Ausgabe 
16.11.1886
 
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Na ja, es ist immerhin ein anständiges Haus und recht brave Leute."

Nee, Vera!" hörte man plötzlich die resolute Stimme der Frau Möller,mußt hübsch in der Stube bleiben. Heute Abend können wir Dich hier nicht brauchen, mein süße Deern! Da, hast' Boltje, so, nun sei aber auch nett, hörst Du?"

Die Küche stieß an die Stube, man konnte durch ein Fensterchen, das halb offen stand, den Raum überblicken. ,, ,, ,

Natalie erhob sich und blickte verstohlen hinein. Die Wirthin, deren breites, behäbiges Gesicht vom Herdfeuer lebhaft geröthet war, hatte das Kind auf den Arm genommen und hielt ihm mit einem zärt­lichen Blick das Zuckerplätzchen hin.

Nein, bei Mama bleiben, Kuchen backen", rief die Kleine, beide Aermchen um den Hals derselben legend.

Ree, die süße Deern", lachte Frau Möller, ihr einen Kuß gebend,nun sieh mal einer an", wandte sie sich zu der Magd,ist sie nicht eine Schmeichel-

in die Stube treten?"

Guten Abend, Herr Möller I" nickte der Notar, ihm die Hand reichend,will Sie nicht aufhalten, kenne ja Hausgelegmheit. Ist Ihre Frau bei der Hand?"

In der Küche, Herr Notar! - vrel zu thun augenblicklich. - Jeses - Hannes, kannst nicht sehen, der Dööskopf rennt Alles um."

Hannes hatte es sehr eilig, weshalb er die zur Seite getretene Dame nicht sah und mit seiner Ladung Effen sie fast umwarf. Natalie lachte laut, hing sich aber doch ein wenig erschreckt an des Notars Arm, als sie bet dem hastigen Eintritt des Hausknechts einen Blick in die von Tabaksqualm erfüllte Gaststube warf und das rohe Gelächter und laute Gezänk ihr entgegenscholl.

Wie gräßlich!" flüsterte sie, leicht zusammen- sckaudernd, als ihr Begleiter sie mit sich fortzog.

Ich warnte Sie im Voraus", versetzte er leise, ein solches Haus ist nichts für Sie und Ihres- gleichen, wenn auch Wirth und Gäste noch ganz er­trägliche und rechtliche Menschen sind."

Er trat mit ihr in die hofwärts gelegene freund­liche Wohnstube, welche durch eine Hängelampe er­leuchtet war.

, O, hier schaut es ja ganz hübsch und behaglich aus", sagte Natalie, sich tief aufathmcnd auf einen Stuhl niederlaffend.

katze?"

Ja, Madame, es fehlt einem gleich was, wenn die kleine Prinzessin nicht da ist", meinte Trina.

Ich sag' es ja", lachte Madame glückselig,so ein Kind ist ein reiner Segen, und ich laß er mw nicht abstreiten, daß meine kleine Dori» Gott hab' sie selig mir die Vera eigens zugeschrckt hat, _ Na, dann bleib' man hier, mein Herzblatt, mußt aber ja nichts anfaffen."

Natalien's Blick hing unverwandt an dem Kinde, das in der Thal Elfenfüßchen zu haben schien und mit den goldigen Locken, dem feinen Engelsgesicht, )en zarten geschmeidigen Gliedern in dieser Umgebung wie eine verzauberte Märchen-Prinzessin erschien.

Könnten wir es nicht einmal hierherlocken?" wandte sie sich flüsternd zu dem Notar.

Dieser steckte den Kopf durch'» Fenster und rief: Guten Abend, Frau Möller!"

Gott, wie hab' ich mich erschreckt!" rief die Wirthin, sich rasch umwendend,Herr Notar Willing, guten Abend, nee, dachte ich doch, daß die Stimme vom Himmel herunter käme."

Na, dann durften Sie nicht erschrecken, meine gute Frau Möller!" lachte der Notar,geben Sie mir die Vera mal her, ich habe Dir wa» mit­gebracht, Schneewittchen!"

Onkel Will I" lächelte die Kleme schelmrsch zu ihm hinauf,Vera kommt nicht, ist nicht da."

Sehen Sie mal den Schelm an!" lachte Frau Möller, beide Hände in die Seite stemmend,nun nimmt der Onkel Alles wieder mit, kleine Flunker- maus!"

Onkel Will! - Mama nimmt'» für Vera", schrie die Kleine außer sich vor Vergnügen,wirf'» in die Schürze von Trina, man zu"

O, wie schade", flüsterte Natalie,Schneewittchen ist hier weniger an ihrem Platze als bei den Zwergen."

Nein, Du holst e» Dir selber, ich hab'» ver-

will ich gern unterschreiben, aber ein frecher Aben­teurer, der vor einem Verbrechen nicht zurückscheut, o nein, Fräulein Natalie, zu solchem Glauben bekehren Sie mich nicht."

Dürfte im Grunde ja auch gleichgiltig sein", erwiderte Natalie achselzuckend,ich kann meiner Empfindung keinen Zwang anthun. Nur wundert es mich, daß der reiche Graf es so eilig mit den letzten Resten der Rodenburg'schrn Hinterlaffenschaft hat bei seinem notorischen Reichthum dürfte

'einigkeit ihn im Grunde nicht groß kümmern."

,^rohl wahr, Fräulein Natalie!" nickte der viotar nachdenklich,Sie combiniren wie ein Crimi- nalbeamter; schade, daß Sie Ihren eminent scharfen Verstand als Dame nicht genügend bethätigen können, find zur Criminalistin geboren."

Danke vielmals, lieber Notar! bin auch so mit meinem Loose zufrieden. Doch laffen Sie uns nun zur Prinzessin gehen."

Der alte Herr knüpfte seinen Ueberzieher zu, er­griff Hut und Stock und verließ mit der jungen Dame das Haus.

Natalie hatte sich in einen einfachen Regenrock gehüllt, während eine Kapuze mit dichtem Schleier sie ganz unkenntlich machte. So erreichten sie nach einer ziemlichen Wanderung den GasthofZur goldenen Traube", dessen Wahrzeichen weithin kennt­lich den Namen verwirklichte.

Auf dem Hausflur kam der behäbige Wirth ihnen entgegen. , ,p .

Ach, der Herr Notar!" rief er, mit Kratzfuß, freut mich ausnehmend wollen die Herrschaften