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„Nein, nein; ich bringe Nur einen Brief hin." „Das könnte auch der Knecht besorgen." „Ich ziehe vor, es selbst zu thun."
„Nun, wenn Sie nicht anders wollen, dann kann ich Sie freilich nicht zurückhalten", sagte die Wirthin mit bedauerndem Achselzucken. „In einer halben Stunde kommt der Zug von Wiesbaden, mit ihm wollte mein Mann heimkehren; wenn Sie auf dem Bahnhofe so lange warten können, haben Sie auf dem Rückwege Gesellschaft."
„Sehr angenehm!" erwiderte der Referendar hinauseilend.
Der Wind peitschte ihm die Schneeflocken in's Gesicht; eine angenehme Wanderung war es nicht; aber er hatte den Auftrag einmal übernommen, nun mußte er ihn auch ausführen.
Es war ihm unangenehm, daß die Damen schon so bald abreisen wollten; er fand voraussichtlich jetzt keine Gelegenheit mehr, mit Ludmilla allein zu reden. Tante Lina hütete ihre Nichte wie ihren Augapfel, und Vera, die mit dem Mädchen ein inniges Freundschaftsbündniß geschloffen hatte, war auch immer in der Nähe.
Längst hatte der Referendar sich vorgenommen, das entscheidende Wort zu sprechen; bis zu dieser Stunde war ihm eine günstige Gelegenheit dazu noch nicht geboten worden.
Mit stillem Neid gedachte er seines Freundes Maiwind, der daheim jedenfalls die Abwesenheit der Tante Lina benutzt hatte, um Herz und Hand Hertha's sich zu sichern.
Ost genug hatten sie g -genseitig ihren Wünschen und Hoffnungen Ausdruck gegeben, Luftschlöffer ge- baut und weit in die Zukunft hineinreichende Pläne geschmiedet, und täuschten ihre Beobachtungen sie nicht, so durften sie auch der Hoffnung sich hingeben, daß die beiden Mädchen mit diesen Plänen einverstanden waren.
Oft auch fanden sie Gelegenheit, sich darüber Gewißheit zu verschaffen; aber bisher hatte ihnen stets der Muth gefehlt, das entscheidende Wort zu sprechen.
Eine sichere Existenz konnten sie allerdings Beide der künftigen Gattin noch nicht bieten, aber sie waren doch auf dem besten Wege, sie zu gründen, und ihr ernstes Streben bürgte dafür, daß sie ihr Ziel erreichen würden. Diesem Hangen und Bangen mußte nun ein Ende gemacht werden, und konnte es heute nicht geschehen, so wollte der Referendar sofort nach seiner Heimkehr sich die längst ersehnte Gewißheit verschaffen.
Er fühlte sich doch erschöpft, als er den Bahnhof erreichte; nachdem er die Karte abgegeben hatte, trat er in das Wartezimmer, um einige Minuten auszuruhen und den von Wiesbaden kommenden Zug abzuwarten.
Die Ankunft des Zuges verspätete sich; der Abend dämmerte schon, als er endlich einlief.
Nur ein Paffagier stieg aus.- der Wirth zum
„Weißen Hirsch"; er war sehr erfreut, daß bet Referendar ihn begleitete.
„Ist das ein Hundewetter!" sagte er, während er den Rockkragen aufschlug und den Hut tief in die Stirn drückte. „Ich hätte die kleine Reise gestern machen sollen, aber so geht's immer, wenn man eine Sache, die doch geschehen muß, von Tag zu Tag aufschiebt."
„Jawohl, morgen, morgen, nur nicht heute!" nickte Rommel. „Sie haben Einkäufe in Wiesbaden gemacht?"
„Auch das, in der Hauptsache aber mußte ich hin, um einige Rechnungen zu ordnen und fällige Ausstände einzukassiren. Wir wollen diesen Fußpfad einschlagen, er führt durch den Wald, wir sind da gegen Wind und Wetter geschützt. Die Damen werden nun wohl auch nicht an die Reise denken, vielmehr befferes Wetter abwarten wollen."
„Im Gegentheil, ste reisen morgen Mittag."
„Bei diesem Schneegestöber? Ich rathe ihnen nicht dazu —"
„Das sieht sich auch schlimmer an, al» es ist, und morgen kann ja wieder die Sonne scheinen!"
„Nicht daran zu denken!"
„Na, denn nicht!" scherzte der Referendar. „Reisen werden die Damen auf jeden Fall, und der Oberst kann morgen Abend wieder in sein altes Quartier einziehen."
„Ich hab' ihn seitdem nicht wieder geschehen", sagte der Wirth. „Weshalb ist er eigentlich hier?-'
„Das mögen die Götter wissen; ich werde nicht klug daraus, und fragen darf man den Oberst nicht darum, er ist mit einer derben Antwort rasch bei der Hand."
„Ja, ja, so sieht er aus", erwiderte der Wirth. „Ich glaub', es ist nicht gut Kirschen essen mit ihm. Was kümmert's auch mich; ich hab' mit meinen eigenen Geschichten genug zu schaffen."
„Fürchten Sie den Haß des rothen Fritz?"
„Weshalb sollte ich ihn fürchten?"
„Der Förster Hellmuth sagte es mir. Der Vagabund glaubt, Sie hetzten die Gemeinde gegen ihn auf."
„Ich denke nicht daran", sagte der Wirth ärgerlich. „Der Mensch ist überhaupt zu unbedeutend für mich, als daß ich mich mit ihm beschäftigen füllte. Wenn der rothe Fritz das glaubt, fo wird wohl ein Anderer mich bei ihm verleumdet haben. Und wer dieser Andere ist, glaube ich leicht errathen zu können."
„Der Förster?" fragte Rommel.
„Kein Anderer! Er kann es nicht verzeihen, daß Marie von Rekzenstein meine Frau geworden; er wird wohl in der nächsten Zeit versetzt werden. Das hat er auch nicht erwartet und noch weniger gewünscht."
„Und Sie glauben, daß er mit dem Vagabunden gemeinsame Sache macht?" —
„Das will ich nicht behaupten", unterbrach der Wirth ihn rasch, „er würde dadurch sich selbst zu


