Ausgabe 
19.10.1872
 
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ruhig zusehen, wie dieselben ihre Kanonen, neunzig an der Zahl, wegführten, ihre Thore sprengten, die Wälle niederrissen und die Gräben ausfüllten. Kolmar ist in eine wehrlose Stadt in ein Dorf verwandelt."

Adrian sprang auf und durchmaß mit hastigen Schritten das Zimmer.

Fluch diesen Räubern!" murmelte er, die Hände im ohnmächtigen Grimm ballend,und Fluch doch nein, nein!" setzte er laut und in tiefer Weh- muth hinzu, der Mutter flucht man nicht, selbst wenn sie Ehre und Pflicht ver­gißt und ihr eigen Kind schmachvoll verläßt!" Fahrt in Eurer Erzählung fort, Herr Ammeister, ich möchte ein ganzes Bild dieses unglücklichen Landes haben und Ihr schildert zum Eutsetzen lebendig, Herr Dominicus!"

Wie kann ich die grause Wirklichkeit mit all" ihrem Elend lebendig schildern, wie Dir ein volles Bild unseres unglücklichen Landes geben, mein Sohn? Ist es doch allen Reicksstädten des Elsaß außer Mülhausen und Straßburg, die bis jetzt noch erfolgreichen Widerstand geleistet, so ergangen wie Kolmar. Gehe hin nach Weißenburg und Hagenau, dort laß Dir erzählen, wie vor vier Jahren die Franzosen unter einem Unmenschen, Namens Labrosse, dort gehaust haben. Auf dem Sulzer-Wörth hat er den armen Bauern ihre wenige noch gerettete Habe vollends geraubt, viele ermordet, ihre Hütten verbrannt und nicht einmal geduldet, daß die unschuldigen Kindlein aus den Flammen gerettet wurden. Mir erzählte es ein Bürger Hagenaus, daß er selber mit angehört, wie dieses Ungeheuer, dieser Labrosse gesagt:Es könne ihm nichts so großes Vergnügen machen, als das Prasseln der Flammen und das Gerassel einsiürzender Häuser und Gebäude."

Es wäre mir lieb, diesem Franzosen einmal zu begegnen," sagte Adrian mit dumpfer, gepreßter Stimme.

Gottes Gericht ereilte ihn noch im selben Jahre er wurde bei St. Leonhard mit fünf Schüssen getödtet. Und so hoffe ich auch, wird es früher oder später alle diese wälschen Räuber ereilen und sie züchtigen für alle Sünden, die sie an der Menschheit schon begangen, doch sollten wir untergeben, sollte auch Straßburg das Schicksal der elsässischen Schwesterstädte theilen müssen, so mögen unsere Nachkommen es dereinst lesen, wie tapfer wir um unsere deutsche Freiheit gekämpft und den Mnth daraus schöpfen, trotz der wälschen Ketten deutsch zu bleiben und die Hoffnung festznhalten, noch einst wieder mit der Mutter vereinigt zu werden, denn nicht möchte ich den Gedanken mit in"s Grab nehmen, daß Straßburg die uralte deutsche Stadt, dereinst so verwälscht würde, daß ihr ehr­liches deutsches Antlitz nicht mehr,zu erkennen wäre."

Das verhüte Gott!" rief Adrian,so lange Deutschland noch solche Herzen zählt, wie das Eure, Herr Dominicus, wird Frankreich seine listigen Künste ver­gebens an uns versuchen. Und nun Gott befohlen-, mein theurer, väterlicher Freund!" setzte er, ihm die Hand reichend, hinzu,ich will noch einige Gänge durch die Stadt machen, und vor allen Dingen meinen trauten Freund, das Münster besuchen."

Der Bürgermeister drückte ihm die Hand und Adrian verließ rasch das Hans. Er sah es nicht, wie zwei schöne Augen ihm mit sichtlichem Wohlgefallen nachschanten, sonst hätte er es wohl nicht so eilig gehabt.

Herr Dominicus schien über den lieben Besuch ganz und gar vergessen zu haben; er hatte sich einmal recht ausgesprochen und das that ihm innerlich so wohl, daß er sich ordentlich erleichtert fühlte und die Geschichte mit der Catharina ihm, als er sich derselben erinnerte, schon lange nicht mehr so erschrecklich er­schien als vorhin.

(Fortsetzung folgt.)

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