Frei geworden.
Erzählung von Klara Priest.
8. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Er schrieb dann noch einmal an Anna. Als keine Antwort erfolgte, schwieg auch er und sprach nicht im Stifte vor, als er auf der Durchreise nach München die Stadt passierte. Anna las seinen Namen in der Zeitung unter der Liste der Hotelgäste, da wußte sie, daß alles zu Ende war. —
Bis dahin hatte ein Gefühl der Erleichterung sie gehalten. Sie hatte Mut und Kraft, ein Helles Gesicht und ein ausmunterndes Wort für die Mutter gefunden. Nun kam der Rückschlag, die schwere, graue Zeit.
Wund und scheu verbarg Anna si chim Hause. Es tat ihr alles weh, die gutgemeinte Teilnahme der paar Menschen, die Anna näher standen, und die Gleichgültigkeit der vielen fremden Menschen. Mit den Novembernebeln legte er sich dumpf und lähmend über ihr ganzes Wesen. Sie war so von Herzen müde, so gleichgültiy und stumpf gegen alles Leben um sich und hotte nicht einmal mehr für ihr eigen Leid ein starkes Fühlen.
Das Schilf wurde gelb. Die Möwen kamen vom Meere landeinwärts. Da draußen auf hoher See hausten die Herbftstürme und trieben alles heim in den Hafen.
Im Stifte war die Obsternte glücklich geborgen uni) geteilt. Das waren immer bewegte Tage. Ohne Streit und Mißgunst und gelegentliche Spitzbübereien ging es dabei nicht ab. Xante Lotte genoß diese Sensation und redete, kämpfte und mauste je nach Umständen tapfer mit.
Darüber hatte Anna sonst immer gelocht, diesmal schien ihr alles nur klein und erbärmlich. Es gab eben nichts Großes, nichts Lebens- und Liebenswertes mehr für sie in der Wett. Alles war eng und kleinlich. In Trümmern und Scherben lag alles, was sie sich an Luftschlössern zurechtgebaut, und allem andern stand sie blind und taub gegenüber. Und jenes einfachste Heilmittel, welches dos Leben selbst sonst seinen Aermsten bietet, war ihr fern und fremd: Anna hatte keine Arbeit, keine Kopf und Hände in Anspruch nehmende. Tage und Stunden füllende und kürzende, müde machende
Arbeit. Für die Pflege der Mutter, für ihren Anteil an der Arbeit im Haushalt verbrauchte sie nur einen Teil ihrer Kraft und sehr wenig von ihrem Denken. Und mit dem Nähen und Sorgen für ihre Aussteuer, das ihr zur lieben Gewohnheit geworden, das sie manche Stunde stillgehatten, war es auch ganz vorbei.
Ein paarmal versuchte Anna, sich auf Inserate hin um eine Stellung zu bemühen. Sie bemerkte bald, daß es gar nicht leicht war, ohne Zeugnisse, Empfehlungen und eine gründliche Ausbildung irgendwo anzukommen. Do verlor sie den Mut und ließ innerlich verbittert die Dinge so weitergehen, wie sie nun einmal waren.
So kam die Weihnachtszeit ms Land, mit Regen und Nebel an den dunkeln, kurzen Tagen. Und die drei Frauen merkten mit schweren Herzen, daß ihnen die Zeit feine fröhliche, selige, gnadenbrin- gende war.
Der dritte Advent war ein bewegter Tag für das Stift und seine Bewohner. Die Oberin, Fräulein Toinette Glocksien, war im Alter von dreiundneunzig Jahren gestorben, wirklich und ganz gestorben, nachdem sie schon viele Jahre ein mattes, wirres Dasein geführt und so oft totgesagt worden war, daß erst niemand im Stift so recht an ihren Tod glauben wollte. Man hatte die Leiche feierlich in der alten, leeren, nur noch in solchen Fällen benutzten Stiftkapelle aufgebahrt und ihr den Myrtenkranz um die Stirn gelegt, der, ein Ueberbleibfel aus der alten Zeit, den Stiftsdamen als letzte Ehre blieb. Die neunzehn Lebendigen trugen heute Krepphüte mit langen Schleiern, schwarze Tuchkleider und schworzwollene Handschuhe. Sie huschten wie ein Volk von schwarzen Krähen über den Stiftshof und schwatzten hin und her untereinander in den Häusern und unter den Türen. Und sie hotten die besten Plätze bei der Trauerfeierlichkeit und begleiteten den Sarg bis zur Pforte. Und dann standen sie im Torweg und zählten die Kränze, die Leidtragenden und die Droschken.
Auch Tante Lotte schien sich einige Anregung und neue Lebenskraft bei diesem interessanten Ereignisse geholt zu haben. Als sie mit Anna am Abend dieses Adoentsonntaaes an dem runden Tisch vor dem roten Plüschsofa saß — der Mutter war wie jetzt oft nicht wohl gewesen und sie war früh zu Bett gegangen — faßte sie resolut das
heikle Thema, „Annas Zukunft" an. „Nun hör mal zu, Kind," sagte sie, „das ist nun gar kein Dasein für dich, mit uns verbrauchten Frauen in diesem Stiftsstall eingepfercht zu sitzen. Du hattest dach damals so große Rosinen im Kopf, von frischer Arbeit und auf eignen Füßen stehen."
