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Marseiller kehrte zu Mattea zurück und der Andere suchte noch eine Henne zu erwischen. Zitternd vor Erregung trat der Priester vom Fenster zurück und wollte den General aufsuchen, um seine Lieblinge zu retten; Tommaso aber entriß inzwischen dem Chasseur die Henne, indem er demselben mit dem besonderen Zorn des Geistlichen drohte; er konnte aber nicht verhindern, daß der Marseiller sein Pferd herbeizog, Mattea auf dasselbe hob, sich zu ihr setzte und unter dem Beifalle seiner Kameraden davonritt um einen lustigen Trab durch's Dorf zu machen. Thränenden Auges meldete Tommaso die Vorgänge dem Pfarrer. Dieser hatte bald den General des Kaisers aufge- funden und trat, leichenblaß, ans denselben zu.
„Was ist Ihnen, gnädiger Herr?" fragte der Feldherr mit tiefer Verbeugung den künftigen Kardinal begrüßend, welchen Kummer haben Sie noch?"
„Ach! lassen Sie das, „gnädiger Herr" bei Seite", entgegnete der Greis niedergeschlagen; „das Unglück ist in mein Haus mit Ihnen eingezogen. Meine Mattea, ein von mir selbst erzogenes, bisher braves und gutes Geschöpf, hat sich von einem Soldaten vor wenigen Minuten aus dem Hause entführen lasten und mir eine unendliche Schande bereitet."
„Mein Gott, ist es möglich?" rief der General erschrocken, „ein Raub in Ihrem Hause, bei einem Oheim des Kaisers? Das muß strenge bestraft werden, der Schuldige soll sofort erschossen werden. He! Brigadier, wer von Ihren Leuten hat sich des Verbrechens schuldig gemacht, ein Mädchen von hier zu entführen? Eilen Sie hinab und sehen Sie zu, wer von der Wache fehlt!" —
„Um Gotteswillen, kein Blut; Herr General, wenn der Mann sonst redlich und brav ist, so mag er Mattea heirathen und sie glücklich machens, flehte der Pfarrer. — Der Brigadier kam zurück und berichtete, daß der Entführer, sonst einer der tapfersten Soldaten, der eben befördert werden sollte, nicht die kleinste Gewaltthat begangen, sondern daß Mattea ihm freiwillig gefolgt sei.
„So soll er sie heirathen", entschied der General, „ich will es und hafte dafür, daß es geschieht."
Noch wollte der Pfarrer etwas sagen, da nahte aber Tommaso mit der geretteten Henne Bianca und freudelächelnd eilt ihm der Greis entgegen, sein Lieblingsthier nehmend und liebkosend, indesten die Franzosen verwundert zuschautrn. Tommaso ergriff die gute Gelegenheit und erklärte dem wohlgelaunten Pfarrer, daß die Soldaten ihm versprochen, er könne einst Capitän, sogar Oberst und Marschall werden, wenn er unter des Kaisers Fahne trete und so wolle er dieser Einladung folgen. Der Pfarrer wurde wieder trauriger und sich an den General wendend, sagte er: , Sie gehen also alle von mir, und Bianca bleibt; aber ich fühle jetzt, was Abschiedsschmerz heißt. Meine lieben Pfarrkinder sollen ihn nicht
empfinden, sie lieben mich alle, ohne Ausnahme, ich habe sie fast alle getauft und erzogen und bin hier zu lange glücklich gewesen. Einen Moment nur schwankte ich, Gott strafte mich dafür durch denVer- ust zweier Lieben. Ich danke dem Kaiser, meinem lieben kleinen Neffen, will aber Pfarrer dieses kleinen Dörfleins bleiben. Sagen Sie Lätitia, ste möge immer ihr reines, kindliches Gewissen bewahren und umarmen Sie in meinem Namen meinen Großneffen und seine Brüder. Mögen sie alle glücklich sein, die Kaiser und die Könige und Prinzen. Es sind so gute Kinder, da sie an den alten Oheim ihrer Mutter backten, ich mag aber auf meine letzten Lebenstage keine Mitra, keinen rothen Hut; gehen Sie mit "Gott, Herr General, und wenn Ihnen der Wille des Großonkels Ihres Kaisers etwas gilt, so dringen Sie nicht weiter in mich."
Der General stutzte. Das war ganz unerhört. Noch kein Mensch hatte ja gewagt, sich dem Willen des Gewaltigen in Paris zu widersetzen, nicht einmal die eigenen Brüder. Seine Befehle galten wie die Beschlüsse des Fatums, man mußte sie vollführen, denn sie waren unabänderlich und darin lag ein großer Theil der Erfolge seiner Feldherrn. Jetzt war von ihm befohlen worden, daß sein Oheim von seiner Pfarre weg nach Rom oder Paris geführt werde und daß derselbe mindestens Bischof werden müsse; nun plötzlich erfolgte ein Widerspruch, der des Allmächtigen Zorn auf den Boten herabziehen konnte. Der General drang in den Greis, bat, flehte, drohte endlich, denn ihm schien solche Wenge- rung unfaßbar, der Pfarrer aber blieb der fernem Entschlüsse und antwortete auf die Drohungen mit des Kaisers Zorn endlich mit der heftigen Autorität eines älteren Verwandten, der sich doch gewiß nicht von seinem eigenen Großneffen gebieten lasten werde. Dem Gesandten, der schon für die Weiterreise nach Rom Vorbereitungen getroffen hatte, blieb keine andere Wahl, als sich zu verabschieden. Aeußerst mißmuthig verließ er den Psarrhof.
Napoleon nahm den Bescheid seines Verwandten achselzuckend auf; nun derselbe stch freiwillig in der Stille begraben wollte, brauchte die Welt von ihm nichts zu erfahren und Lälitia's Drängen war be- friedigt. Mattea bekam ihren Entführer zum Manne, welcher es sogar bis zum Obersten brachte. Tommaso avancirte gleichfalls und war bei Napoleon's Sturze Capitän der Garde. Der Pfarrer Buonaparte blieb in seinem Dörflein und erfuhr nichts mehr vom Falle der Dynastie, zu der er eigentlich selbst ge- hörte; schon ein Jahr, nachdem ihm lnr rothe Hut der Kardinalswürde angeboten worden, ging er zur ewigen Ruhe ein und blieb auf dem Friedhöfe hinter seinem Kirchlein unter seinen lieben Pfarrkindern.
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