Ausgabe 
18.3.1886
 
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bereit sich der Himmel wie zum freudigen Empfange der herannahenden Sonne purpurroth gefärbt hatte und nun in seltsamem Glanze die grünen Kuppeln der alten arabischen Hochschulen und die vergoldeten, mit Arabesken bedeckten Pfeiler an den Moscheen, wie die goldenen Zeichen des siegenden Christenthums beleuchtete. Antonio Perez hatte seine Betrachtungen aufgegeben; in seiner Nische verborgen, starrte er mit wilden, unbeweglichen Augen aus den Eingang zur ersten Seitenstraße. Plötzlich fuhr er zusammen, die rechte Hand fuhr instinktmäßig nach der ver- borgenen Novaja und leise murmelte er:Endlich."

Mit gemessnem Schritte kam ein, seiner Kleidung nach offenbar einen hohen Rang einnehmender Nathsher?daher und schien sich zum Alcazar be> geben zu wollen. Die große kräftige Gestalt, welche das lange Gewand aus schwerem Seidenstoffe bis auf die feinen sammtenen Sandalen einhüllte, war von stolzer, vornehmer Haltung, und der Schnitt der Züge ließ auf eine aristokratische Herkunft schließen. Der Nahende war nur noch wenige Schritte von dem Zapatero entfernt, der mit un­heimlich funkelnden Augen raubthierartig jede seiner Bewegungen verfolgte und langsam sein Versteck verließ. Einen Augenblick noch, und die beiden Männer standen sich Äug' in Auge gegenüber. Ter Nathsherr wich erbleichend einen Schritt zurück, als er in die von tödrlichem Hasse funkelnden Augen und die zuckenden Züge des Zapatero blickte, dessen bleiches Antlitz ihm eine erstaunliche Aehnlichkeit zeigte mit einem Manne, dessen Erinnerung er viele Jahre hindurch nicht aus dem Gedächtnisse hatte löschen können; seine Lippen bebten, eine furchtbare Ahnung stieg in ihm auf, aber Perez ließ ihm nicht Zeit nachzusinnm oder auch nur um Hilfe zu rufen; im selben Augenblicke riß er den Gegner an sich und zerrte ihn mit zusammengepreßien Lippen, beide Hände um die Kehle desselben gepreßt, in den Süulengang hinein, wo, von etwa Vorübergehenden ungesehen, ein entsetzlicher Kampf begann. Beide Gegner wußten, daß es sich um Leben und Tod handelte; kein Laut ertönte auch von des Zapatero Lippen, dec mit Ausbietung seiner ganzen Kraft den Rathsherr zu Boden zu drücken suchte,, welcher seinerseits in der Angst doch noch den Feind mit starken Armen fest an sich zu pressen und den Ge­brauch der Novaja zu hindern vermochte. Einige Sekunden lang wälzten sich Beide in einer unförm­lichen Masse, nur ein unterdrücktes Gurgeln und Keuchen ausstoßend, auf dem Boden, endlich aber gelang es dem Zapatero, sich von der verzweifelten Umklammerung des Andern zu befreien, der stöhnend liegen blieb. Mit einem Satze sprang der junge Mensch auf, eilte vier Schritte vorwärts, ließ seine Novaja mit der dem Spanier genau bekannten und geläufigen Bewegung über die Handwurzel in den Besatz seines Aermels gleiten und umwickelte das Ende der Klinge noch mit dcr Einfassung aus Schaffell, so daß es die ganze Schnelligkeit der Be-

Mgktion! A. Scheyda. Druck und «erlag der

wegung des Armes dadurch erhielt. Mit spanischer Geschicklichkeit des Hidalgo gelenkt fuhr die Mord- waffe pfeifend durch die Luft und bohrte sich tief tn die Brust des Gegners, der sich eben hatte aufrichten wollen und nun stöhnend, zusammenschaudernd, zu­rücksank, um mit seiner letzten Kraft die Todeswasse aus der Wunde zu ziehen. Mit zitternder Hand, kalten Angstschweiß auf der Stirn, das Haar von dem Kampfe her wirr um die Schläfen hängend, und mit bleichen Lippen trat Antonio wieder auf den Gegner zu, der einen letzten Blick der Todes­angst auf ihn heftete und sprach langsam und ein­dringlich, als wenn er etwas besonders Feierliches zu verkünden habe:

Sieh mich an, Elender, und stirb; die Strafe hat Dich erreicht; ich bin der Sohn Josv's de Perez', des Zapatero."

Einer der reichsten Herrn in der berühmten Stadt Sevilla war der Don Vicento Quesada, der in naher Verwandtschaft mit dem berüchtigten Grasen von Albuguergue stand, und als eines der einstuß- reichsten Glieder der Stadt galt. Seine Reichthümer waren beinahe fabelhaft, seine Herzensgüte allbekannt und so erfreute er sich einer allgemeinen Achtung und Beliebtheit. Seinen hohen Verbindungen hatte er es auch zu danken, daß er schon in jugendlichem Alter zu einer Stellung gelangte, 'mit welcher er auch später vollkommen zufrieden blieb, da sie ihn zu keinem Verlassen seiner Vaterstadt nöthigte; in jeder Beziehung hätte er glücklich fein können, wenn nicht ein kleiner Umstand ihm das Leben verbittert hätte. Der arme reiche Mann hinkte. Was nur damalige Kunst an Hülssmitteln aufzuweisen hatte, was nur geschickte Meister zu erdenken vermochten, was mit Ausbietung großer Summen erreicht werden konnte, hatte Don Quesada versucht, sein klemes G.brechen vor den Augen der Menschen zu ver­bergen, doch immer vergebens; da wurde ihm als ein sehr geschickter Meister für solche Fülle der Zapatero Josö de Perez aus einer verarmten adligen Familie, wie sie noch jetzt häufig in Spanien Vorkommen, stammend, empfohlen, und der Rathsherr versprach dem Meister für den Fall des Gelingens seiner Be­mühungen um ein passendes Schuhwerk, eine sehr bedeutende Summe. Perez war arm, sehr arm, und so unternahm er den Versuch mit doppelter Ausdauer. Immer neue Erfindungen und Proben brachte er dem Harrenden und immer wieder scheiterten dessen Hoffnungen; endlich sah der Zapatero ein, daß auch ihm das Kunststück nicht gelinge und mit Schmerz ob seiner verlorenen Aussichten auf die Belohnung gestand er eines Tages fein Unver­mögen.

(Schluß folgt.)

hl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.