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Häuptlinge hatten kaum vernommen, baß hier ein piquantes Jagdabentsuer in Aussicht stehe, als sie auch sofort sich erboten, dabet thätig zu sein. Das Detachement setzte seinen Marsch fort.
Das Wäldchen wurde jetzt nach der Seite, wo sich die Ebene befand, umzingelt, während der Capitain seinen schönen, starken Jagdhund zur Ermittelung des Feindes vorwärts schickte. Dieser war kaum fünf Minuten unsichtbar geworden, als man ihn nicht weit vom Waldrande anschlagen hörte und gleich darauf ein schwerer Körper durch das Niederholz brach, daß Büschs und Zweige krachten. Alle glaubten, es sei der Löwe, deshalb fühlte sich Jedermann um so mehr überrascht, als plötzlich ein ungeheurer Eber aus dem Gebüsch stürzte und den schilfigen Niederungen zurannte. Mit lautem Halloh folgten dem wuthschäumenden Thiere der Capitain und.die Häuptlinge, nachdem Jener seiner Ordonnanz die Büchse übergeben und einen Jagdspieß dafür an stch genommen hatte.
Der Kampf mit dem wilden Schweine begann. Dieses stürzte sich, als eben der Hund es beim Ohre fassen wollte, auf Hassan et Kiff zu und riß mit einem Schlage seines Kopfes deffen Pferde den Leib auf, daß die Eingeweide herausfielen und das Thier tödtlich verwundet zusammenstürzte. Ein Pistolenschuß des Scheich Nureddin traf des Ebers Schulter ohne allen sichtbaren Erfolg, während der dritte Araber, zur Seite sprengend, stch vergeblich bemühte, die Kugel seiner langen Flinte aus das Unthier abzufeuern. Schon holte der Eber zu einem neuen tödtlichen Schlage aus, der dies Mal dem, unter feinem sterbenden Pferde liegenden Haffan galt, da traf im entscheidenden Augenblick ,die Lanze des alten Capitain Ronceval des Schweines Blatt so sicher, daß es zusammenstürzte und ein Blutstrom aus seinem schäumenden Rachen quoll. Die Kugel Nureddin's gab dem Eber den Rest.
Kaum war der letzte Schub gefallen, als plötzlich vom Wäldchen her ein fürcht rliches Gebrüll erscholl, dem sogleich das Krachen mehrer Gewehre folgte. In seiner ungeheuerlichen Majestät stand hier der Löwe und schaute sich verwundert um. Unglücklicher Weise führten die Araber schlechtes, von den Marokkanern gekauftes Pulver, so daß die Kugeln, von welchen zwei getroffen, dm König der Thiere nur leicht verwundet hatten. Da sprang der junge schon erwähnte Ben Juffuf nahe an den Löwen heran, zielte und schoß ihm die Kugel semes Gewehres mitten auf die Stirn. Der Löwe starrte einen Augenblick wie betäubt vor stch nieder, dann brüllte er laut auf, neigte stch und sprang mit furchtbarem Satze seinem Feinde entgegen. Dieser wandte sich zur Flucht; da unternahm der Löwe einen zweiten Sprung, der Araber stürzte zu Boden und befand sich zwischen den Klauen des gewaltigen ThiereS. , .
Ben Juffuf lag unbeweglich wie em Todter, denn er wußte, daß jede Bewegung seines Opfers
den Löwen zur Wuth reizt. Dieser legte sich auf des Arabers Leib, so daß er ihn zwischen den Tatzen hatte und betrachtete aufmerksam des Unglücklichen Antlitz. Eine der scharfen Klauen des Raubthieres bohrte stch langsam in Ben Juffufs Brust, ohne daß er bei dem Höllenschmerz eine Bewegung wagen durste. Da schoß einer seiner Jagdgenoffen auf den Löwen eine Kugel ab ohne zu treffen; das Thier aber faßte mit der Klaue nach Jussuf's Gesicht und zerfleischte ihm die Wange bis zum Ohre, daß ein heftiger Blutstrom hervordrang. Jetzt hatte die Gefahr den höchsten Grad erreicht, denn der Löwe begann begierig das fließende Blut zu lecken. Der Unglückliche gab stch verloren, trotzdem daß er Gewehre knallen hörte, denn in wenigen Secunden mußte ihn das Unthier, welches jetzt Blut gekostet hatte, in Stücke reißen.
Die Rettung sollte Juffuf nicht durch Menschenhand, sondern durch die Kühnheit eines Thieres werden. Capitain Ronceval und die Scheichs, welche jetzt den Eber zerlegt hatten, eilten nunmehr, durch das Schießen aufmerksam gemacht, vorwärts und erblickten hier die gräßliche Scene. Der Capitain, ein alter Jäger, wußte, daß der Löwe auch noch im Todeskampfe furchtbar ist, deshalb beschloß er, nicht zu schießm, sondern erst durch seinen braven Hund das Raubthier zu verscheuchen. Das muthige Thier stürzte sich bellend gegen den Löwen, der aber stand, gleichsam verwundert über solche Frechheit langsam auf und schaute den Ankömmling starr an, hielt jedoch sein Opfer mit einer Klaue fest. In engem Kreise umschwärmte der Hund das Raubthier, "bis di-sts, überdrüssig solcher Störung, sich ducke und nach seinem Gegner sprang, ohne ihn jedoch zu erreichen. Der Hund lärmte fort und der Löwe wagte einen zweiten Sprung; jetzt aber wälzte sich Juffuf langsam seitwärts in eine ziemlich tiefe Wasserfurche und Capitain Ronceval ging nunmehr zum Angriff über. Zwar wandte sich der Löwe, sein Opfer zu such>n, deffen Blutspuren allerdings den Weg nicht verfehlen ließen, ehe er jedoch feine Ab- sicht erreichen konnte, traf ihn Ronceval's Kugel ins Knie, daß er gräßlich brüllend nach dem Hölzchen zurückhinkte. Von dreizehn Kugeln durchbohrt sank das furchtbare Thier endlich am Rande des Waldes sterbend zusammen. ,
Ben Juffuf wurde nach Oran in's Hospital gebracht, wo er erst nach vier Monaten von seinen Wunden genas und später nach Paris ging. Im Jardin des Plantes erzählt er Jedem der es hören will mit sichtbarem Wohlbehagen, wie er zu so gräßlichen Wunden gelangte und schließt seine Schilderung nie ohne die Behauptung, daß es Hunde gäbe, die an Klugheit hoch über manchem Menschen ständen, wie denn nur das wohlberechnete Manoeuvre des Jagdhundes Veranlassung gewesen, daß er den Klauen jenes blutdürstigen Raubthieres entronnen sei. Die Haut desselben dient dem Geretteten jetzt als Bettdecke und ist sein kostbarster Schatz.
Redyctisn; V. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Shr. Pietsch) in Gießen.


