Ausgabe 
9.7.1872
 
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lichkeit. Er lehnte eine ihm angebotene Stelle als Minister ab denn es gab kein unrnhigeres Brod, als eine solche er betheiligte sich aber auch bei keiner Verschwörung gegen das Kaiserreich. Er hielt es ebensowenig mit den Klerikalen, ja er hatte sogar einige werthvolle Besitzungen dertodten Hand" durch Kans an sich gebracht, fühlte sich aber von Anfang an darin sicher, sobald nur der Kaiser zeigte, daß er die leycs de reforma nicht aufzuheben gedenke, denn das Gesetz war von Juarez gegeben, und wer von Beiden auch Sieger blieb, der Klerus wurde deshalb um Nichts gebessert.

Der Erfolg zeigte, daß er Recht gehabt. Maximilian siel und der Indianer zog wieder in die Hauptstadt ein; die Besitztitel der gekauften Kirchengüter, die einen nicht unbedeutenden Werth repräfcntirtcu, blieben dabei unangefochten, die Kirche hatte die Macht verloren, und das Staatsschiff glitt wieder eine Weile wen kümmerte es wie lange? sanft und ruhig dahin.

Aber wer dachte heute auch an Politik? Mnsik dnrchrauschte die Prunk­gemächer des Hauses, die geputzten Paare standen sich in ihrem Lieblingstanz, der Habanera, gegenüber und schöne Augen blitzten und funkelten mit den Brillanten, die ihre Nacken deckten, um die Wette. Die schönste Blume des Festes aber, wie auch heute die Königin desselben, war Dolores, Arvila's lieb­liches Töchterlein, und das wahre Ideal einer mexikanischen Creolin *). Schlank und zart in ihrem ganzen Bau, hatte der Körper eine nur den Südländerinnen eigene Elasticität, die blitzenden Augen wetteiferten dabei mit den seidenweichen Locken an Schwärze, während ihr Teint von Blüthenweiße war. Und diese Hände, diese Füße! Die lebhafteste Phantasie eines Bildhauers hätte sie nicht schöner und vollkommener schaffen können es war ein Meisteiwcrk der Schöpfung und sie wußte es-

Dolores war in der That das verzogene Kind des Hauses, aber dadurch auch schon von frühester Jugend an wohl eigenwillig, doch auch selbstständig ge­worden. Sie fand allerdings, wie fast jedes junge hübsche Mädchen, Freude an ihrer Toilette, aber doch nicht in so ausschließlichem Maß, nm sich ihr ganz zu widmen. Heute allerdings hatte sie jede Pracht derselben entfaltet, wie um den Neid der Damen zu erregen. Sonst aber schien sie sich ebenso wohl in ihrem Hanskleid zu fühlcn, und vollständig glücklich, wenn sie im Sattel saß und ihren wackeren, nur etwas wilden Rappen konnte hinaus in das Land fliegen lassen. Ihr Vater sah allerdings diese oft einsamen Ausflüge nicht gerne, denn die Sicher­heit der Straßen ließ, selbst in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt, viel zu wünschen übrig; aber Donna Dolores erklärte dann stets, sie seiMann genug", sich selber zu beschützen. Die beiden geladenen Revolver, die sie auch stets bei solchen Ausflügen in den Halftern trug, gaben ihren Worten dabei einen entschiedenen Nachdruck, denn daß sie die Waffen zu führen wiffe, hatte sie schon bewiesen.

Es war mit einem Wort eine Mexikanerin in vollem Sinn des Worts; schwärmerisch und weich, aber auch mit heißem Blut, ein wenig kokett, aber weit mehr noch stolz und selbstbewußt; ein Wesen, das einen Mann zu rasender Liebe treiben und ihm doch zugleich auch. Furcht einflösen konnte, wie sie sich dereinst alsHerrin vom Haus" entwickeln könnte. Ein Engel in ihrer ganzen äußeren Erscheinung und doch mit zwei winzigen Dämonen, die hinter den dunklen Augen­sternen lauerten. (Fortsetzung folgt.)

*) Creolen, die von europäischen Eltern im Land Geborenen, mit keiner Vermisch»«« indianischen Blutes.

Auflösung desLogogryphs" in Nr. 78 auf Seite 312 dieses Blattes: Tauber.

hceaction, Druck und Verlag der törnhl'schcn Uni»-Druckerei (8 r Ehr. Pietsch) in Gießen.