„Aber ich habe mich doch auch bemüht," sagte Anna gereizt. Sie war jetzt leicht erregt und beleidigt. „Du weißt doch, daß ich mich auf drei Annoncen hin gemeldet Hobe. Was kann ich dafür, daß niemand mich will! Es ist eben nicht so einfach, Arbeit zu finden!"
„Weiß ich alles, Anna. Und ich weiß auch, daß ich alte Person eigentlich gar kein Recht habe, das Evangelium von der Arbeit zu predigen, denn ich habe mein Leben hier im Stift versessen. Aber es war auch anders früher, da kannte man fein wirkliches Arbeiten für uns unverheiratete Frauen. Und trotzdem — hätte ich noch einmal die Wahl, Anno, ich ließe diese ganze gesegnete Stiftung, die sechshundert Mark und die drei Faden Holz laufen und versuchte es mal andersherum. Ich hätte wohl unterrichten können, um mir damit mein Stückchen Brot zu verdienen. Ganz so unnütz käme ich mir dann auf meine alten Tage nicht vor. Aber jetzt liegt es doch in der Luft für eure Generation, das Arbeitenwollen und Arbeitfinden. Deine frühe Verlobung und deine attmodischen Ettern haben es auf dem Gewissen, daß du nichts Rechtes gelernt hast, daß du jetzt nicht ausgebildet für einen Beruf und besser gewappnet fürs Leben bist."
„Aber sage mir nur, was ich tun soll, Tante Lotte! Ich habe fein einziges Talent mitbekommen. Ich habe nichts, weiß nichts und bin nichts."
Dem alten Fräulein tat der Ton weh. „Aber Kind, du hast genug. Nein, kein Talent, aber dein Quantum von der besten Frauenbewegung das mußt du nur ausbilden und ausnutzen. Du hattest als Kind und als junges Mädel ein warmes Herz und ein paar geschickte hilfsbereite Hände. Damit läßt sich schon viel machen."
„Ich glaube kaum, daß ich soviel habe, und wenn ich es hätte, was ist damit anzufangen? Da ist ja feiner, der mich braucht. Laß mich hier nur ruhig weitersitzen, Mutter hat mich doch wenigstens nötig, und einmal kommt ja auch wohl ein Ende."
„Schön, bann träume und jammere nur immer so weiter. Bausche dein Stück Enttäuschung und
Herzeleid zu einem nie dagewesenen Unglück auf. Laufe nur morgen gleich bei allen Senatoren her« um und laß deinen Namen früh auf die Liste setzen. Wenn ich ober ein paar anbre Damen mit dem Tode abgehen, dann hast du hier deinen Unterschlupf. Und wenn du Glück hast, kannst du hier steinalt werden, und dann stolz mit dem Myrten- kränz im Sarge liegen wie unsere alte Oberin heute!"
„Gott bewahre mich davor! Daß man so werden kann, Tante! Ich will ja alles tun, will wirklich nach Arbeit suchen, Tante Lotte, aber es ist alles tot in mir, auch der Wille. Du mußt schon Geduld mit mir hoben."
„Kommt alles wieder, Anna, und Geduld mit dir habe ich noch reichlich in Vorrat. Vom Zaun brechen läßt sich derlei auch nicht, aber die Augen wollen wir aufmochen, wir beide, mein Herzenskind, ob sich da fein Weg auftut, der zu deinem Frieden führt." —
Aber es fand sich fein Weg, obgleich sie beide ehrlich suchten. Ueberall gab es gewandtere, besser ausgebildete Konkurrentinnen. Und sie wurden müde vom Suchen, müde und verstimmt, und mit dem Frieden in dem kleinen Frauenreich sah es manchmal bedenklich aus.
Und bann kam im Frühjahr ein neues Leid: bas allem Suchen unb Wollen vorerst ein Ende setzte. Annas Mutter würbe plötzlich-krank. Der Arzt sagte Anna, boß es sich um ein inneres Leiben honble unb es seine Pflicht sei, zu einer sofortigen Operation zu raten.
Da war viel Angst, viel Ratlosigkeit unb doch auch viel Liebe zwischen ben brei Frauen. Anna fand diesem unerbittlichen und unaufschiebbaren Leid gegenüber am ersten Rat und Mut wieder. Sie brachte die Mutter in Doktor Rohdes Klinik unb gab die Kranke in die Hände des bewährten Chi- rurgen.
Xante Lotte war ganz gebrochen in den ersten Tagen, man merkte, daß sie älter wurde unb die Spannkraft verlor. Sie bot nur immer wieder ihre paar Sparpfennige an. Auch die Brüder zeigten in den schweren Tagen mehr Liebe und Wärme. Es war wie immer, im Grauen vor dem Schatten des Todes rückte man enger zusammen und gab einander, was man nur geben konnte.
(Fortsetzung folgt.)
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