Ausgabe 
1.4.1886
 
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Er schritt nach einer Ecke und hob eine schwere en eine Platte mit erstaunlicher Leichtigkeit empor.

Mir betreten jetzt ein unterirdisches Leichenfeld", sagte er;die Katakomben dieser Stadt."

Hat sie denn solche?" fragte Duprat erstaunt. Auch Dryden wußte Nichts davon.

Eine zufällige Entdeckung", erklärte Riston, von der man da oben wohl noch nicht einmal Etwas wissen mag. Man munkelt von Katakomben, doch hat man keinen bestimmten Begriff, wo und wie weit sie sich ausbreiten; auch die wenigen Zu­gänge sind nicht bekannt. Dieses Haus mag hundert und mehr Jahre alt sein und der Keller'vielleicht fett fünfzig Jahren nicht benutzt fein, wenn er es überhaupt je gewesen. Jedenfalls ist dieser Eingang zu den Katakomben in Vergessenheit gekommen Aber gehen wir!"

Schweigend folgten die Beiden dem verwegenen Führer unter die Erde.

Es führten keine Stufen in die Katakomben hmab. Man mußte, stch in die manneshohe Ver­tiefung hinun.erschwingen; dann sah man, nur wenig den Boden überragend, eine gewölbte Oeffnung. In diese schob man die Füße zuerst, rutschte dann auf tchrager, erdiger Bahn abwärts und gelangte 1° °uf den Boden des unterirdischen Leichenfeldes.

Riston leuchtete mit seiner Blendlaterne zur Deae empor und scheucht; damit die daran hängenden Fledermäuse aus, welche alsbald ein gespenstisches Leben entfalte.en. Im Vorwärtsschreiten, wobei Ris.on wieder voranging, grüßten nun von rechts und links Knochenhände und grinsende Todtenköpfe eine stille, unheimliche Gesellschaft.

Durcy ein Labyrinth von Gängen und Grab- kammern gelangten die Drei zum entgegengesetzten Enoe der Katakomben. Hier führten Stufen zu einer verrosteten, eisernen Thüre mit zwei Flügeln empor. Riston öffnete sie mit seinem Nachschlüssel. Die Stu en setzten sich jenseits der Thür bis zur Erdhoye fort, em Beweis, daß hierhinab die Leichen der zu Beerdigenden getragen wurden.

Und wo sind wir nun?" fragte Duprat beim Hlnaustreten aus der, Katakombenvertiefuna.

"Zn meinem Hause", entgegnete Riston.

- Ihrem?" lachte Dryden.Seit wann sind Sie denn Hausbesitzer?"

In einer so großen Stadt kann man Das werden", entgegnete Riston,ohne je einen Rechts­titel in Händen gehabt zu haben. Ich bin ein Bettler, der von der Gnade des Barons hier lebt, und doch wohne ich in einem palastartigen Hause."

Allerdings", sagte Duprat, sich umblickend. So stolze Pfeiler und hohe Wölbungen im Keller lassen^auf einen großartigen Oberbau schließen."

,,^ch sage Ihnen ja, ein Palast, wenigstens nach mernen bescheidenen Begriffen vom Dasein, und viel zu gut für nnch. Aber gehen wir erst hinauf. Ich werde Ihnen das Weiters oben erklären."

Er führte sie nun über breite Stufen zu einer Thür, die er wje die anderen erschloß.

|. So gelangten sie in das Parterre eines einst sehr vornehm gewesenen Hauses, dessen Glanz jetzt aber unter einer vieljährigen Staub- und Spinnen- webenschicht erblichen war, um keine Auferstehung mehr zu feiern. Man meinte noch immer in den Katakomben zu sein, so öde und todtenstill war es hier, als wenn da nie eines Lebenden Fuß gewandelt hätte.

Riston führte seine Freunde nach einem Zimmer, dessen dicht verhangene Fenster auf den von hohen I Mauern umhegten Hof gingen.

Auch hier war Alles vergilbt, verblichen und mit Spinnenweben überzogen; aber es machte doch den Eindruck des Wohnlichen, Behaglichen. Antik geschnitzte Möbel standen in loser Ordnung umher; das Himmelbett war ein Prachtwerk in seiner Art; die Bilder an den Wänden hatten sämmtlich den düsteren Ton des Alters. Stellenweise hing die Tapete in Streifen von den Wänden herab.

Was sagen Sie nun zu meiner Wohnung?" fragte Riston. Er zündete eine Lampe und dann auch in dem offenen Kamin ein Feuer an.

Die Freunde sprachen mit ihrer Zufriedenheit auch ihre Verwunderung aus, daß er so ungenirt hier hausen könne.

O,, sehr einfach", entgegnete Jener.Ich hatte das stille Haus schon lange mit aufmerksamen Blicken betrachtet und immer die gleiche Beobachtung I gemacht, daß Niemand darinnen sei. Ich erkundigte mich also und erhielt eine Erklärung, die zuerst den Wunsch, mich hier einzulogiren, in mir erweckte. Ich konnte nämlich Nichts weiter erfahren, als daß man es allgemein das öde Haus nannte, daß es seit vielen Jahren unbewohnt und nach allgemeiner Annahme auf Abbruch zu verkaufen sei. Das war nach meinem Geschmacks."

So Etwas kann natürlich nur in ganz großen Städten Vorkommen", sagte Duprat.Aber es wundert mich, daß Sie hier noch keinen Besuch aus demFuchsbau" empfangen haben."

Bah I Wer vermuthet solche Wohnlichkeit hinter diesen tristen Mauern und den immer geschlossenen grünen Fensterläden. Auch ich glaubte, das Haus sei ganz leer, und so wird es wohl Allen hier gehen."

Dryden legte eben seinen Oberrock ab, um zum Feuer zu treten, als er plötzlich erbleickend inne hielt.

Alle Wetter!" rief, er, in seinen Taschen suchend. "Was rst denn Das? Mein Portefeuille ich habe es, bei Gott! verloren!"

Verloren?" riefen Riston und Duprat mit dem gleichen Entsetzen.

»Ja ja, verloren - Hölle und Teufel!"

Dasselbe, welches Du gestern Abend in meinem Hause "

Vollgepfropft mit faschen Banknoten!" rief Dryden verzweifelt.

Riston warf einen erschreckten Blick auf den an- geblichen Steiner. Dieser aber sagte zu seiner Per-