Ausgabe 
20.7.1886
 
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Ihnen die Gründe mittheilte, was verpflichtet Sie dann, Verschwiegenheit zu beobachten?"

Sein letzter Wunsch, den ich ehren und be­folgen werde."

Aber wenn durch dieses Schweigen der Schuldige seiner gerechten Strafe entzogen wird?"

Sie als Criminalbeamter mögen darin wohl ein Verbrechen finden", sagte der Oberst lächelnd, aber auch dieser scheinbar schwerwiegende Grund kann mich nicht veranlassen, mein Schweigen zu brechen. Ist die Reise nach Wiesenthal jetzt eine beschloflene Sache?"

Jawohl!"

Und wann werden Sie reisen?"

Erst in einigen Tagen."

Dann werde ich wohl vor Ihnen dort sein, ich trete meine Reise morgen, spätestens übermorgen an."

Und wie lange werden Sie in Wiesenthal bleiben?'

Ich weiß es noch nicht", erwiderte der Oberst, während er an der blauen Brille rückte;wenn mir Land und Leute gesallen, bleibe ich vielleicht einige Wochen da."

Und dann reisen Sie nach Amerika zurück?" Wahrscheinlich."

So ist das neue Vaterland Ihnen mehr an da» Herz gewachsen, als das alte?"

,Offen gesagt ja I Aber davon abgesehen, zwingen auch meine eigenen Jntereffen mich zur Rückkehr nach Amerika; ich habe drüben mein Geschäft."

Sie ein Geschäft?" fragte Rommel erstaunt.

Wundert Sie das?"

Ein Oberst und"

Bah! was gilt drüben ein Titel! Wir lösen nach einem Kriege unsere Armee auf, und Jeder kehrt zu seiner früheren Beschäftigung zurück. Ich war schon vor dem Kriege mit einem Freunde affocirt; er leitet auch jetzt während meiner Ab­wesenheit das Geschäft allein."

Ein Handelsgeschäft?"

Petroleumquellen."

Daran muß wohl enorm verdient werden?"

Ja, wir haben viel verdient", sagte der Oberst gleichgiltig, indem er da» Glas erhob und mit seinem jungen Freunde anstieß,das Glück hat uns be­günstigt, und Glück muß man haben, wenn man vorwärts kommen will."

Roch Keinen sah ich fröhlich enden, auf den mit immer vollen Händen die Götter ihre Gaben streuen", erwiderte Rommel gedankenvoll.Verzeihen Sie, mir fuhr das so durch den Kopf. Sie haben keine Familie?"

Nein."

Nicht Weib noch Kind?"

Ich stehe allein"

Aber Sie sind noch jung, ein rüstiger Mann"

Ich werde nie heirath n!"

Du sprichst ein großes Wort gelaffen aus" Und dennoch mit voller Ueberlegung. Wer so

heiß und innig geliebt hat wie ich, der kann die Geliebte nicht vergessen, und ihr Bild duldet kein anderes neben sich."

Und wie kam's, daß Sie die Geliebte nicht tzeimführten?"

Wie es kam? Der Tod trennte uns."

Der Oberst hatte diese Worte mit dumpfer Stimme gesprochen. Er athmete tief und schwer auf, dann fuhr er mit der Hand über die Augen, als ob er die trüben Gedanken, die seine Seele durch­zogen, verscheuchen wollte.

So geht es häufig", nickte der Referendar, des Lebens unvermischte Freude ward keinem Sterblichen zu Theil! Ich bedaure, daß meine Worte diese peinlichen Erinnerungen geweckt haben; hätte ich nur eine Ahnung davon gehabt"

Es bedarf keiner Entschuldigung, mein Freund. Diese Erinnerungen verlassen mich nicht, weder im Wachen noch im Träumen! Aber bitten möchte ich Sie, nicht mit Anderen darüber zu reden; ich möchte nicht gern der Gegenstand lästiger Neugier werden. Was wir miteinander gesprochen haben, das geht andere Personen Nichts an."

Sie dürfen auf meine Verschwiegenheit ver­trauen. Wie ich vermuthe, waren Sie auch früher mit Herrn von Görlitz befreundet; haben Sie nicht den Wunsch, die Freundschaft mit ihm zu erneuern?"

Nein!" erwiderte der Oberst mit einer solchen Entschiedenheit und Heftigkeit, daß der Referendar ihn betroffen anblickte.Es würde mir unangenehm sein, wenn ich mit ihm zusammenträfe, vergessen Sie das nicht."

Er war ja auch ein Freund Salberg's"

Salberg ist tobt"

Aber seine Freunde sollten sich verbünden, um ihn zu rächen!"

Sie können diese Sache einer höheren Macht überlassen."

Und was dabei herauskommt, haben wir heute erfahren. Zwar lebt ein Gott, zu strafen und zu rächen, aber mitunter währt es lange, bis seine Hand den Schuldigen trifft. Herr von Görlitz vertrat eine gerechte Sache, und trotzdem traf ihn die Kugel des Gegners."

Der Oberst hatte das Haupt auf den Arm ge­stützt, zwischen seinen Brauen zeigte sich eine tiefe Furche; aus jedem Zuge seines Gesichts sprach mühsam verhaltener Groll.

Wir müssen uns gedulden", sagte er nach einer Pause,er hat bisher in allen Dingen Glück gehabt, aber meine feste Ueberzeugung ist es, daß ihn darum die Vergeltung doch erreichen wird."

Der Referendar hatte sein Glas ausgetrunken und sich erhoben.

Es lebt ein andersdenkendes Geschlecht", er­widerte er achselzuckend;ich würde mit diesem Glauben an eine Vergeltung mich nicht begnügen können. Man sagt zwar: Wie die Saat, so die Ernte, aber das trifft auch nicht immer zu. Ich sah manchen ehrlichen Mann untergehen und manchen