366
„Ich kann diese Bitte nicht erfüllen", sagte er ruhig, „und thäte ich es, so wäre ihnen dadurch nicht geholfen. Ob sie auch sagt, ihr Friede würde dadurch nicht gestört, ich weiß es besser; meine Enthüllungen würden sie elend machen, und — nein, nein, es ist besser, wenn dieses Dunkel niemals gelichtet wird."
„Hat denn der Todte so Schweres verbrochen?"
„Nicht um ihn handelt es sich, sondern um die Lebenden", fuhr der Oberst lebhafter fort. „Sie verstehen das nicht, und ich kann es Ihnen nicht erklären."
„Nein, ich verstehe das nicht", erwiderte der Greis, sinnend vor sich hinschauend. „Wohl aber vermuthe ich, daß jenes Geheimniß sich auf ein Verbrechen bezieht." —
„Auch das nicht I Es wäre eine gänzlich unbegründete Vermuthung. Haben Sie den Damen gesagt, ich sei abgereist?"
„Ja wohl; nichtsdestoweniger glauben sie, daß Sie noch einmal hierherkommen würden."
„Und worauf stützen sie diesen Glauben?"
„Ich weiß es nicht, vielleicht ist es nur eine Ahnung."
„Wollen die Damen wiederkommen?"
„Morgen."
„Dann verrathen Sie nicht, daß Sie mich heute wieder gesehen haben. Hören Sie, was man Ihnen sagt, und schweigen Sie dazu. Ich erklärte Ihnen schon, daß ich unter keinen Umständen mit ihnen zusammenzutreffen wünsche. Ich hoffe, sie werden morgen oder übermorgen wieder abreisen. Sollten Sie mir aber eine dringende Mittheilung zu machen haben, so können Sie dieselbe dem jungen Herrn anvertrauen, der heute die Damen begleitete; er weiß, wo ich mich befinde."
„Sie werden morgen nicht wiederkommen?"
„Nein."
„In diesem Häuschen sind Sie vor einer Entdeckung gesichert."
„Ich bezweifle das nicht, immerhin aber kann ein Zufall solche Entdeckungen herbeiführen, und dieser Möglichkeit will ich mich nicht aussetzen."
Der Oberst war, während er das sagte, auf den Friedhof hinausgetreten. Der alte Mann wollte ihm folgen; er bat ihn durch einen Wink, zurückzubleiben.
Langsam wanderte er den Weg hinunter, der zu dem Grabe führte, und als er vor dem Hügel an- langte, sah er auf demselben einen Handschuh liegen, den er hastig aufhob.
Ein feines Parfüm entströmte dem weichen Leder. Der Oberst hielt ihn noch in der Hand, als er den Referendar plötzlich mit raschen Schritten näher kommen sah.
Zurückziehen konnte er sich jetzt nicht mehr, er mußte ihn erwarten.
„Sie waren hier?" fragte der Referendar überrascht.
„Die Damen folgen Ihnen doch nicht?" erwiderte der Oberst hastig.
„Bewahre, ich bin nur zurückgekehrt, um einen Handschuh zu suchen, den Madame Ackermann verloren hat. — O, Sie haben ihn schon gefunden, desto bester I"
„Ich fand ihn und möchte ihn behalten zum Andenken an diese Stunde", sagte der Oberst ernst. — „Können Sie das unter irgend einem Vorwande mir ermöglichen, so würde ich Ihnen dafür sehr dankbar sein. —"
Der Referendar rückte an seiner Brille und blickte den Oberst forschend an.
„Ich würde ein schlechter Ritter Delorges sein, wenn ich den Handschuh nicht zurückbrächte", erwiderte er; „aber ich will unter einer Bedingung Ihnen den Gefallen erzeigen und mich der Dame gegenüber einer Unwahrheit schuldig machen, indem ich ihr erkläre, daß ich den Handschuh nicht gefunden habe."
„Und wie lautet diese Bedingung?"
„Daß Sie mir das Geheimniß enthüllen, welches an dieses Grab sich knüpft!"
„Nehmen Sie den Handschuh und gehen Sie", erwiderte der Oberst ruhig; „ich hätte mir das Andenken gern erworben, aber diesen Preis kann ich nicht zahlen, Sie misten, daß ein Ehrenwort mich bindet; Sie dürfen und werden mir auch nicht zu- muthen wolle«, es zu brechen."
„Und hat dieses Ehrenwort noch heute, nach Verlauf von zehn Jahren, bindende Kraft?"
„Es bindet mich, so lange ich lebe."
„Dann verzeihen Sie; in diesem Falle darf ich freilich auf meiner Bedingung nicht bestehen. Aber ich stelle eine andere."
„Welche?"
„Sie haben diese räthselhaften Worte auf den Stein geschrieben — wollen Sie mir die Bedeutung derselben offenbaren?"
„Nur dann, wenn Sie mir versprechen, meine Antwort den Damen nicht mittheilen zu wollen!"
„Muß es sein?"
„Ja, es muß sein!" erwiderte der Oberst, ihn ernst und voll anblickend. „Ich habe mein Ehrenwort verpfändet, so muß ich diese Bürgschaft auch von Ihnen verlangen."
„Sei es denn!" sagte der Referendar. „Es befremdet mich freilich, daß man aus den Gründen dieses Selbstmordes ein undurchdringliches Geheimniß machen will — aber hier meine Hand darauf, daß ich schweigen werde! Was also bedeuten diese Worte?"
„Sie werden mir den Handschuh überlasten, wenn ich Ihre Frage beantworte?"
„Ja."
„Wohlan, mit diesen Worten nahm Hermann von Salberg Abschied von Ackermann, um in den Tod zu gehen."
Der Referendar blickte ihn betroffen an.
„Nun bin ich nicht klüger al» zuvor", erwiderte


