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es fürwahr, wem, unsere deutschen Nachbarn und Brüder, die zu unserem Verfall so reichlich beigetragen, uns nun zum Ueberfluß noch verächtlich und schimpflich behandeln. Da läßt zum Beispiel der Bischof von Speier die Straßburgischen Schiffe, welche auf die Frankfurter Messe fahren wollen, zu Lauterburg und Philippsburg anhalten, begegnet den Schiffern hart und zwingt sie, über die schuldigen Zinsen für jedes Schiff wegen gerichtlicher Kosten noch hundert Gulden mehr zu zahlen; ebenso der Kurfürst von Mainz, während andere Schuldner uns beim Kammergericht zu Speier verklagen. Was soll bei solcher Härte unserer Brüder und dem listigen Drängen des Feindes da zuletzt aus unserer Reichsfreiheit werden?" — ,
„Schande über Kaiser und Reich!" rief Adrian zornig, „wie ste uns verlassen, werden auch ste untergehen, und das Deutsche Reich zur Sage machen. Doch sagt mir, Herr Dominicus! wie nahm Frankreich den Tod des Verräthers Obrecht auf?"
„O, es hat die Wälschen nicht wenig geärgert," lächelte der alte Herr wehmüthig, „bald nach seiner Hinrichtung kam ein Haufen von ihnen den Rhein herabgefahren. Sie hielten mitten unter der Rheinbrücke und befestigten hier einige Brandschiffc, welche mit dürrem Holz, Stroh, Pech und Harz angcfüllt waren. So zündeten ste die Brücke an, wodurch acht Joche abbrannten. Die Franzosen fuhren den Rhein hinunter bis in die Wagenau, wo sie mit lautem Trommelschlag an's Land stiegen, ruhig zechten, sich ihrer Heldenthaten rühmten und dann zu Fuß nach Breisach znrückgingen."
„Und das habt Ihr gelitten?" fragte Adrian heftig, „habt den Mordbrennern keinen Denkzettel gegeben?"
Der Bürgermeister zuckte die Achseln.
„Was sollten wir dagegen beginnen," versetzte er ruhig, „dem mächtigen König von Frankreich vielleicht den Willen thun und ihm dadurch Veranlassung zu einer offenen Kriegserklärung geben? Nein, nein, guter Adrian! das Klügste war jedenfalls, sich den Frevel ruhig gefallen zu lassen, da wir nun einmal im ganzen Lande keine Hülfe fanden. Es wird oft dunkel vor meinem Blick, wenn ich in die Zukunft schaue und das schreckliche Gebahren des Franzosen bedenke, wie er mit dem übrigen Elsaß umgesprungen und kein Recht, keine Freiheit respectirt, wie er die deutschen Reichsstädte durch schreckliche Quälereien zwingt, sich ihm auf Gnade und Ungnade ganz zu ergeben. Du wirst doch von Kolmar, von Hagenau und Weißenburg gehört haben?" „
„Nein," versetzte Adrian, „ich erfuhr nichts vom Schicksal des Elsaß.
„Es ist fürchterlich, wir sind also ganz von der übrigen Welt abgeschieden und der Willkür eines frechen Feindes schonungslos preisgegeben. O, Deutschland, Deutschland! klage Dich selber an, wenn Deine Herrlichkeit in Trümmer sinkt, wir thun sicherlich mehr als unsere Pflicht, in der Geduld und in treuem Aushalten, um bei Dir bleiben zu können, bei Dir, der undankbaren Stief- mutter!" „ . .
Der wackere deutsche Mann verhüllte sich das Geftcht und saß einige Minuten regungslos im tiefsten Schmerz versunken.
Dann ließ er langsam die Hände sinken und fuhr mit wiedergewonnener Fassung fort: „Es war ein Jahr später, Anno 1673, als der König von Frankreich die Stadt Kolmar, deren Privilegien er bis jetzt noch geschont hatte, plötzlich mit 5000 Mann überfallen ließ. Die Ueberraschung lähmte jeden Widerstand, Niemand hatte sich dessen im vollen Frieden versehen. Die Bürger wurden entwaffnet, die Posten an den Thoren und ans den Wällen mit Franzosen besetzt, alles Geschütz, Kriegsmunition und Mundvorrath der Stadt nach Breisach gebracht. Die armen Bürger mußten froh sein, einer allgemeinen Plünderung zu entgehen, und die Räuber zu sechs bis zehn Mann beherbergen. Ja, sie mußten


