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sank, „Sie erinnern sich doch, daß ich den Menschen damals verfolgte, — wissen wohl, von wegen —"
Er machte eine bezeichnende Kopfbewegung zu Vera hin, welche noch immer von dem alten, galanten Herrn festgehalten wurde.
„Ach so, vor vierzehn Jahren, als Sie das Medaillon erbeuteten, Herr Henning I" flüsterte Natalie nun ebenfalls erregt.
„Ganz recht, — ich brachte es nach der „goldenen Traube", wo Sie just mit dem seligen Herrn Notar waren. Also, der feine Herr, welcher sich wahrscheinlich aus der Arbeiterraups entpuppte, und dann so frech war, nach der „Traube" zu kommen, um nach der Kleinen zu fragen, der scheint, was die Augen anbelangt, mit diesem Mylord verwandt zu sein, derselbe böse Blick, wissen Sie, Fräulein, als wenn die Augen spitzige Dolche wären. Na, der Musje foppte uns dazumals, — ich paßte auf wie ein Luchs und er entwischte uns doch, — wer weiß, wer weiß! — Wollte nur eins, daß der.Staatsanwalt hier wäre —"
„Er wird wahrscheinlich morgen kommen", raunte ihm Reimann zu.
„Hurrah, das wird eine Kur werden", rief Henning, seinen Hut vor Freude schwenkend.
„Um Gottes willen, still!" flüsterte Reimann zornig, „wenn Sie nicht schweigen und reinen Mund halten, können wir Sie hier nicht gebrauchen, lieber Freund!"
„Na, ich bin schon ganz still, Herr Reimann! aber freuen darf man sich doch und ich werde diesmal bester aufpassen, daß er uns nicht entwischt."
„Sie scheinen Ihrer Sache sehr sicher zu sein, Herr Henning!" bemerkte Natalie, welche auffällig bleich geworden war, „wenn Sie sich nur nicht auf falscher Fährte befinden und mit Ihrem Eifer in's eigene Netz gerathen. Wir sind nicht in Hamburg, lieber Freund, jener Mann ist Engländer und genießt hier doppelten Schutz."
„So ist's, lieber Henning!" nahm Reimann rasch das Wort, „eine zufällige Aehnlichkeit im Blick berechtigt nicht zu einer solchen Annahme, da es sich, wie ich voraussetze, in Ihrer Einbildung jedenfalls um einen schweren Verbrecher handelt. — Nehmen Sie sich in Acht mit den Engländern, zumal auf diesem Boden, wo ihre Flagge weht, ist nicht zu scherzen; ich warne Sie aufrichtig —"
„Ist schon gut, sollen Dank haben, Herr Reimann!" unterbrach ihn Henning etwas brüsk und empfindlich. „Werde mich in Acht nehmen und den Spitzbuben in Ruh lassen, bis der Herr Staatsanwalt kommt. Empfehle mich Ihnen, meine Herrschaften!"
Er ging nach diesen Worten mit raschen Schritten fort.
„Wir haben ihn erzürnt", bemerkte Reimann achselzuckend, „aber der gute Mann ist auch ein wenig täppisch und zudringlich und kann sich und Andere leicht compromittiren, ja, sogar in ernstliche Gefahr bringen."
Natalie erwiderte nichts, starr blickte sie in die weite Ferne, ohne doch etwas wahr zu nehmen, da ihr inneres Auge in der Vergangenheit weilte und hier die Möglichkeit erwog, ob jener schreckliche Mensch, welcher aller Wahrscheinlichkeit nach Vera's Mutter ermordet hatte, wiederkehren und seine Rechte an dem Kinde geltend machen oder auf sonstige unheimliche Art ihre Zukunft bedrohen könne. Das zur schönsten Jungfrau erblühte Mädchen war ihr theuer wie eine Schwester geworden, sie liebte und bewachte es mit eifersüchtigem Herzen und füllte dadurch die Leere des eigenen Lebens aus.
Mit wachsender Angst sah sie in der seltsamen Annäherung und hartnäckigen Begleitung des Engländers eins Bestätigung jener furchtbaren Behauptung, da sie sich sehr wohl erinnerte, daß der alte Notar Willing den Hutmacher aus Altona für ein kleines criminalistisches Talent erklärt und sogar der Staatsanwalt ihm beigestimmt hatte. Ein unerklärliches Entsetzen packte sie mit unheimlicher Gewalt und drängte sie zu dem Entschluß, mit der ersten Gelegenheit Helgoland zu verlassen und Vrra in Sicherheit zu bringen.
„Hat der Hutmacher Sie mit seinen Visionen angesteckt, meine Gnädige?" tönte plötzlich Nei- mann's Stimme wie aus einer anderen Welt an ihr Ohr.
Sie schrak fast zusammen.
„Man wird wahrhaft nervös von solchen Geschichten", lachte sie etwas gezwungen. „Zuerst das Vehmgericht und sodann die Gespenster der Vergangenheit, Material genug zu einem Schauerroman. Gehen Sie, bitte, jetzt Ihren Weg, Herr Reimann! Ich will mit Vera noch ein wenig promeniren und Ihnen nicht zumuthen, unsere Acht, also unser Geschick zu theilen."
„Bitte, Fräulein Natalie, „schicken Sie mich nicht fort", sagte Reimann sehr ernst, „meine Begleitung dürfte ihnen doch von Nöthen sein."
„Ich kann mir kaum denken, daß dergleichen unter gebildeten Menschen vorkommen darf", meinte Natalie, die schön geschwungenen Brauen zusammenziehend. „Ich fürchte mich nicht und werde jetzt gerade dieser rohen Meute trotzen."
„Um schließlich einzusehen, daß ich recht gehabt und man Sie und Fräulein Vera in einer Weise beleidigt hat, welche Sie zum Rückzüge zwingen muß. Bedenken Sie, meine Gnädige, daß Ihre eigenen Landsleute Partei wider Sie ergriffen haben. Die Herren, welche sich zumeist um Hartung's Fahne geschaart, tragen noch schwer an den Körben, welche Sie ausgetheilt."
„Es ist schmachvoll!" unterbrach Natalie ihn, sich stolz aufrichtend, „und ich wiederhole es, daß Hartung für seine erbärmliche Handlung nach Gebühr bestraft worden ist. — Komm, liebe Vera!" wandte sie sich zu dem jungen Mädchen, welches, verwundert näher tretend, ihre letzten Worte gehört hatte, „wir wollen noch ein wenig promeniren."
Sie verneigte sich anmuthig, ergriff Vera's Arm


