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„Dringen Sie nicht weiter in mich", sagte der Oberst mit einer abwehrenden Handbewegung, „und wenn Sie uns Allen einen großen Gefallen erzeugen wollen, dann verzichten Sie fortan darauf, dieses Geheimniß zu erforschen."
„Sprachen Sie nicht selbst von Rache, die Sie nehmen wollten?"
„Ich that es, aber nun sehe ich davon ab. Und ich sage Ihnen noch einmal, lasten Sie den Oberförster aus dem Spiel; was er weiß, darf er nicht sagen, und es wird Ihnen nicht gelingen, ihn zu einer offenen Erklärung zu bewegen. Sie machen sich nur nutzlose Mühe und ihm Sorgen und Aerger, ohne das Geringste zu erreichen."
„Aber die Aussagen des rothen Fritz —*
„Achten Sie nicht darauf, betrachten Sie diese Aussagen als das, was Sie sind, boshafte Verleumdungen, durch die der Bursche sich selbst reinzuwaschen sucht. Bestrafen Sie ihn wegen de» Diebstahls und de» Mordversuchs, er wird dann wohl für einige Jahre unschädlich gemacht werden."
„Da hieße es also für mich: Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo?" erwiderte Rommel fragend.
„Das sage ich nicht, ich wollte Sie nur warnen, und Sie würden wohl thun, meinen Rath zu beachten."
„Ich fürchte leider, daß ich Ihren Wunsch nicht mehr erfüllen kann. Kleine Ursachen erzeugen oft große Wirkungen. Wäre jener Vagabund nicht mit einem falschen Paß aufgegriffen worden, so hätte wohl Niemand daran gedacht auf jene Ereigniffe noch einmal zurückzukommen; nun dies aber geschehen ist, muß die Untersuchung auch zu Ende geführt werden, und es läßt sich nicht voraussehen, was dadurch noch an den Tag kommen wird. Der Richter will und muß klar sehen; stößt er auf ein dunkles Geheimniß, so ist es seine Pflicht, daffelbe zu er- forschen — hier stehe ich, ich kann nicht anders, die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los."
„Legen Sie keinen Werth auf die Aussagen des Gefangenen, dann werden Sie die Akten bald schließen können und sich in keiner Weise genöthigt sehen, auf jene Ereigniffe zurückzukommen."
„Das ist bald gesagt! Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit — leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die SachenI"
„Brechen wir ab!" sagte der Oberst unwillig. „Sind die Damen abgereist?"
„Vor einer Stunde schon!"
„So kann ich also in den „Weißen Hirsch" zurückkehren? — Ich bin hier, um Sie abzuholen."
„Gott sei Dank! Ich bin gewiß nicht verwöhnt, aber lange hätte ich es in diesem Hause nicht mehr ausgehalten."
Der Oberst begann ohne Zögern damit, die umherliegenden Garderobestücke und Toilettengegenstände einzupacken, und Rommel erinnerte sich jetzt des Briefes, den er am Morgen empfangen und noch nicht geöffnet hatte.
Er trat an's Fenster und entfaltete das Schreiben.
„Mein lieber Freund und Kupferstecher!" las
er. „Das arme Menschenherz muß stückwei» brechen! werden Sie sagen, wenn Sie die Jeremiade gelesen haben. Mein Schiff streicht noch immer durch die Wellen, und ein alter Cerberus bewacht den Hasen mit Argusaugen. Sie werden sich erinnern, daß ich Ihnen beim Abschied sagte: Hier vollend' ich's, die Gelegenheit ist günstig! — und in der That schien mir der Erfolg nicht fehlen zu können. Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten und das Unglück schreitet schnell! Kaum hatte Tante Lina mit dem Fräulein Ludmilla da» Haus verlaffen, als eine Droschke vorfuhr, der ein alter Drache mit Hutschachtel und Reisetasche entstieg, um fortan al« Cerberus die Pforten des Paradieses zu bewachen. „Madame Stein, unsere frühere Haushälterin", stellte Hertha mir den Drachen vor, der mit süßem Lächeln mich bezaubern zu wollen schien. Das war kein Heldenstück, Tante Lina! Ich dachte: Hol' die Pest Kummer und Seufzen, es bläst einen Menschen auf, wie einen Schlauch! Die Wachsamkeit dieses Drachen zu täuschen, schien mir Kinderspiel zu sein; geh' den Weibern zart entgegen, Du gewinnst sie auf mein Wort. Aber ach, des Lebens ungemischte Freude wird keinem Sterblichen zu Theil! Glaubte ich einmal mit Hertha allein zu sein und nun das große Wort gelassen aussprechen zu können, so sah ich aufschauend plötzlich dem Drachen in das süß lächelnde Angesicht und zum Teufel war der Spiritus!
Ich kann Ihnen die Tantalusqualen nicht schildern, die ich erlitten habe, und nach Jahren noch werde ich sagen: Sprich' mir von allen Schrecken des Gewissens, von diesem Drachen sprich' mir nicht 1 Hertha scheint davon nicht die leiseste Ahnung zu haben, sie springt und singt durch das Haus, als ob ihre» Lebens Mai ewig blühen müsse.
Was thun? spricht Zeus. Ich habe Alles versucht, der Cerberus ist nicht zu überlisten; so muß ich mich denn gedulden, bis Tante Lina zurückkehrt und der Drache wieder abzieht. Dann wird das grausame Spiel wohl ein Ende nehmen und mir vergönnt werden, ihren Spuren erröthend zu folgen.
Ich hoffe, Sie haben inzwischen das holde Weib errungen, kehren Sie nur recht bald zurück, ohne Neid und Mißgunst werde ich mich in dem Liebes- glanz Ihres Leben» sonnen!
Einen Associö habe ich gefunden; ich werde noch einige Monate im Hause Morgenroth's bleiben und alsdann mein eigenes Geschäft eröffnen: das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus ben Ruinen.
Hauptmann von Görlitz ist wohlauf, Signora Barlotti hat dem alten Drachen, der auch ihren Verlobten bemuttern wollte, die Art, mit Hexen umzugehen, in einer so drastischen Weise gezeigt, daß sogar Hertha ihre Freude daran hatte.
Grüßen Sie den Oberst und leben Sie wohl, und wenn Sie noch ein menschliches Rühren fühlen, dann bedauern Sie Ihren unglücklichen Freund
i Carl Maiwind."


