Ausgabe 
8.4.1886
 
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Städte desselben erhob, liebet die hanseatischen Einflüsse in Bergen, welche zugleich einen ziemlich klaren Einblick in das Wesen des berühmten Handels­bundes des Mittelalters gewähren, dürsten deshalb einige Mittheilungen, welche älteren geschichtlichen Werken, namentlichSartorius, Geschichte _ des hanseatischen Bundes", sowie Holberg's Beschreibung der Stadt Bergen", ohne sich allzu sklavisch an dieselben anzulehnen, entnommen sind, von allge­meinerem Jnteresie sein.

Um die Mitte des 14. Jahrhunderts ward den Hansen das Recht zugestanden, mit ihren Schiffen in Norwegen zu überwintern und das ganze Jahr eigene Handlungrdiener zu Bergen wohnen zu laffen. Diese Begünstigung verlieh dem niederdeutschen Handel mit dem Norden einen ungeheueren Auf­schwung und die zu Bergen angelegte Factorei der Hansen wuchs von-Jahr zu Jahr. Zwar war der Handel der Hanseaten mit Norwegen keineswegs ausschließlich auf den größten Hafen des Reichs, auf den Verkehr mit Bergen beschränkt, denn König Hakon gestand schon im Jahre 1376 dm Hansen die Freiheit zu, in allen Städten, Häsen und Dörfern seines Reiches völlig freien Handel zu treiben. Machten die Deutschen auch von diesem Privilegium weitgehenden Gebrauch, so steht es doch fest, daß Bergen stets ihr Hauptstapelplatz blieb, denn der größte Theil des norwegischen Handels vereinigte sich damals in jener Stadt, als die Hanseaten die Freibriefe zum Handel von den Beherrschern Nor­wegens empfingen. Die günstige Lage Bergen's, sein trefflicher Hafen, der selbst den größten Fahr« zeugen die Löschung und Einladung der Maaren unmittelbar vor den Häusern ermöglichte, verschafften der Stadt schon frühe die Vermittelung des Ver­kehrs zwischen dem südlichen und nördlichen Nor­wegen. 'Die Einwohne'' der Stadt nahmen ihres Vortheils wahr; es bildete sich ein Markt, den Käufer und Ve'ckäuser aus allen Theilen des Reiches um so lieber besuchten, als er ihnen sehr bequem lag und ihnen deshalb Gelegenheit gab ihre eigenen Erzeugniffe gegen andere, ihnen nothwendige fremde Maaren, welche die Kaufleute von Bergen auf­stapelten, einzutauschen. Daß diese Eigenthümlich- feiten des Platzes auch Handelsleute fremder Nationen, und die den Südrand der Nordsee be­wohnenden, aus einem reichen Hinterlande, die in jenen nordischen Zonen benöthigten Maaren beziehenden Hanseaten anlocken mußten, war wohl selbstverständ­lich. Aber auch die eigenen Könige hatten bereits frühe den Bergern sehr wichtige Monopole, wie die fast ausschließliche Schifffahrt nach den nördlichen Ländern und Inseln des Reiches verliehen, die Ein­wohner jener Landestheile aber gleichzeitig durch Gesetz genöthigt, ihre Produete nach Bergen zum weiteren Absätze zu verfrachten. Solche Gesetze wurden im Mittelalter ost und von vielen Herrschern zu Gunsten von einzelnen Gemeinwesen erlassen, wobei die Fürsten weniger den Nutzen jener Städte

ins Auge fassen mochten, als die Erleichterung bet Erhebung der der Krone pflichtigen Ein- und Aus­fuhrzölle.

Ein Hauptaugenmerk der hanseatischen Politik war aber stets auf die Ausdehnung der erhaltenen Privilegien und auf Einmischung in die inneren Handelsangelegenheiten jener Länder, die sich ihnen erschlossen, gerichtet. Bald besuchten die Schiffe der Verbindung auch andere norwegische Häfen, so daß schon Hakon's Nachfolger, die Könige Olaf und Erich, die Fahrten der Deutschen nach Nordnorwegen untersagten, ohne jedoch diesen ihren Verboten nach­drückliche Folge schaffen zu können. Die Hanseaten versuchten vielmehr den Bergern den Handel mit ihren eigenen Landsleuten zu entwinden, den jene bisher fast als ausschließliches Monopol übten. Die Könige, welche zwar die Fremden kraft der ihnen verliehenen Privilegien, schützen mußten, fanden doch eine gewisse Befriedigung darin, die Hanseaten in ihrem Lande nicht zu mächtig werden zu sehen. Diese aber gingen wiederum weit über die ihnen eingeräumte Rechte hinaus und suchten mit Gewalt jenen von ihnen so heiß begehrten Handelsverkehr an sich zu reißen. Zwar trat die Hansa, wie sie dies überhaupt nur selten that, Bergen gegenüber nicht als vereinigte Macht auf; pflegten doch über­haupt nur einige Städte des Bundes (Lübeck, Ham­burg, Stralsund, Wismar und Bremen, sowie die sogenannten Zuyderseeplätze Deventer und Kämpen, den norwegischen Handel, dieBergenfahft" in größerem Maaße. Hingegen plünderten bereits im Jahre 1393 Rostock'sche und Wismar'sche Freibeuter Bergen und Bartholomäus Voet, ein hanseatischer Kaper, verhehrte diese Stadt, als König Erich von Norwegen mit denWendischen Städten" in Fehde lag. Hanseatische Geschichtsschreiber stellen zwar jene Thaten, als von der Hansa unbeeinflußte, selbst« ständige Handlungen kühner Freibeuter dar, allein dänische und norwegische Zeitgenossen entkräften jene Beschönigungen, die auch kaum mit dem rohere^ Geiste jener Tage und den auf Ausdehnung be8 Handels gerichteten Bräuchen der Hanseaten in Ein' klang zu bringen wären. So viel steht aber fest» daß der zweite Neberfall Voet's die Engländer, die gesürchtetsten Nebenbuhler der Hanseaten für immer aus Bergen vertrieb und daß sie damals fo schnell flüchteten, daß die englische Factorei in die Hände der deutschen Freibeuter siel. Die Einwohner der Stadt wurden aber durch diese derart zu Grunde gerichtet, daß ihre Kräfte zum Handel mit Nord­norwegen von jener Zeit an lahm gelegt war. Sie mußten denselben aufgeben und Sartorius erwähnt sogar der im Mittelalter vielfach geglaubten Sage, daß in jenen Tagen die alte Ansiedelung auf Grön­land zu Grunde gegangen, weil die dortigen Colo- nisten aus Mangel der früher von Bergen erhalrenen Zufuhr, den Hungertod gestorben seien.

(Fortsetzung folgt).

iRebflctien; A, Scheyd«. Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Chr. Piel sch) in Gießen.