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Bewohner fortwährend unterbrochen, Mcft Jahre lang unmöglich gemacht wurden, wie konnte es da anders sein, als daß sich der ganze Charakter der Natron auch wild und ordnungslos gestaltete?
Man war es eben nicht mehr anders gewöhnt, und wre nian bei uns Unglücksfälle hinnimmt, die, eine Folge der Industrie, durch Maschinen oder Eisenbahnen verursacht werden, so hörte man dort mit der nämlichen Gleichgiltigkeit von angefallenen und beraubten Diligencen, Ermordungen in den L>traßen der Hauptstadt oder von der Plünderung kleiner Ortschaften durch eine plötzlich aufgetauchte und ebenso rasch wieder verschwundene Bande. Dergleichen tfäQe gehörten in der That mit zu den Tagesneuigkeiten und verloren sogar endlich durch ihr zu häufiges Vorkommen und mehr als etwas Selbstverständliches, ihr Interesse. , ,
In der Hauptstadt selber merkte n-an indesseir wenig davon, denn es^ lag dort zu viel Militair, um einer größeren Bande Raum zu gestatten. Daß die Marktleute, die Morgens noch vor Tag in die L>tadt kamen, da oder dort tii den Straßen einmal die Leiche eines Ermordeten fanden, kam nicht in Betracht. Sie selber kümmerten sich auch gar nicht darum und ließen sie ruhig liegen. Das war Sache der Polizei, sie wcgznschasten — sie hätten nur Umstände und vielleicht sogar Unannehmlichkeiten davon gehabt. „
Der jetzige Zustand des Landes konnte deshalb nur geringe Veränderung in dem Leben der Hauptstadt selber hervorbringen. Das junge, lebensfrohe Volk hatte in der Republik getanzt, und tanzte durch das Kaiserreich und die Belagerung wieder in die Republik hinein. Was lag darin auch Außerordentliches? Ein Regieriingswechsel? Der gehörte in Mexiko wenn auch i>icht zu den alltäglichen, doch jedenfalls zu den alljährlichen Erscheinungen, und man war sogar erstaunt gewesen, daß sich das Kaiserreich so lauge gehalten. Nicht einmal die alte Generation war deshalb besorgt, wie hätte man es da der jungen verdenken wollen, wenn sie leichtherzig darüber hinweg ging und den Augenblick genoß, so bald und so lange er sich ihr eben bot?
In dem großen prächtigen Hause des Sennor Arvila sah es denn auch heute so glänzend aus, daß man es kaum für möglich gehalten hätte, es habe in der nämlichen Stadt noch wenige Monate vorher eine ivirkliche Hungersnoth geherrscht. Aber trotzdem mußte die kurze Frist genügt haben, Mexiko nicht allein wieder mit allem Röthigen, nein sogar mit jedem nur erdenklichen Luxus zu versorgen, und was in der That das eigene Land oder selbst die Fremde an kostbaren Genüssen oder Delikatessen bot, das fand man heute in jenen festlichen Räumen aufgespeichert.
Sennor Arvila oder Don Jose, wie er der spanischen 'ssittr nach von seinen näheren Freunden genannt wurde, gehörte auch, fcer Republik zur
höchsten Aristokratie des Landes, war aber trotzdem, wie sich nicht leugnen laßt, stets ein treuer Anhänger des Präsidenten Jnarez gewesen. Das geschah aber nicht etwa deshalb, weil er die Republik jeder anderen Staatsform vorgezogen hätte, obgleich diese seinen Wünschen vollkommen entsprach (unter diesem Namen versteht man nämlich in allen altspanischen Kolonieen nur die Regierung der Aristokratie, die Präsidenten wählt und absetzt, ohne das eigentliche Bolk auch nur um seine Meinung zu fragen). Nein, jede Regierungsform wäre ihm recht gewesen, so lange er selber nur prosperiren konnte, aber seine Interessen waren gefährdet gewesen, wenn er sich offen dem Kaiserreich anschloß. , ^^ine reichsten Minen lagen nämlich gerade in den Distrikten, die der vertriebene Präsident wenigstens zeitweilig besetzt hielt — in der Nähe von Chihuahua, und da er bald heraus fand, daß er vom Kaiser Maximilian Nichts zu fürchten hatte, sobald er sich nur ruhig verhielt — und er verlangte gar nicht mehr, als das zu t$uil _ so folgte er darin sowohl seinen eigenen Jntcreffen, als seiner Bequem-


