Ausgabe 
17.10.1872
 
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Gießener Familienblätter.

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Mx. 122. Donnerstag, 17. October 1872.

Gold und Her).

Novelle von Fanny ii'lin d.

(Schluß.)

Im Herbst war die Hochzeit. Kein glänzendes, üppiges Feftgelage, sondern eine stille, heitere Feier, aber die Stimmung der wenigen Gäste war eine außer­ordentlich fröhliche.

Auch Charlotte sah man an diesem Tage wieder lächeln, und nach Beendigung der Traurings -Ccremonie flüsterte sie der Schwester leise in's Ohr:

Ein treues, liebendes Herz wiegt mehr als Gold Du warst klüger als Deine Schwester."

Ehe wir von den Personen unserer Erzählung scheiden, werfen wir noch einen Blick dahin zurück.

Ein warmer Sommerabend neigte sich zu Ende und die scheidende L>onne wirft ihren Schimmer auf die frisch vergoldeten Zinnen des Schlosses Hoheneck.

In deni dichtbelaubten, parkartig angelegten Garten tummeln sich auf dem grünen, englischen Rasen zwei reizende Kinder, ein etwa vierjähriger, pausbackiger Knabe und ein kleines, höchstens zwei Jahre altes Mädchen. Nicht weit davon stehen Karl.von Hoheneck und seine Gattin, jetzt ein behäbiges Havsmütterchen. Beide blicken mit elterlichem Entzücken auf ihre spielenden Kinder.

Aber auch noch andere Augen beobachten das Treiben derselben der alte Major von Hoheneck nnd Charlotte, die allmählig im Glücke der Schwester ihre eigene herbe Vergangenheit vergessen hatte.

Noch einen Gast sah man alljährlich auf Schloß Hoheneck, den wirklichen Premier-Lieutenant Kurt von Hoheneck. Bisweilen folgte ihm sogar seine hoch- geborne Gemahlin, so beleidigend für ihren Stand dieselbe es auch fand, daß ihr Schwager eine Bürgerliche geheiralhet.

Sah Kurt dann mitunter die steife, graziöse Haltung seiner Gemahlin, die einer spanischen Duenna alle Ehre gemacht hätte, neben Hedwig's ungezwungenem, anmnthigem Benehmen, so dachte er wohl daran, wie eS vielleicht noch etwas gab, was mehr werth war, als einen hochgeborenen Namen, aber die Erkenntniß war ihm zu spät gekommen und seufzend ergab er sich seinem Schicksale, der Sklave aller Launen seiner stolzen Gemahlin zu sein.

Der Ammeister von Straßburg.

Historische Novelle von Emilie Heinrichs.*)

Ja, ja, mein lieber Stadtschreiber! Es ist so, wie ich Euck sage, herzlich willkommen solltet Ihr mir als Eidam sein, wenn meine Tochter Catharina Euch in herzlicher Steigung zugethan wäre, aber, fragt sie selber, sie hat

*) Der Wiederabdruck ist nur mit Genehmigung der Verfasserin gestattet.

1 Univ.-SibL j Giessen