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mir noch erst vorhin rundweg erklärt, daß sie ledig bleiben wolle bis an ihr seliges Ende.
So sprach der erste Bürgermeister oder Ammeister, wie es Anno 1681 hieß, Herr Dominicus Dietrich zu einem blassen Manne zwischen dreißig und vierzig Jahren, der finster zur Erde blickte, indem er ihm bedauernd die Hand reichte.
Der Stadtschreiber Günzcr legte seine Rechte in die so treuherzig dargebotene des Bürgermeisters, und wandte sich schweigend der Thüre zu.
„Ihr zürnt mir, Günzer!" fuhr Herr Dominicus bekümmert fort, „so mißtrauet Ihr meinem Worte —"
„O nein, Herr Ammeister!" entgegnete der Stadtschreiber, sich hastig zu ihm wendend, „mich betrübt ebenso sehr Eure Kurzsichtigkeit, wie die Abweisung meiner Werbung."
„Ich verstehe Euch nicht," sprach der Bürgermeister stirnrunzelnd.
„Nun, so erlaubt, daß ich Ihnen klaren Wein cinschenke —"
Nur zu, ich sehe in Allem gern klar."
Günzer kehrte zu ihm zurück.
„Eure Tochter Catharina würde nicht ledig bleiben, wenn sie die Erlaubniß zu einer andern Heirath von Euch erlangen könnte, Herr Ammeister!" sagte er langsam und lauernd.
„Redet deutlicher, wen meint Ihr damit?"
„Den jungen Ulrich Obrecht."
Der Bürgermeister fuhr heftig zusammen, er wurde leichenblaß.
„Das ist nicht wahr," rief er fast athemlos, „kann und darf nicht wahr sein, Herr Stadtschreiber!"
Dieser zuckte mitleidig lächelnd die Achseln.
„Es ist aber dennoch wahr," versetzte er ruhig, „fragt sie selber, Herr Ammeister!"
„Das werde ich thun und den Verleumder zu strafen wissen," sprach Herr Dominicus stolz, „geht, Herr Stadkschreiber, und sagt meinem Feinde, daß ich gegen solche Dinge gepanzert sei, nachdem die Verleumdung sich machtlos an mir erwiesen."
„So glaubt Ihr —"
„Nichts glaube ich, lieber Günzcr," fiel der Bürgermeister rasch ein, „ich weiß nur, daß man Euch, den ich stets wie einen Sohn geliebt, zum Werkzeug einer niedrigen Racke hat gebrauchen wollen, das betrübt mich, weiter nichts I"
Ueber des Stadtschreibcrs blasses Gesicht flog eine dunkle Röthe, er wollte noch etwas erwidern, doch der Bürgermeister winkte wehmüthig lächelnd mit der Hand und langsam verließ Jener das Zimmer.
Unruhig durchmaß Herr Dominicus einige Male das Zimmer, als die Thür sich wieder leise öffnete und ein freundliches Matronen-Antlitz hineinschaute.
„Darf ich Dich stören, mein theurer Dominicus?" fragte die Frau.
„Ach, Du bist's, meine Liebe!" rief der Bürgermeister lebhaft, „Dich sendet der Herrgott, denn soeben wollte ich Dich aufsuchen. Ich habe Wichtiges mit Dir zu reden."
Die edle Fran trat zu dem Gatten, ergriff seine Hände und blickte ihn forschend an.
„Günzer war vvrhin bei Dir, — ich sah ihn fortgehen, er hat Dir unangenehme Nachrichten gebracht."
„Freilich bat er das," nickte der Bürgermeister mit düsterm Ernste, „komm, setze Dich zu mir, Du treue Gefährtin! Du weißt, daß der Stadtschreiber unsere Catharina heimführen möchte."
„Ich weiß, sie aber will nicht hcirathen."


