Ausgabe 
6.7.1886
 
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seiner Umgebung dienen mußte. Man setzte ihn z. B. in eine Sänfte, deren Sitz und Fußboden derart eingerichtet waren, daß beide sofort durch­brachen und Gundlin gleichwie in einem engen Kasten mit den Trägern um die Wette laufen mußte. Der König nannte Gundling oft bei Tafel in Gegenwart seiner RätheExcellenz" und entgegnete auf der Minister Vorstellungen, daß er den lustigen Rath alsNärrische Excellenz" angesehen wissen wolle. Übrigens soll der König Gundling im Cabinet mit ernsthaften Arbeiten beschäftigt haben und ersterer durchaus nicht ganz einflußlos gewesen sein, wie er unter der Maske des Lustigmachers gar Manchem ungestraft bittere und derbe Wahrheiten zu sagen verstand.

Von Berlin's landschaftlichen Reizen war Loen nicht besonders entzückt, obwohl er der hübschen An­lage der Stadt alle Gerechtigkeit widerfahren ließ. Der schönste Prospekt", so schreibt er,ist Berlin selbst", welche übrigens für die Residenz eines so mächtigen Königs, eine ziemlich stille Stadt sei, die wenig vondemjenigen ihr auswärts nachgerühmten Glantz und Pracht" wahrnehmen ließ.

3. Dresden und der sächsisch-polnische Königshof.

Vom einfachen, durch seine Sittenstrenge und sein militärisches Wesen zumeist ausgezeichneten Berliner Königshofe, kam der Frankfurter Patricier So en fast unmittelbar nach dem deutschen Versailles, nach dem glänzenden Dresden, der zeitweiligen Residenz August's des Zweiten (des Starken), welcher neben seinen sächsischen Erblonden, damals zum zweiten Male das Königreich Polen regierte. Loen faßte seine Meinung über den sächsischen Hof in folgenden Eingangsworten zusammen:

Ich beschreibe hier den prächtigsten und galantesten Hof von der Welt." Das letzte Wort sei das er­schöpfendste, es fände sich in keiner Sprache eines, welches das Dresdener Hofleben schärfer charakterisire. Von der Bildung der Sachsen ist der Reisende ent­zückt, namentlich hebt er ihre Verdienste um die Literatur hervor, sie seien z. B. die ersten,die sich erkühnt haben, deutsche Schauspiele nach dem Ge­schmacks der Franzosen zu verfertigen". Sachsen's zahlreiche hohe Schulen, Leipzig, Wittenberg, Jena (?) und Halle nahmen einen außerordentlichen Rang unter Deutschlands Universitäten ein. Weniger imponiren Loen die kriegerischen Eigenschaften der verweichlichtengemächlichen" Sachsen. Die Armee bestand die Feuerproben sowohl gegen Bayern'- wildbärtige rauhe Kürassiere", als gegen Schweden'« bewährte Kriegsmacht (in den polnischen Feldzügen) nur schlecht. Hingegen läßt er ihrer Artigkeit, welche selbst die Krieger bei Hofe am richtigen Platze erscheinen läßt, alle Gerechtigkeit angedeihen. Die Damen, deren Schönheit im Volksmunde be­kanntlich sprichwörtlich geworden, ernten für ihre körperlichen Vorzüge mehr Lob, als für ihren

Charakter; sie pflegten durchgeheuchelte SittsaM- Mt", nach Loen, nur noch gefährlicher zu werden.

Das Bild des Königs August des Starken tritt uns in dieser zeitgenössischen Schilderung etwas zu geschmeichelt entgegen. Er scheint, dem Verfasser, dazu geboren den Menschen Lust und Freude zu machen. Er nimmt, trotz aller Lustbarkeiten, darauf Rücksicht, daß weder sein Volk unter denselben leidet, noch daß seine Schatzkammern sich erschöpfen. Auf Dresden angewandt, mag dies Urtheil berechtigt fein, das Land büßte August's Prunksucht schon zu des Königs Lebzeiten und noch mehr unter dessen Nachfolgern empfindlich genug. August's Beförderung der Künste und Wissenschaften findet ebenso hohe Anerkennung, als dessen alchymistische Liebhabereien, denen das Volk die Quelle von des König« Reich - thum zuschrieb, gerechten Zweifeln begegnen. Nebngens war Loen nicht für des Königs Fehler blind, wie seine an anderer Stelle derMoralischen Schilderepen" abgedruckte Abbildungen desselben ge- nügend darthun. Hier wird des Königs Glaubens­wechsel, durch den dieHerren Katholiken eben keinen gar eifrigen Proselyten an Sr. König!. Majestät gemacht haben", trotz aller Beschönigung, scharf ge­tadelt, und auch seine Maitressenwirthschaft nicht ge­rechtfertigt. Sehr eingehend schildert Loen das Leben einer in Ungnade gefallenen königlichen Favorite, der Gräfin Cosel, welche zu Halle in der Verbannung lebte, woselbst sie Loen, der dort studirte, oftmals sah. Die Dönhof, die Dieskau, die Osterhausen nehmen in derAbbildung" (Bio­graphie) der Polnischen Majestät, so vielen Raum in Anspruch, daß darüber die Schilderung der guten Eigenschaften des Königs-Kurfürsten auffällig zu kurz kommt.

Die Schilderung der Minister, namentlich jene des Feldmarschalls Grafen von Flemming, enthüllen uns keine bedeutenden Charaktere. Flemming kann nach Loenü Ansicht, wohl hunderterlei Personen, unter diesen Hunderten aber kaum einen Feldmarschall abgeben. Seine Kriegsführung war eine ebenso un­glückliche, als für Sachsen kostspielige; denn Flemming war weniger Soldat und Feldherr, alsHomme poli und Ein courtisan", wie sich ein solcher als oberster Beamter für den galanten Dresdener Hof auch gewiß besser eignete.

Die Stadt Dresden zeichnete sich im Jahre 1718 durch außerordentliche Pracht der Gebäude vor allen deutschen Residenzen au». Zu flüchtiger Betrachtung aller ihrer Sehenswürdigkeiten bedurfte es damals einiger Monate. Neben dem Zeughaus, einem der berühmtesten der ganzen Welt, nennt Loen den von Flemming erbauten und seinem Gebieter geschenkten holländischen Palast in Alt-Dresden, dessen reiche Porzellan-Vorräthe, der neuen königlichen Fabrik zu Meißen entstammend, dieindianischen Porzellan­arbeiten an Schönheit und Kostbarkeit übertreffen.

(Schluß folgt.)

Uxhachm; B> Scheda, Dmck und L-klqg der Brüh!'schm Druckerei (Ar. Ehr. Pietsch) l» Gietzen,