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besten und sichersten entledigen. Kennst Du etwas von seiner Vergangenheit? Die muß man lernten, um einen Menschen richtig zu beurtheilen."
„Soviel er darüber ungefragt zu sagen Beliebt, weiß ich. Denn ich habe es nie der Mühe für werth gehalten, mich um seine Vergangenheit zu kümmern."
„Ein Mangel an Weltklugheit. Du siehst, was ich Alles thue, um hinter E'wold's Vergangenheit zu kommen. Und Du kannst überzeugt sein, daß meine Bemühungen nicht vergeblich sein werden. Was sagt also Riston im Rausch von seiner Vergangenheit?"
„Was diese Art von Leuten alle sagen, daß ihm ein solches Schicksal an seiner Wiege nicht gesungen morden."
„Redensart! Was weiter?"
„Eine unklare Geschichte, von einem alten Bruder, der ihn um sein Erbtheil betrogen und dann unter einem anderen Namen in die Welt gegangen sei, so daß ihm trotz alles Forschens seine Spur vollständig verloren gegangen."
„Und zu welchem Zwecke verfolgte er Jenen?"
„Um seine Rache an ihm zu neh'men."
„Dachte mir's doch. Und das war Dir uninteressant? Ein Mensch mit einer solchen Vergangenheit ist immer beachtenswerth. Das ist kein gewöhnlicher Mann; und ich fürchte, daß wir mit dem kein leichtes Spiel haben werden. Aber wir werden sehen. Nun noch Eins. Hast Du nie gefürchtet, daß Dich dieser Mann einmal auf der Straße, auf der Promenade oder sonst wo ansprechen und Dich Deinen vornehmen Begleitern gegenüber in Verlegenheit bringen könne?"
Dryden verneinte.
„Einmal ist es Abmachung zwischen uns, daß wir einander öffentlich nicht kennen", sagte er, „und dann hat auch Riston sein Stadtviertel, das nur von Armen und Verbrechern bewohnt wird, nie verlassen, und ich habe es nur dann betreten, wenn ich geschäftlich mit ihm zu thun hatte, was immer nur des Nachts und auch nicht oft w."
„Ich bin beruhigt", entgegnete Duprat, „und bin entschlossen, die Bekanntschaft dieses seltenen Mannes zu machen. Wann kannst Du eine Zusammenkunft ermöglichen?"
„Sobald es Deine Zeit gestattet."
„Also heute Nacht noch! Jetzt aber wird es Zeit, daß ich den Riegel von der Hinteren Thür wegziehe, damit Franz herein kann."
„Fürchtest Du keine Indiskretion von ihm?"
„Nein. Er meint genug zu wissen, daß er von unseren gelegentlichen Soupers mit allen möglichen Extravaganzen Kenntniß hat. Er hält uns für ein paar lockere Brüder, welche ihre Zeit und ihr Geld mit Liebesabenteuern vergeuden, und sowie man ihm von einem solchen redet, ist er zu allen Tollheiten geneigt."
„Mit einem Hinweis darauf wird er unsere Entfernung von hier unter einer Verkleidung nicht auf
fällig finden. Der Portier hat kein neugieriges Weib und so werden wir unbehindert durch den Garten nach der Waldenstraße gelangen. Von dort mußt Du die Führung übernehmen."
Als Franz zurückkehrte, fand er die Herren beim Glase Wein über kleine Skandalgeschichten und schöne Frauen plaudernd.
Duprat, jetzt wieder Viton, ließ ein reichhaltiges Souper aus einem nahen Speisehaus holen, welchem dann beide Herren wacker zusprachen.
Franz machte auf seines Herrn Verlangen ein paar prächtige Bassermannsche Gestalten aus ihnen und freute sich noch seines Werkes; glaubte er sie doch für den losen kleinen Gott geschmückt, welchem zu Liebe er sich selbst manchmal in die Kleider seines Herrn warf und durch das Ersteigen von Mauern und Fenstern sich in Gefahr brachte, vom Hofhund zerrissen oder vom Hausherrn durchgeprügelt zu werden.
Tief in ihre Mäntel gehüllt, das Gestcht von einem breitrandigen Schlapphut beschattet, durch- schlichen Duprat und der Baron die Stadt nach dem „Fuchsbau" am Wasser, zu welchem bald darauf auch Neubert und Soltmann ihre Schritte lenken sollten.
7. Kapitel.
Vater und Tochter.
Als der Kommerzienrath zu Duprat sagte, daß er jetzt zu feiner Tochter gehen müsse, war das nicht blos so gesagt, um wegzukommen. Es drängte ihn wirklich, einen Blick auf das Antlitz seines Kindes zu werfen, um daraus die Gewißheit zu schöpfe«, daß es nicht an der Ermordung des Fremden in der Schwedengasse betheiligt gewesen.
Klaras Zimmer lagen in der zweiten Etage. Um zu jenen zu gelangen, mußte er den Wintergarten passiren, wo nach Mathies' und Duprats vereinten Aussagen, die verhängnißvolle Begegnung stattgefunden haben sollte.
Unwillkürlich hielt Etwold seinen Schritt hier an.
Die ganze ©eene, wie sie ihm von dem ehemaligen Kutscher beschrieben worden, trat vor sein geistiges Auge.
„Und dennoch", murmelte er, „ist es nicht möglich, und dennoch kann es nicht sein. Jetzt muß ich sie befragen, und selbst auf die Gefahr hin, ihren Zustand zu verschlimmern. Diese Ungewißheit tobtet mich. Sie eine Mörderin, das liebe sanfte Geschöpf — nein, nein, so etwas ist für stärkere Naturen."
Er eilte weiter, ohne sich um- oder zurückzublicken.
Kaum war er fort, so öffnete sich die Glasthüre noch einmal, der Schleicher Ionas lauschte nach seinen verhallenden Tritten.
Seiner eigenen Anordnung gemäß, fand Etwold die Vorzimmer zum Krankenzimmer seiner Tochter verödet. Diese hatte aber auch noch aus eigenem


