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stallen auf seltsam aufgeputzten Gäulen: Sultane mit riesigen,:Turbans und anscheinend kostbarem Ueberwurf, nußbraune, halbnackte Mohren, auf den wolligen Häuptern bunte Federkronen in den Händen ellenlange Pfeile, Turkos, Engländer, Chinesen, dann Schäferinnen und Sennerinnen, zum Scylusse eine zerlumpte Zigeunerfamilie, Bärentreiber und groteske Eselstreiber. Der Zug geht unter allgemeinem Halloh ins Dorf hinein, paradirt vor den Wohnungen der Dorfhonoration und der reichen Bauern und kehrt endlich in der Schänke ein. Hier zieht der Schalksnarr den Faschingsbrief aus der Tasche und verliest unter dem Jubel der Zuhörer die in der Gemeinde begangenen Thorheiten u. dergl. Ein fröhlicher Tanz beschließt natürlich die ganze Comödie.
Im Zillerthale findet während der ganzen Fastnachtszeit ein lustiges Leben statt. Keine Hochzeit, keinen Tanz begeht man ohne die lustigen Faschingsbrüder, die, tüchtig vermummt, manchmal durch Pracht und sinnvolle Maskirung Staunen erregen. In gereiften Gegenden der östlichen Schweiz ist ein schnackisches Sprel zur Fastnacht Mode, das die seltsame Benennung „Ginitz-Moos" führt. Junge Burschen lhun sich unter allerhand Verkleidungen zusammen und ziehen vor die Thüren der älteren unverheiratheten Mädchen, welche dort auch scherzweise Grenitz oder Kibitz heißen. Kibitze setzen sich gern aus Moose und betten sich darin. Bekommt nun ein Mädchen keinen Mann, so sagt man von der Betreffenden: „Sie wird auf das Gienitzmoos (ober Giemtzried) kommen." — Die jungen neckischen Leute sammeln sich in einem Henkelkorbe, der von zwei alten Weibern, die so häßlich sein müssen, als sie nur aufgetrieben werden können, getragen wird, vorjähriges Moos und ziehen mit den Dorsspielleuten von Haus zu Haus. Wo sie eine „Kibitze" reiften, bestreuen sie die Thürsch wellen mit Sand, nageln vor die Thür einen Strohmann und beschenken die alte Jungfrau mit Gienitzmoos. Manchmal schließt dieser Scherz mit einer Verlobung, indem die muntern Dörfler der.Kibitze" statt Gienitzmoos den Brautmann bringen, wenn man von einer hier obwaltenden gegenseitigen Neigung überzeugt ist.
In der Eifel herrschte noch vor ein paar Jahrzehnten der Brauch, daß die Weiber am Fastnachtstage in den Gemeindewald gehen und sich hier den schönsten Baum aussuchen und sällen lassen dursten. Den Baum verkauften sie und aus dem Erlöse wurde dann ein gemeinsames Mahl bestritten. Offenbar weist der uralte Brauch, den schönsten Baum aus dem Walde zu holen, zu verkaufen und dessen Erlös gemeinsam zu vertrinken, auf die ursprüngliche Einholung des Frühlings, ähnlich dem Einholen des Maiwagens, hin, welche Sitte in früheren Zeiten in Norddeutschland Sitte war. Auch im Brünnthal herrscht ein ähnlicher Faschingsbrauch, wie der aus der Eifel erwähnte. 9lur find es hier die ledigen Burschen, welche hier in die Gemeindewaldung gehen, sich den größten und schönsten Baum aussuchen und
Redaction; A. Scheyda. «~
chn umhauen. Nachdem er an Ort und Stelle von feinen Aesten befreit worden ist, wird der Stamm von dem jungen Volke auf einen geeigneten Platz, der sich in der Nähe des Dorfes befindet, geschleppt, dann mit Bändern, Fähnchen, Immergrün u. s. w. geschmückt, auf einen Schlitten gelegt und ins Dorf gezogen. Der älteste Junggeselle geht an der Spitze; auf dem Schlitten befindet sich der Schalksnarr, welcher den dem Zuge Begegnenden allerhand derbe Neime xuruft, zu denen die chronique scandaleuse des Dorfes den Stoff liefert. Unter Jubel und Schreien und allerhand Späßen geht es durch das Dorf, worauf der Stamm öffentlich verstetgert und der Erlös von den Burschen gemeinschaftlich im Wirthshause verzehrt wird.
In Schwaben war früher zur Fastnacht das Pflugumziehen weit verbreitet, auch am Rhein, in Frauken und anderen Gegenden huldigte man dieser Sitte. Sie bestand darin, daß die jungen Männer alle Tanzjungfern zusammenholten und nacheinander auf einen Pflug setzten; während ein paar Musikanten lustig aufspielten, wurde der Pflug sammt den Schönen von den übermüthigen Burschen ins Wasser gezogen. Und eine Chronik der Stadt Hof erzählt, daß Fastnachts böse Buben einen Pflug herumführten und die Mägdlein, welche sich nicht mit Geld anslösen wollten, davor spannten. Andere Burschen folgten und säeten Häckerling und Hobel- spähne. Diese Sitte des Pflugherumfahrens beruht jedenfalls auf der altheidnischen Vorstellung, wonach ans den Fluren eine wohlthätige, gütige Gottheit erscheint, der die Menschen überall im Lenze mit Freudenbezeugungen nahten. Es offenbart sich hierin eine alte Frühlingssitte, ein Wiedernahen oder Nachleben jener symbolischen Darstellungen der Götter- Umzüge unter den Menschen im Frühjahre, welche das Heidenthum bei feinen Frühlings- und Sommer- festen sichtbar darstellte und nachahmte, em Cultus, welcher nach Verdrängung der Götter durch das Christenthum nur in Volksgebräuchen, die mit der Zeit immer unverständlicher wurden, sich forterhalten und mehr und mehr verflüchtigt hat.
In einigen Gegenden der Schweiz werden zur Fastnachtszeit die Hirschmaskeraden, wenn auch in sehr abgeschreächter Gestalt, noch begangen, welche alte Schriften unter dem Namen Solemnitas cornuti erwähnen. Dieses alte Volksfest wird in den einzelnen Landschaften verschieden anberaumt, gewöhnlich fällt es aber auf den ersten Montag nach Aschermittwoch, welcher auch den Namm Hirschmontag trägt. Der Hauptspaß besteht darin, daß zwei Nachbarorte einen Strohmann ober sonst ein maskenhaftes Ungethüm sich zuzuführen suchen, jeder aber die ihm zugedachte Beschwerung mit Waffengewalt und in einem förmlichen Feldzuge abzuwendeu trachtet. Das Unvermeidliche geschieht aber , doch, der Strohmann zieht in den Ort ein, wird hierauf feierlichst verbrannt und Sieger und Besiegte einigen sich zu einem fröhlichen Schmause.
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