scheiden und stieg unkostümirt über die Wendeltreppe hinauf, wo ich denn endlich vor die Glasthür des Wintergartens kam. Da wirst Du schon etwas zu sehen bekommen, dachte ich. Aber prosit die Mahlzeit! Dunkel war es darin, bis auf das bischen Licht, welches der Mond durch das Glasdach und die daranstoßenden Palmenkronen herabwarf. Und beim Scheine desselben sah ich ein einsames Menschen- paar, auch nicht in bester Stimmung, im Gegentheil sogar in der asterschlechtesten. Sie waren in einem heftigen Wortwechsel begriffen, wie sie es auf dem Theater machen, ehe sie einander tobt stechen. Und merkwürdig, daß ich gerade da an eine solche Scene denken mußte. Ich konnte lange nichts Verstehen. Aber auf einmal ruft er überlaut: „Und das sollen Ihnen die Gerichte beweisen!" Damit rennt er fort und auf die Thür zu, an der ich lausche. Sie stößt einen Schrei aus und folgt ihm. „Steh da", ruft sie, „ich folge Dir auf die Straße!"
Ich habe keine Zeit mehr zum Lauschen und Schauen und renne nun selbst den Gang entlang nach der Treppe zurück. Ungesehen kann ich diese nicht hinabgelangen, denn Corridor und Treppe sind, wenn auch nur matt, erleuchtet. Ich finde zur Seite eine offene Thür, die zu dem Wartezimmer führt, wo sonst der Jonas hockt. Da hinein drücke ich mich. Aber kaum die Thür ins Schloß gedrückt, bücke ich mich zum Schlüsselloch und spähe hindurch. Hui! Kommt der Mann vorbeigestürmt — Treppe hinunter — weg ist er. Jetzt kommt ein leiserer Schritt, aber auch hastig und behende, nur etwas katzenartig. Ein Schalten huscht vorbei — ich sehe einen Dolch blitzen — dann wird's still. „Na ja, ein Maskenscherz", denke ich bei mir und verhalte mich noch längere Zeit ruhig, aus Furcht, daß Jene zurückkommen und mich da sehen könnten. Endlich wird mir die Zeit zu lang. Ich komme wieder heraus und lausche hinauf und hinab. Alles ist still und der Wintergarten öde und leer; nur von ferne höre ich Ballmusik. Na, ich traue mich denn auch nicht tiefer hinein und kehrte auf mein einsames Zimmer zurück.
„Und wollen Sie nun wissen, Herr Kommerzien- rath", vollendete tief Athem schöpfend Mathies, „wer die Beiden im Wintergarten gewesen? Der Mann — er trug einen schwarzen Domino und hatte eine rothfeidene Maske in der Hand — war der Ermordete von der Schwedengasse; und die kostümirte Dame auch mit abgelegter Maske, war — Ihre Tochter! Und die Spur, Herr Kommerzien- rath, die nach der Mordstätte führt, rührt von einem Damenfuße her. So, und nun reden Sie! Ich sagte nur, was ich gesehen habe."
Der Kommerzienrath hatte dem rothen Mathies schweigend, staunend zugehört, er hatte es kommen sehen, daß seine langathmige Erzählung so enden werde — und doch, als jener die letzten emphatischen Worte gesprochen, fuhr er jählings empor, wie Jemand, der eine Vision gesehen oder aus einem
schweren Traume erwacht. Er starrte Mathies groß und fragend an, er griff nach seiner Stirn und versank noch einmal in Nachdenken.
„Gesehen habe", wiederholte er dann mit einem abwesenden Ausdruck, „gesehen habe."
„Jawohl, Herr Kommerzienrath", bestätigte Mathies, „das und nichts weiter habe ich gesehen; aber ich denke, es ist gerade genug, um verschwiegen, zu werden; denn wenn das zur Sprache kommt—"
Der Kommerzienrath lachte laut auf. Es war ein unmelodischer Lachen, welches um so mehr und um so unangenehmer überraschte, als der alte Herr seit dem vor einigen Jahren erfolgten Tode seiner schönen jungen Gattin kaum mehr lächelte, im Geschäft aber notorisch niemals eine Miene verzog. Und jetzt auf einmal lachte er so laut, fast herzhaft, daß es selbst in dem Nebenzimmer vernommen wurde.
Die Vüreaubeamten, sonst schweigsam und emsig schreibend — denn Etwold war selber rastlos thätig — blickten erstaunt empor und einander ungläubig fragend an. Sollte es wirklich ihr Chef sein, der da gelacht hatte?
Ja, er war es. Aber gegen das Ende hin glich sein krampfhaftes Lachen mehr einem Schluchzen und seine Züge verzerrten sich dabei in einer Weise, welche es Mathies rathsam erscheinen ließ, nach der Corridorthür zu retiriren.
Jener aber sprang mit einem wilden Satze ihm nach und packte ihn trotz seiner überlegenen Körperstärke voll vor der Brust.
„Elender Bube!" rief er. „Die Lüge steht Dir auf der Stirn, mit der Du mich erniedrigen und Dich erhöhen wolltest, denn sicher dachtest Du beim Aussinnen derselben noch an Beförderung. Sie soll Dir werden, aber an den Galgen!"
„Herr Kommerzienrath", stammelte Mathies leichenblaß, „wahr und wahrhaftig, was ich sagte, habe ich —"
„Hinaus Elender!" rief kaum seiner Sinne mehr mächtig, der Kommerzienrath. „Fort, mir, aus den Augen, verruchter Bube Du I Bezichte mich, beschuld'ge wen Du willst; nur nach der Reinheit meiner Tochter strecke Deine schmutzige Hand nicht aus, sie taste mir nicht an, sonst giebt es einen zweiten Mord hier zu beklagen, und der Vernichtete bist Du!"
Er gab dem Anderen damit einen Stoß vor die Brust, daß dieser rückwärts gegen die Thür taumelte. Sie sprang auf, und Mathies stand mit geballten Fäusten und zähneknirschend auf dem Corridor.
In seiner Erregung fiel ihm das unvermuthete Oeffnen der Thür, die er vorhin fest zugezogen, nicht auf, so wenig wie er daran dachte, den Gang entlang zu blicken, ob Jemand da sei. Er würde sonst die auf den Zehen davonschleichende Gestalt des Büreaudienes Jonas gesehen und auffällig bemerkt haben, daß derselbe das Taschentuch an die


