohnenden Catalonier überfallen und ermordet. Ehe noch die Nachricht von diesen Ereignissen nach Kallipolis drang, stand Michael mit seinem Heere von Turkopolen und Alanen vor dieser von den Cataloniern besetzten Festung. Er erbeutete sämmtliche Pferde, welche in den umliegenden Dörfern untergebracht waren und tödete außerdem tausend Krieger. Den Cataloniern verblieben nur 3307 Mann und 300 Pferde, doch war ihr Muth ungebrochen und sie rüsteten sich zur kräftigsten Gegenwehr, um das feste Kallipolis zu behaupten. Ententza, der die Festung befehligte, sandte sofort einige Ossiciere und Krieger nach Constantinopel, um dem Kaiser nach damaliger Sitte, sein ver- rätherisches Benehmen vorzuhalten und ihm regelmäßig den Krieg zu erklären. Aber auch diese Abgeordneten, 27 an der Zahl, wurden dem gegebenen Worte und jedem Völkerrechte entgegen auf ihrer Rückkehr durch die kaiserliche Schutzwache zu Rodosto ermordet.
Unterdessen zog des Kaisers Sohn Michael mit 30,000 Mann Fußvolk und 13,000 Reitern vor Kallipolis. Berengar d' EnteiM, Roger's Nachfolger, war aber bald des eintönigen Belagerungskampfes müde und unternahm deshalb gegen den Rath der anderen Krieger mit dem größten Theile seiner Truppen einen Seezug gegen Constantinopel. Er besetzte Heraclea und verheerte das Küstenland bis Panion und Rodosto, tödtete alle lebenden Wesen
und zündete alle Wohnungen an. Auf der Heimkehr stieß d'Ententza aber unvermuthet auf eine Flotte von 18 genuesischen Kriegsschiffen, deren Befehlshaber Eduard Doria, den catalonischen Kriegshauptmann mit seiner ganzen Mannschaft unter der Larve der Freundschaft gefangen nach Pera führte. Dieser neue Verlust verbreitete unter der Besatzung von Kallipolis den furchtbarsten Schrecken, blieben doch nur noch 1200 Fußgänger und 206 Reiter, als die Reste des catalonischen Heeres, zur Ver- theidiguug des Platzes übrig. In der ersten Bestürzung wollten sie wirklich den Platz verlassen und zu Schiffe nach Mytilener Lesbos ziehen. Bald aber ermannten sich die Catalonier wieder und zerstörten ihre Fahrzeuge mit eigenen Händen, nur von ihrem Muthe Rettung erwartend. Sie schwuren, nicht eher die Küsten des byzantinischen Reiches zu verlassen, bis sie den Tod ihrer Waffenbrüder an den treulosen Griechen gerächt hätten. Rocafort erhielt den Oberbefehl, ihm zur Seite stand ein Kriegsrath von zwölf erfahrenen Männern und das ge- sammte catalonische Heer nannte sich: „Hueste de los frances, que regnan en Thracia y Macedonia. (Armee der Franken, welche in Thracia und Mace- donien herrschen). Diese Bezeichnung ließen sie mit dem Bilde des Ritters St. Georg auf ein Siegel stechen, welches sie allein ihren Erlassen beidrückten. Michael hoffte, nach Enten^a's Niederlage, bald die wenigen überlebenden Fremdlinge zu vertilgen. Am 3. Juni 1306 versammelten sich aber die Catalonier, beim vornehmsten Thurme ihrer Festung. Sie beteten und riefen, wie Muntaner, ein Augenzeuge des Kampfes schreibt, St. Peter an. Dann stimmten sie mit großer Jnnbrunst das „Salve Regina" an und stellten sich in Schlachtordnung auf, so daß die ganze Mannschaft zu Fuß und zu Pferd nur eine Linie bildete. Die Catalonier steten einen Haufen von 8000 Reitern, welcher nahe dem Thor stand, mit solcher Wuth an, daß sie mit den Fliehenden zugleich in das feindliche Lager auf der Anhöhe ein- drangen, woselbst sie das ganze byzantinische Heer nach einem wüthenden Kampfe auseinandertrieben. Michael entfloh mit den schwachen Resten seiner Söldner. Die Catalonier gaben an, in jener Schlacht 20,000 feindliche Fußgänger und 6000 Reiter erschlagen, selbst aber nur 3 Mann verloren zu haben. Auf die Nachricht des großen Sieges strömten Abenteurer von allen Seiten nach Kallipolis, so daß sich die Catalonier kräftig genug fühlten, den mit frischen Söldnerhaufen heranziehenden Feldherren des Kaisers entgegen zu rücken. Nachdem aber Michael in zwei weiteren Schlachten, beim Schlosse Apros und in der Nähe von Knypselos auf der Straße von Adrianopel, durch die Catalonier besiegt worden war, verschwand er aus immer aus jener Gegend. (Schluß folgt.)
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Berlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


