Ausgabe 
4.11.1886
 
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Paris müßte doch einem jungen Menschen mit gutem Willen gewiß etwas Besseres zu bieten haben, und im Geiste schwebten mir schon die Gestalten vieler reizender Pariserinnen vor, mit denen ich trotz meines schlechten Französisch und trotz des Rassenhasses schon fertig zu werden hoffte und so durchstreifte ich denn auch alsbald nach meiner An­kunst die Straßen und Vergnügungslocale nach allen Richtungen. Schon nach acht Tagen aber wurde ich inne, daß er in Frankreich weit schwerer ist, als in Deutschland, bei einer Familie Zutritt zu erhalten oder gar mit der Tochter des Hauses in Verkehr zu treten, denn die angeblich so lustigen Franzosen, die ich gestern kennen lernte, erinnerten sich meiner schon heute nicht mehr und dies ärgerte sowohl mich als auch einen jungen rheinischen Landsmann, den ich gelegentlich traf, außerordentlich; wir sahen aber bald ein, daß das Vergnügen in Paris eigentlich nur für Rouös und Spieler da ist und in Ver­zweiflung und Langeweile verfielen wir schließlich selbst wieder auf das Spiel, das wenigstens einen nervösen Reiz bot. Wir besuchten wiederholt einen Spielclub mittlerer Sorte, in dem sich allabendlich eine Gruppe von leidenschaftlichen Gesichtern zu­sammenfand, und seltsamer Weise verfolgte mich von nun an das Glück immerfort, als solle mich das Spiel entschädigen, für den Mangel auf anderem Gebiete. Am dritten Abend hatte ich wiederum wie an den beiden vorigen derartige Erfolge, daß die Bank in Gefahr war und ich nur auf Zureden meines Freundes aufhörte, zu setzen.

Neben mir saß diesmal ein alter Militair, der noch bei Solferino mitgefochten hatte; dieser zeigte den ganzen Abend hindurch eine solche Theilnahme für mein Glück, daß es mir wohl hätte auffallen müssen, wenn ich nicht vom Erfolge ganz trunken gewesen wäre.

Immer wieder applaudirte er mir zu jedem neuen glücklichen Zuge und als dann endlich der Croupier erklärte, für heute müsse das Spiel einge­stellt werden, da wollte er mich schier umarmen, und auf seine freudige Anregung hin, lud ich denn die ganze Gesellschaft zum Champagner ein. Sorglich machte der Alte sich aber zuvor noch um mich zu schaffen, indem er vor meinen Augen das ganze ge­wonnene Capital schmunzelnd zusammenstrich und es behutsam in meinen Taschen unterbrachte, wobei er ganz die biedere Rauhheit des alten Soldaten ent­wickelte.

Im Laufe der lebhaften Unterhaltung sah ich wohl manchmal neidische Blicke auf mich gerichtet, aber ich fühlte Vertrauen zu meinem alten Beschützer, welcher auch nach Verlauf einer Stunde plötzlich selbst der Sitzung ein Ende machte, indem er, als ich eben wieder nach einer neuen Flasche rufen wollte, die Hand auf den Arm legte und halblaut sagte:

Nein, lieber Freund, jetzt ist es besser, wenn Sie aufhören, es wird Ihnen sonst schwer, Ihren

Heimweg zu finden: Sie sind das noch nicht ge­wöhnt, wie wir alte Flaneurs. Ich denke, wir nehmen jetzt noch eine Taffe guten Kaffes und damit Gott befohlen."

Ich war in der That schon ziemlich umnebelten Sinnes, verstand aber doch, daß der Vorschlag gut war, und ich war froh, daß die ganze Gesellschaft gleichsam auf das Wort Kaffee hin sofort aufbrach und sich entfernte.

Nach wenigen Augenblicken befand ich mich mit dem alten Soldaten allein in dem öden Raume, in dem die Lichter förmlich düsterer zu glimmen schienen. Der Alte, der vorher so lebhaft gewesen war, hatte plötzlich seine Miene geändert, jetzt blickte er tief ernst drein vnd schaute ordentlich vorsichtig sich um, bevor er die Unterhaltung mit gedämpfter Stimme weiter führte.

Sehen Sie, lieber Freund", so begann er wieder,es ist das mit einem solchen Club so eine eigene Sache. Es mögen ja je nach dem man will, ganz würdige Leute sein, die sich hier zusammen finden, aber es ist doch eine gar böse Versuchung, einen Glückspilz wie Sie, Abends spät bei sich zu haben, und es that mir ordentlich leid, daß Ihr Landsmann sich mitschleppen ließ. Er wird jetzt draußen irgendwo aus Sie warten, aber das bietet Ihnen keinen Schutz, und ich habe ernstliche Besorg- niß um Sie; wenn ich Ihnen rathen soll, so hören Sie auf meinen Vorschlag. Sie mußten um jeden Preis nüchtern sein, denn auch unter dieser erhabenen Republik giebt er hier in Paris sonderbare Ereig- Nisse und darum bestellte ich bei der Wirthin, einer charmanten Frau, recht starken Kaffee, den Sie nehmen müssen, bevor Sie gehen; sodann rathe ich Ihnen, heimzufahren und nur große, hellerleuchtcte Straßen zu passiren. Fahren Sie möglichst rasch und ohne Aufenthalt, und Sie werden Morgen froh sein, daß Sie meinem Rathe gefolgt haben."

In diesem Augenblick wurde der Kaffee gebracht, den ich, um den glühenden Durst zu löschen, mit einem einzigen Zuge hinunterstürzte.

Während dessen kam es mir vor, als zucke es wie Ironie um den bärtigen Mund d's Alten, aber ich wurde mir dessen nicht mehr klar bewußt, denn fast augenblicklich darauf fühlte ich, wie der Rausch mich noch viel stärker als zuvor umfaßte und vor meinen Augen tanzte Alles im Kreise auf und nieder, in meinen Ohren summte es heftig und ich mußte mich fest an den Tisch klammern, um nicht vom Stuhl zu fallen, während ich nur noch stotternd sagen konnte, er sei mir sehr unwohl geworden und ich könne unmöglich jetzt nach Hause fahren.

Das sehe ich selbst wohl", versetzte , der Alte, in Ihrem Zustande dürfen Sie nicht auf die Straße, denn es könnte Ihnen das Allerschlimmste passiren; es ist das Beste, wenn wir die Wirthin hier ersuchen, Sie für diese Nacht hier zu behalten und dann gehen Sie morgen am Hellen Tage ruhig mit Ihrem Gelve nach Hause." (Schluß folgt).

RÄartisnr N. Scheyda. Druck und B-rl«g der Brühl'schm Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gieße«.