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Die blauen Brillengläser hefteten sich fest auf sein Antlitz.

Weshalb nicht?" fragte der Oberst.

Mein Freund übertreibt gerne", sagte der Referendar;io schlimm, wie er ihn schildern möchte, ist der Landrath doch nicht."

Seit wann ist er Landrath?"

Seit fünf oder sechs Jahren. Man hat derzeit viel von krummen Wegen gesprochen, die er einge­schlagen haben soll, um sein Ziel zu erreichen; un­glaublich ist das allerdings nicht"

Und wie verwaltet er sein Amt?"

Darüber ließe sich Manches sagen", erwiderte der Referendar achselzuckend;hätte er nicht einen tüchtigen, im Verwaltungssache erfahrenen Sekretär, so würden die Klagen über ihn wohl noch zahlreicher sein. Im Sommer reist er mit seiner schönen Frau ins Bad, und im Winter wohnt er hier in der Stadt, er genießt das Leben und er kann es, denn seine Mittel erlauben es ihm."

Die schönen Tage von Aranjuez könnten bald zu Ende sein", sagte der Buchhalter.Der Mensch erfährt, er sei auch, wer er mag, ein letztes Glück und einen letzten Tag."

Das sind am Ende auch nur Vermuthungen", fuhr sein Freund in geringschätzendem Tone fort, der Landrath besitzt ein fürstliches Vermögen; damit darf man an der Börse schon einige Unternehmungen wagen."

Er spckulirt?" fragte der Oberst.

So sagt man, und mein Freund könnte Ihnen darüber ganz genaue Mittheilungen machen, da sein Prinzipal das Vermögen des Landraths verwaltet. Herr Maiwind liebt es, sich in Schweigen zu hüllen und nur halbe Andeutungen zu geben, die Nichts be­weisen."

Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei auch etwas denken lassen", spottete der Buchhalter.Geschäftsgeheim­nisse darf ich nicht verrathen, und wenn ich den Landrath warnen wollte, so könnte ich mir die Finger garstig verbrennen. Was geht es mich auch an! Macht's anderen Lernen Spaß, große Summen zu wagen, so fühle ich mich nicht verpflichtet, sie zu warnen."

So schlimm wird es nicht sein", erwiderte der Referendar, während er mit einer leichten Ver­neigung die Cigarre nahm, die der Oberst ihm an­bot;einen Verlust, der Andere ruiniren würde, kann der Landrath verschmerzen."

Hm, ich sag' es Dir: ein Kerl, der spekulirt, ist wie ein Thier, auf dürrer Haide von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt!"

Darf ich fragen, in welchem Hause Sie be­schäftigt sind?" unterbrach der Oberst ihn.

Johann Heinrich Morgenroth und Compagnie", antwortete der Buchhalter.

Ackermann soll der Compagnon sein", fügte Rommel hinzu.

Das habe ich nicht behauptet", fuhr sein Freund

fort;indessen wenn er es wäre, fo läge darin nichts Befremdendes: nach Golde drängt, am Golde hängt doch Alles! Ich werde wohl nicht lange mehr in dem Hause bleiben; ein einziger Augenblick kann Alles umgestalten."

Der Oberst blickte sinnend den blauen Rauch- wölkchcn nach, die in phantastischen Verschlingungen zur Zimmerdecke emporschwebten.

Sie erwähnten vorhin, der Landrath sei ver« heirachet", sagte er nach einer Pause;ist sein Familienleben ein glückliches?"

Nein", erwiderte der Referendar mit solcher Sicherheit, daß der Oberst ihn betroffen anblickte. Darüber, wie er zu dieser schönen Frau gekommen ist, kann ich Ihnen zufällig genaue Auskunft geben. Unsere Hauswirthin, Madame Schirmer kennt diese ganze Geschichte; sie hat sie uns Beiden vor einiger Zeit erzählt. Die Landräthin ist eine geborene Vera von Löwenfels; wenn Sie die Dame sehen, so werden Sie begreifen, daß sie vor zehn Jahren eine blendende Schönheit war."

Sie ist es noch!" schaltete Maiwind ein. Dies Bildniß ist bezaubernd schön!"

Niemand kann das bestreiten! Damals war sie umschwärmt von jungen und reichen Herren, die um ihre Liebe warben. Unser diesen befanden sich auch der Gutsbesitzer Hugo Ackermann und ein Neffe unserer Hauswirthin, der Premierlieutenant Hermann von Salberg. Diese beiden Herren, die sehr intim mit einander befreundet waren, wurden von allen Anderen ausgezeichnet; indeffen soll Fräulein von Löwenfels, wie Madame Schirmer behauptet, nur den Lieutenant von Salberg geliebt haben. Ob es darüber zwischen den Freunden zu einer Scene ge. kommen ist, oder ob nur ein glücklicher Zufall den Gutsbesitzer von seinem gefährlichen Nebenbuhler be­freit hat, darüber scheint ein Dunkel zu schweben, das wohl niemals gelichtet wird. Eines Tages reiste der Lieutenant aus der Residenz ab, und bald darauf traf die Nachricht ein, daß er auf dieser Reise plötzlich gestorben sei."

Plötzlich?" fragte der Oberst, der den Redenden unverwandt anblickte.Erregte das nicht Auf­sehen?"

Ich weiß es nicht. Man wird wohl in der Residenz Manches geredet haben und mit Ver­muthungen nicht sparsam gewesen sein; Tante Schirmer scheint nicht gern davon zu sprechen, und ich glaube, daß auch der Schwester des Lieutenants das Ende des Bruders dunkel geblieben ist."

Ein vollkommener Widerspruch bleibt gleich ge- heimnißvoll für Kluge wie für Thoren", schaltete Maiwind ein.

Der Referendar warf ihm einen spöttischen Blick zu.

Herrlich! Etwas dunkel zwar, aber 's klingt recht wunderbar!" erwiderte er.Ich finde hier keinen Widerspruch. Tante Schirmer wird wohl für ihr Schweigen triftige Gründe haben. Der Gutsbesitzer Ackermann mag nun wohl geglaubt haben,