Ausgabe 
11.5.1886
 
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Er fand Letzteren nicht zu Haus und das ver­mehrte seinen Verdruß. Man hat eben Tage, wo einem Nichts nach Wunsch geht.

Nach dem Kommissariat zurückgekehrt, ward ihm von Racheis eine sehr erstaunliche Mittheilung.

Wir befinden uns auf einer falschen Fährte", sagte er,und was ich gleich anfangs sagte, als wir die Mordstätte in der Schwedengasse besichtigten, findet durch das Bestätigung, was Neubert seit dem Ueberfall imFuchsbau" ermittelt und mir soeben mitgetheilt hat."

Des Assessors Züge verlängerten sich mit jedem Wort, das der Kommissar sprach.

Neubert hätte" sagte er, und weiter brachte er es nicht. Der Gedanke, daß er in der Irre gegangen und sein kleiner Kollege Alles entdeckt hatte, erweckte denn doch seine lebhaftesten Bedenken und nicht zum mindesten seinen Neid.

Der Kommisiar lächelte selbstzufrieden, nicht so­wohl wegen Soltmann's Enttäuschung als vielmehr deswegen, daß seine Ansicht von dem Mord in dec Schwedengasse nach so langem Suchen Be­stätigung gefunden.

Ich wußte gleich", nahm er wieder das Wort, daß es sich da in erster Linie um einen Raubmord handelte, und äußerte meine Meinung gegen den Kommerzienrath dahin, daß hier ein neues, frevel­haftes Attentat der Anarchisten vorliege."

Ich entsinne mich deflen", erwiderte Soltmann, denn ich war es, der dieser Ansicht entgegentrat; und das thue ich auch jetzt noch, bis ich es er­wiesen sehe, daß Sie damals Recht gehabt."

Und den Beweis dafür hat Neubert erbracht", sagte, noch immer lächelnd, der Kommissar,ad. 1: das Kostüm, welches der so schwer verdächtigte Eduard Etwold in jener unglückseligen Ballnacht getragen, ist von Neubert rekognoscirt worden."

Von Neubert selbst doch nicht?" wandte Solt­mann ungläubig ein,da er es früher ja nie ge­sehen hat."

Aber von dem Personal des Hotels", entgegnete Racheis,in welchem Herr Eduard während seines kurzen und geheimen Aufenthalts hier logirte."

Er hätte seinen Namen in das Fremdenbuch eingetragen?"

Nein, das hat er zu. umgehen gewußt und war auch nicht erforderlich, da er an einem Tage kam und am anderen Morgens schon wieder abreiste. Aber in der Maskengarderobe, aus der er das Kostüm entlehnte, ist er weniger vorsichtig gewesen; da hat er seinen Namen und den des Hotels einge- i kragen, in dem er logirte. Er bat aber den vor­sichtigen Garderobier, daß er das Kostüm nur nach dem Zimmer Nummer 16 senden möge, wo er es denn auch von den Händen des Boten selbst in Empfang nahm. Hier wurde es am nächsten Morgen auch von diesem wieder abgeholt. Herr Eduard hat Verschiedenen vom Personal das Kostüm gezeigt und sie nach ihrer Meinung gefragt, so daß ein Zweifel gar nicht obwalten kann. Es war eine sehr glück­

liche Idee unserers Neubert, statt nach den unge­zählten Maskengarderoben unserer Stadt umherzu­laufen, einfach in den weniger zahlreichen Hotels Nachfrage zu halten."

Wieso aber wußte man hier die Adresse der betreffenden Maskengarderobe?"

Sehr einfach. Das Kostüm hatte einer schönen Hausfee so sehr gefallen, daß sie beim Abholen desselben dem Boten auflauerte und ihn nach dem Darleiher desselben befragte. In der Masken­garderobe haben wir den Namen Herrn Eduardas und im Hotel seine Personalbeschreibung. Jeden­falls ist erwiesen, daß es sein Kostüm nicht ge­wesen, welches mit einem Anderen aus dem Fluß gezogen wurde." ®

Und das spräche für ein Attentat der An­archisten?" Soltmanns Lippen kräuselten sich in leisem Spott.

Geduld! Sie entsinnen sich, daß wir die Uhr des Ermordeten in der Matratze des rothen Matthies versteckt fanden?"

Es war aber nicht seine Fußspur, die zu der Mordstätte führte."

Nein, sondern diejenige einer Frau. Und auch diese ist ermittelt."

Soltmann trat erstaunt einen Schritt zurück.

Das klingt ja wunderbar", sagte er.Was hat denn der kluge Neubert noch alles gefunden?"

Zunächst den rothen Matthies", sagte dieser selbst. Er war soeben aus einem angrenzenden Zimmer eingetreten und hatte Soltmann's letzte Frage gehört.

Der Assessor wandte sich, keineswegs angenehm überrascht, zu ihm herum.

Neubert, so wahr ich lebe!" rief er, zwischen Verwunderung und Aerger schwankend.Warum sind Sie nicht gleich am ersten Tage so gescheidt gewesen, alle diese Wunder geschehen zu lassen; man hätte sich viel Arbeit und Verdruß ersparen können."

Ach, reden Sie mir nicht von Verdruß, Kollege!" sagte jener, dem Assessor kordial die Hand hinstreckend.Auch ich habe den meinen."

Doch nicht über die Prämie und erhoffte Be­förderung?" spöttelte Soltman.

Ja, gerade deswegen", erwiderte Neubert,und der Herr Kommissar hier versteht meinen Schmerz zu würdigen."

Ah bah!" sagte Nacheis.Sie sind doch nahe am Ziel, Neubert; und schließlich läuft Ihnen der Kerl doch noch einmal in die Hände."

Na, und daß ich dann lieber mein Leben als ihn lasse", befeuerte der Letztere,das wird wohl jeder glauben, der erfährt, was ich nach dem ent­deckte."

Was? noch Etwas entdeckt?" staunte Solt­mann.

Neubert's Antlitz strahlte; er wurde um mehrere Zoll großer.