Ausgabe 
2.9.1886
 
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feit für unser Wohlbefinden, und eigentlich gilt dies für beide Geschlechter. Ein weites und an ver­schiedenen Stellen offenes Gewand gestattet einen steten Wechsel der zwischen dem Kleide und dem menschlichen Körper befindlichen, erheblichen Luft- menge und erleichtert dadurch das Verdunsten des Schweißes und die Abkühlung der Haut; deshalb sind weite Kleider so angenehm und paffen für warmes Klima und heißes Wetter; und hier be­findet sich das weibliche Geschlecht im Vortheil, schon weil bei ausgeschnittenen Kleidern, wenn es die Mode erlaubt, Hals, Nacken und Arme unbedeckt getragen werden, während die Männer den Hals mit engen Hemden oder Halskragen umgeben und mit unnütz warmen Halstüchern einschnüren, wenn auch gegenwärtig die vor einigen Jahrzehnten üb­lichen steifen, hohen Halsbinden nicht mehr Mode und nur beim Militär noch gebräuchlich sind. Aber freilich:Alles wiederholt sich nur im Leben!" und wie leider die abgeschmackte Damenmode des Krino- liuentragens sich schon wieder angekündigt, kann auch die Mode der unheilvollen, steifen Krawatten wieder­kehren. Fast ebenso nachtheilig ist übrigens die Un­sitte des entstellenden Gebrauches der sogenannten Cachenez, mit denen viele Männer sich vor Erkältung des Halses, Heiserkeit, Katarrh rc. schützen wollen und nur eine nicht unbedenkliche Verwöhnung und Verweichlichung der Halspartie bewirken, stack die­selbe durch Fortlaffen aller Umhüllung und tägliches Kaltwaschen abzuhärten und für Erkältungen unetn» pftndlich zu machen. Wenn gegen das Bloßtragen des Halses, Nackens und der Schultern eingewendet wird, daß unter Umständen ein Bedecken von Nacken und Schultern nörhig wird, so muß dagegen erinnert werden, wie leicht sich die Damen durch Umlegen eines Kragens oder kleinen Umschlagetuches schützen, und wie auch den Männern bei strenger Kälte an* zurathen ist, ein dreieckig zusammen gelegtes Tuch unter dem Hemde anzubringen, um Nacken und Schultern warm zu halten. Was im übrigen die weibliche Keidung betrifft, so muß nachdrücklich be­tont werden, daß eine Menge von gefährlichen und beschwerlichen Krankheiten der Frauen lediglich durch ihre theils unzweckmäßige, theils ungenügende Kleidung erzeugt wird, und zwar wirkt diese entweder selbst als Krankheitsursache wie das unsinnige Zusammen­schnüren der Taiite durch die leidigen Schnürleiber, das nicht bloß schwer oder gar nicht zu beseitigende Erkrankung des Magens und seiner Nachbarorgane zur Folge hat, sondern auch leichtere wie schwere Störungen des Blutlaufs mit sich bringt, dann aber auch in entfernteren Organen im Unterleibe Kongestiv- zustände erregt, die zu unheilbaren, sehr schmerzlichen und gefährlichen Unterleibsleiden führen, oder durch die ungenügende Bekleidung wird die Ein­wirkung krankmachender Einflüffe auf den Körper erleichtert. Dies ist namentlich der Fall, weil bei den Damen die Beine und der Unterleib sehr mangelhaft vor Erkältungen und ihren Folgen ge­

schützt sind. Für da« erwachsene weibliche Geschlecht sind deshalb Beinkleider, die mindestens bis zum Knie reichen, im Sommer von Leinewand oder Shilling, im Winter von leichtem Wollenstoff, un­entbehrlich. Ganz zu verwerfen ist bas Tragen von Strumpfbändern unterhalb des Knie's wegen dadurch bedingter Störungen des Blut- und Lymphe- Umlaufs, die sich meist bei älter werdenden Frauen jedes Standes durch Entstehung von schwer heilenden Fuß- und Wadengeschwüren kundgeben. Zur Ver­meidung dieser leider sehr häufigen Plage ist es rathsam, die Mädchen von Jugend auf an Strumpf­bänder zu gewöhnen, die oberhalb des Knie's ange­legt werden. Die Fußbekleidung ist trotz 50jähriger Warnung bei beiden Geschlechtern entschieden un­zweckmäßig und führt zu Verkrüppelung der Zehen, Leichdornen, Frostbeulen, eingewachsenen Nägeln re. Zu weiterem Nachtheil gesellt sich für die Frauen hier noch ungeeignetes Material der Schuhe hinzu, zu dünnes Leder oder Zeug und zu dünne Sohlen. Ein Uebelstand der weiblichen Kleidung sind ferner die Gürtelbänder, die auch von einzelnen Männern statt der Tragebänder angelegt werden. Diese letzteren sind freilich auch oft nachtheilig, wenn sie über der Brust verbunden oder gar vorn gekreuzt sind. Be- klagenswerth ist, daß die früher gebräuchlich ge­wesenen Mäntel durch die unzweckmäßigen lieber, zieher verdrängt sind, und daß in manchen Männer­kreisen als angebliche neue Erfindung die Jäger'sche sogenannte Normalkleidung, d. h. hauptsächlich wollene Leibwäsche Mode geworden ist. Es ist nicht zu leugnen, daß in manchen Fällen das Tragen von Wollstoffen einen nöthigen Schutz vor Erkältung der Haut gewährt; dieser ist aber durch Flanell- ober Krepp-Unterjacken bester unb billiger zu erreichen. Bekannt ist ja, baß man im Mittelalter, als Leine, wanb noch unbekannt war, ausschließlich wollene Leibwäsche trug, baß aber später leinene oder baum­wollene Leibwäsche mit Recht entschiedenen Vorzug fand. Sehr empfehlens werth sind übrigens die Patent-Filethemden und Jacken von C. Metz und Söhne in Freiburg im Breisgau für die wärmere Jahreszeit. Diese Filetstoffe haben nur den Nebel- stand, daß manche mit empfindlicher Haut den Druck der kleinen Knoten beim Liegen unangenehm em­pfinden, weshalb die überaus vortrefflichen und für jede Jahreszeit geeigneten Unterleiber aus Krepp von Stähl-Siebenmann in Zosingen bei Bafel vor­zuziehen fein möchten. Die vom Profestor Jäger in Stuttgart, bem unter bem NamenDer Seelen- riecher" bekannten ausgezeichneten Gelehrten, einge* führte Wollen-Uniform scheint in etwas übertriebener Weise angepriesen zu werben, unb bet Sanitätsrath Dr. Niemeyer sagt wohl mit Recht:Wolle als Leibwäsche zu tragen, macht wasser- unb seifenscheu unb führt zur Vernachlässigung ber neuerbings von allen Autoritäten als so überaus wichtig erklärten Hautpflege und zur Rückkehr zur mittelalterlichen Schmutzerei!"

Ncdaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.