Ausgabe 
10.7.1886
 
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Wenn Sie imir diese Sorge übertragen wollen, so werde ich m ch ihr unterziehen. Somit bleiben nur noch Zeit und Ort zu bestimmen."

Sie kennen wohl das kleine Tannenwäldchen, das eine Stunde von hier entfernt liegt?"

Das Rodenbacher Wälchen?"

Dasselbe. Wenn Sie von Rodenbach aus hin­eingehen, so gelangen Sie nach einigen hundert Schritten an ein steinernes Kreuz; dort will ich morgen früh Punkt zehn Uhr Sie erwarten. Ich würde eine frühere Stunde ansetzen, wenn ich nicht zuvor die Ankunft meines Freundes erwarten müßte; sie kann nicht vor neun Uhr erfolgen."

Eine frühere Stunde wäre auch mir lieber", sagte der Referendar.Aber den Gründen, die Sie angeben, muß ich mich fügen. Wir werden morgen pünktlich zur Stelle sein. Auf Wiedersehen!"

Er verneigte sich kühl und ging hinaus, um sich in das Gerichtsgebäude zum Verhör zu verfügen.

7. Kapitel.

Das Verhör.

Im Bureau des Untersuchungsrichters erwarteten den Referendar überraschende Nachrichten.

Ich fürchte, wir haben uns da wieder einmal auf einer falschen Fährte befunden", sagte der Richter, während sein junger Kollege damit be­schäftigt war, Hut und Paletot abzulegen.Es sind Nachrichten aus Wiesenthal eingetroffen, die in der Haupffache alle Aussagen unseres Vagabunden be­stätigen."

Der Referendar nahm schweigend die Papiere, die der Richter ihm überreichte, und ließ sich an dem mit Akten und Gesetzbüchern bedeckten Tisch nieder.

Sie werben sich erinnern, daß wir in der Leiche, die vor zehn Jahren im Walde bei Wiesen­thal gefunden wurde, den verschollenen Banquier Krüger vermutheten", fuhr der Untersuchungsrichter fort;daß wir ferner annahmen, unser Gefangener habe damals den Banquier ermordet und beraubt; nun aber stellt es sich heraus, daß die Leiche schon derzeit recognoscirt und ihre Identität mit der Person eines Osficiers festgestellt worden ist."

Hermann von Salberg!" rief der Referendar erschreckt, deffen Blick in diesem Moment auf den Namen fiel.Ec soll sich selbst durch einen Schuß entleibt haben"

Und in Wiesenthal beerdigt sein", nickte sein Kollege.Uhr, Ring und Börse hat man bei der Leiche nicht gefunden, nur ein Portefeuille mit Briefen und Visitenkarten und einige Groschen an baarem Gelde. Na, man kann darin gerade nichts Verdächtiges erblicken. Der junge Herr wird an der Spielbank in Wiesbaden Alles verloren und zu­guterletzt seine Schmucksachen verkauft haben, um die nöhtigen Mittel zur Beschaffung einer Waffe zu er­halten."

Der Blick des Referendars ruhte starr auf dem

Schriftstück; er hatte bisher nur gewußt, daß der Bruder Ludmilla's auf einer Dienstreise verunglückt war; selbst Ludmilla schien von diesem Ende ihres Bruders keine Ahnung zu haben.

(Fortsetzung folgt).

Em Scheffelfest vor 25 Jahren.

Ein literarhistorischer Beitrag von Albert Jaenich.

Daß die deutsche Nation ihre großen Dichter erst dann voll und ganz würdigt und feiert, wenn des Grabes Stein sie deckt, davon giebt der Heim­gang Joseph Viktor v. Scheffels wieder einen deutlichen Beweis. Nimmer war bei seinen Lebzeiten sein Name so im Munde, seine Worte so in den Händen der gebildeten Welt als jetzt, nachdem be­reits zwei Monate seit seinem Tode verflossen sind. Ueberall regt sich's, um dem Sänger desTrompeters von Säkkingen" und desGaudeamus, dem un­sterblichen Dichter desEkkehard" eine letzte Ehre anzuthun, wehmüthige, sein Andenken feiernde Feste sind schon und werden noch an vielen Orten des deutschen Vaterlandes und darüber hinaus veran­staltet, und allenthalben sammelt man zu Denkmälern, die man dem Heimgegangenen Liebling der deutschen Jugend in seiner Vaterstadt Karlsruhe, in seiner zweiten Heimathsstadt Heidelberg, dessen Schöne er ja in seinem herrlichen LiedeAltheidelberg, du feine" so begeistert besungen hat, und an andern Orten zu errichten gedenkt.

Da ist es wohl am Platze, eines echten und rechten Scheffelfestes zu gedenken, das vor nun­mehr 25 Jahren in Heidelberg gefeiert und das gewissermaßen der Grundstein für den sich rasch entwickelnden Bau des Scheffelschen Ruhmestempels wurde. Um dieses Fest und seinen Anlaß in das richtige Licht zu stellen, müssen wir auf den Ent­wickelungsgang der Scheffelschen Muse kurz zurück- greifen.

Als Scheffel nach der Beendigung seines EposDer Trompeter von Säkkingen" auf dem lieblich-stillen Felseneilande Capri wieder in seine Heimath zurückgekehrt war, da nahm er seinen Aufenthalt auf mehrere Jahre in seinem geliebten Heidelberg, denn er wollte nun, nach dieser Zeit der Ruhe und Muse, sich praktischer Berufsthätigkeit, und zwar der Vorbereitung für das akademische Lehramt, hingeben. Aber ihm ging'«, wie es so Manchem schon vor ihm gegangen ist und Manchem nach ihm gehen wird: Wen die Muse der Dichtkunst, die himmlische Göttin, einmal erfaßt hat, den läßt sie nimmer wieder los.

Weg corpus juris, weg Pandekten!" Dieser Ruf ertönte oft in seinem Ohre, und ihm willig folgend, schrieb er statt gelehrter Abhandlungen über das trockene jus frische, fröhliche Trinklieder, dis im Kreise froher, kluger Zecher" mit Enthusiasmus