Ausgabe 
19.10.1872
 
Einzelbild herunterladen

490

Dich alsdann nimmer werde schützen können, und meine Macht am Ende sein wird, wenn das Lilienbanner auf unserm Münster weht. O, Deutschland, Deutschland, wie schwer versündigst Du Dich an Deinen treuesten Kindern!"

Was meint Ihr, Herr Dominicus," begann Adrian nach einer Pause leb­haft,wenn ich mich sogleich wieder aufmachte und nach Wien zum Kaiser ginge, ihn um Hülfe für Straßburg zu bitten?"

Eitle Hoffnung," mein Sohn! Der Kaiser hat uns stets Ohr und Herz verschlossen." ,

Oder zum Kurfürsten von Brandenburg, er wird sicherlich den Willen dazu haben."

Daran zweifle ich nicht, doch fehlt ihm die Macht, zu helfen. Ware der große Kurfürst deutscher Kaiser, unsere schöne Stadt würde niemals in Frank­reichs Hände fallen. So aber sind wir einzig auf uns selber angewiesen und werden uns wehren, so lauge wir können. Der ganze Rath hält einträchtig zusammen und doch, ich fühl' es, werden wir am Verrath zu Grunde gehen."

Verrath im Innern der Stadt?" fragte Adrian erregt.

So ist es, mein Sohn! Hast Du draußen nichts von dem Verräther Obrccht gehört?"

Nein, kein Wort, Ihr meint doch nicht den Doctor Georg Obrecht, Euren Nachbar?"

Denselben, er mußte seinen Verrath mit seinem Kopfe büßen."

Großer Gott!" rief der junge Mann erschreckt,erzählt es mir, Herr Ammeister!"

Dieser blickte eine Weile düster vor sich hin.

Es sind jetzt gerade neun Jahre her, Anno 1672 wars, als jener Doctor Georg Obrecht eine Verschwörung gegen mich und den ganzen Rath anzetteln wollte, um uns allesammt, die wir echt deutsch allezeit unsere Pflicht gegen Kaiser und Reich erfüllt, in's Verderben zu stürzen, und alsdann, wenn ihm solches ge­lungen, die Stadt dem König von Frankreich auszuliefern. Er hatte sich durch Judaslohn bestechen laffen und gab sich absonderlich dazu her, allerhand anonyme Schmähschriften gegen mich drucken zu lassen, als sei ich der Verräther, welcher mit Frankreich heimlich unterhandle, um den Könige gegen eine hohe Summe Geldes die Stadt zu überliefern. Er wollte mit solcher boshaften Verleumdung die Menge aufrühren, Zwietracht säen, uns des allgemeinen Vertrauens der Bürgerschaft berauben und so beseitigen. Es sollte anders kommen, Gott schützte uns und brachte die Verleumdung's Licht. Obrecht hatte einen französischen Brief an den Minister Louvois, worin der ganze verrätherische Plan enthüllt war, verloren, und der Finder brachte denselben in die Rathsversammlung. Der Ver­räther wurde vor's Gericht gestellt, das ihn zum Tode verurtheilte, den er denn auch durch Henkerbeil erlitt."

So möge es jedem Verräther ergehen," sprach Adrian-

Wir durften das Urtheil nicht mildern," fuhr der Bürgermeister fort, der erwiesene Verrath mußte um unserer eigenen Sicherheit und der Erhaltung der Stadt willen mit der ganzen Strenge des Gesetzes bestraft werden. Ach, mein Sohn! was haben wir in dieser ganzen Zeit gelitten, und was werden wir noch leiden müssen ohne Aussicht auf Errettung ! Die beständige Kriegsrnstnng hat ungeheure Summen verschlungen; Handel und Wandel liegen darnieder; das Vermögen der Bürger schmilzt mit jedem Tage mehr zusammen; viele Quellen unserer städtischen Einkünfte sind verstopft, und eine ungeheure Schuldenlast, von welcher wir die Zinsen nicht mehr bezahlen können, raubt unserer sonst so reichen und blühenden Vaterstadt alle innere Kraft."

Das ist fürwahr ein düsteres Bild,"- sprach Adrian leise, als Jener schwieg. Ich könnte noch schwärzer malen," seufzte Herr Dominicus,und hart ist