Ausgabe 
21.8.1886
 
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Ich kauerte mich am Rande der Wiese, von den Zweigen eines niederen Tamarindenbaumes voll­kommen gedeckt, nieder und lauschte angestrengt nach der sonderbaren Versammlung hin. Eben erhob sich wieder ein lautes, wie zornig klingendes Stimmen­geräusch, das aber jetzt von einer Hellen, scharfen Stimme übertönt wurde und da der Wind von der Versammlung herstrich, entging mir kein Wort der Rede, welche in der auch mir verständlichen Sprache der Hammed-Neger, welche vielfach die Umgangs- spräche der eingeborenen Stämme am Blauen Nil bildet, gehalten wurde.

«Brüder", begann der Sprecher, der sich in der Mitte der Versammlung befinden mußte,wollt Ihr noch ferner die Sclaven dieser türckischen Hunde sein, wollt Ihr wirklich gegen Eure eigenen Brüder fechten, wie es der Pascha in Chartum befohlen? Nein, ich kann das nicht glauben, oder es müßte nicht mehr das Blut Eurer Väter in Euern Adern rollen Ihr könnt es noch nicht vergeffen haben, wie die Schergen des grausamen Pascha's Euch von Euren Weibern fortrissen, um Euch in die verfluchte Uniform des Paschas von Egypten zu stecken und Euch, die Söhne der Freiheit, in die Mauern ihrer dumpfigen Städte zu pferchen? Gelüstet's Euch nicht, von diesen schmählichen Sclavenketten loszukommen und wieder als die freien Söhne des Dschesireh (Semaar) den Strauß und die Antilope zu jagen? Jetzt, Brüder, habt Ihr Gelegenheit, Eure Heimath wiederzusehen Ihr wäret Thoren, wolltet Ihr dieselbe unbenutzt vorüberstreichen lassen."

Etwa in dieser Weise hetzte der Sprecher, der wahrscheinlich einer der Unterosficiere war, die Leute auf und Sie können sich denken, daß diese Ansprache bei den schwarzen Burschen, die ja alle gewaltsam aus ihrer Heimath fortgeschleppt worden waren, zündete. Wieder erhob sich ein zorniges Murmeln und eine ganze Anzahl Stimmen sprachen durchein­ander, so daß es mir schwer wurde, den weiteren Verhandlungen vollständig zu folgen, dennoch harrte ich an meinem Posten noch aus und so viel entnahm ich wenigstens aus den Debatten der etwa 50-60 Köpfe zählenden Versammlung, daß die allgemeine Empörung erst in einigen Tagen stattfinden sollte, wenn das Gebiet der Mompurru erreicht war. Man hoffte bis dahin die etwa noch zögernden Soldaten mit für die Sache der Aufständischen zu gewinnen, die Widerstrebenden aber sollen dann, gleichwie die Osficiere, zu denen auch ich gehörte, da mir bei meiner Attachirung an das Regiment Lieutenants­rang verliehen worden war, einfach niedergemacht werden. Nachdem ich mich von dem Rendezvous- Platze der Verschworenen wieder zurückgezogen hatte was ich unbehelligt ausführte, da dieselben sich offenbar sehr sicher fühlten und darum nicht einmal Posten ausgestellt hatten überlegte ich, wieder an meinem Feuer liegend, was nun zu thun sei."

Der Italiener hielt einen Augenblick inne, zündete feine ausgegangene Cigarre wieder an und berichtete

dann weiter:Sie werden zugeben, Signor, daß mich meine abenteuerliche Lust in eine verteufelte Patsche geführt hatte. Von den etwa 1200 Mann, welche das Regiment zählte, gehörte sicherlich die Hälfte jetzt zu den Verschworenen oder würde sich doch bei der ersten besten Gelegenheit bereit erklärt haben, mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen. Wie aber sollte man diese herausstnden? Und war es nicht möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß bei einer ernsten Untersuchung die Verschworenen, wenn man sie auch entdeckte, schnell über die Ucbrigen her- fallen und sie niedermetzeln würden? Es wäre aller­dings meine nächste Pflicht gewesen, den Officieren und besonders dem Commandeur, dem Bey, Mit- theilung von meiner Entdeckung zu machen, aber diesen Türken traute ich weder Umsicht noch Energie zu, in dieser gefährlichen Situation entsprechend zu handeln, vielleicht hätten sie auch gerade verkehrte Maßregeln getroffen. Konnte ich aber denn wirklich Niemand zum Vertrauten machen? Freilich, ich be­fand mich ja erst einen Tag beim Regiments und von großen Bekanntschaften konnte da keine Rede sein, ich besann mich jedoch auf das ehrliche und doch kluge Gesicht Sadik Dima's, des alten Unter» officiers in der Tote des Regiments, mit dem ich, neben ihm herreitend, allerlei geplaudert hatte. Sadik stammte, wie ich von ihm erfahren, aus dem östlichen Sudan, also durchaus nicht aus der Gegend des Ausstandes der Mompurru, und hatte schon unter Mehemed Ali, dem Eroberer des Sudan, im egyptischen Heere gedient und namentlich in Syrien mitgefochten ein so alter Soldat konnte unmög- lich seiner Fahne treulos werden und ich beschloß daher, Sadik gleich am nächsten Tage ins Vertrauen zu ziehen.

Als wir daher am nächsten Morgen weiter marfchirten, wußte ich er so einzurichten, daß ich mich mit Sadik Dima etwas abseits von der Colonne hielt, was nicht auffallen konnte, da das Terrain von Gebüschen und Sümpfen durchschnitten war und nur einen Marsch in aufgelöster Colonne gestattete. Kurz entschlossen, theilte ich Sadik die bedenklicbe Entdeckung mit, die ich gemacht, aber der alte Unter- officier zeigte sich gar nicht so sehr überrascht, er nickte vielmehr höchst bedächtig mit dem Kopfe und meinte, so etwas hätte er sich beinahe gedacht, er sei selber schon einmal bei einer ähnlichen Affaire dabei gewesen. Wir hielten nun Kriegsrath, wobei Sadik meiner Ansicht, daß den Officieren vorläufig noch nichts mitzutheilen sei, vollkommen beipflichtete. Im Geheimen wollte er aber den Rädelsführern möglichst nachspüren und überhaupt zu erforschen suchen, wer noch treu gesinnt war und da sich der alte Unterofficier im Regiments einer großen Be­liebtheit erfreute, so konnte ihm dieses Unternehmen nicht allzu schwer fallen.

(Fortsetzung folgt.)

«edaetion: «. Sch«,da. Druck und Verlag der »rShk'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gie^n.