Ausgabe 
30.7.1925
 
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

klr. (76 droeites Blatt

Donnerstag, 30. Juli 1925

Die Ursachen des deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918. Die militärischen und militär-politischen Verantwortlichkeiten.

Der 4 Unterausschuß deS Drohen Parla- nentarifeben Untersuchungsausschusses von 1919. i-effen Arbeitsergebnis soeben in drei Bänden ter Oefsentlichkeit vorgelegt wird'), hatte in der Hauptsache die Ausgabe, die Frage zu prüsen:

wie die Deraatwvrtlichkelten für den deut­schen Zusammenbruch von 1918 zu verteilen und ob gegen bestimmte Personen ein

Schuldspruch zu fällen sei.

Der Endzweck feiner Tätigkeit war also die Ab- qibe eines entscheidenden Votums über die ^rage der militärischen und milttär-polittschen Verantwortlichkeiten. 3n Ausführung befer Aufgabe hat der 4. Unterausschuß die nachstehende Entschließung angenommen, die an ter Spitze des jetzt erscheinenden Werkes Der« Nfentlicht wird.

Der 4. Unterausschuß hatte die Aufgabe, tie Ursachen deS deutschen Zusammenbruchs im Jafcrc 1918 klarzustellen. Er stellt zunächst die Grenzen fest, jenseits deren es nicht möglich war. M klaren Ergebnissen zu kommen.

Der Unterausschuß hat über ein Urteil über tote rein strategischen und taktischen Maßnahmen btt deutschen Kriegführung verzichtet. Hierzu t ,hl1e angesichts der Meinungsverschiedenheiten teer Sachverständigen die Grundlage. Er be« Ichränkt sich in dieser Hinsicht darauf, auf die anbei veröfsentlichten Gutachten hinzuweisen, zu men Ausarbeitung alle amtlichen Archive zur Verfügung standen, sowie auf die Aussagen von Vertretern der früheren O H L., die im Derhand- I^ngsbericht wiedergegeben sind.

DaS Hauptgewicht der Untersuchung mußte t>er Unterausschuß als beauftragtes Organ der Volksvertretung auf die Klarstellung der politischen Verantwortlichkeit legen. Die Untersuchung richtete sich in dieser Hinsicht zunächst aus die Handlungen und Unterlassun- (tm der politischen wie militärischen Leitung. Anschließend wurden das Verhalten des Reichs« und die Vorgänge in der Heimat unter« sucht. Dabei fanden die Bemühungen der nicht« antlichen Kreise zur Herbeiführung des Frie« drnS und die Bestrebungen zur revolutionären Umgestaltung Deutschlands (Dolchstoß"-Frage) besondere Drücksichtigung.

Entsprechend dem erhaltenen Auftrag be­schränkte sich der Untersuchungsausschuß auf die Stellungnahme zu bestimmten einzelnen Fragen. Diese sind in zwei Teile zusammengefaht und. trtoeit das möglich war. nach der zeitlichen Rolge der Begebenheiten gruppiert:

Erster Teil.

Der militärische Zusammenbruch.

I. DaS Verhältnis deS Kaisers, der Reichs- reglerung und der OH L. zueinander.

In höchster Instanz war der Kaiser für iHe militärischen und politischen Fragen ent«

)® i c Ursachen deS Deutschen Zusammenbruchs im Iahre 19 18. Vierte Reihe im Werk des Untersuchungsaus­schusses der Deutschen Verfassungsgebenden Nationalversammlung und des Deutschen Reichs­tages 19191926. Verhandlungen Gutachten Urkunden. Im Auftrage des Deutschen Reichstages. Unter Mitwirkung von Dr. Eugen Mischer als Generalsekretär und Dr. Walther Bloch als Sekretär des 4. Unterausschusses her- ausgegebeii von Dr. Albrecht Philipp. LI. d. R.. Vorsitzendem des 4. Unterausschusses. J ) Bände. I. Band: Verhandlungsbericht. Steno­graphische Protokolle. Entschließungen usw. II. Band: Gutachten des Sachverständigen Oberst rD. Bernhard Schwertfeger. III. Band: Gutachten des Sachverständigen Generals der Infanterie a. D. von Kuh l. Korreferat des Sachverständigen Geheimrat Prof. Dr. Hans

D e l b r ü ck. 1925. Deutsche Derlagsgesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin W. 8. scheidend. Unter ihm trug die politische Ver­antwortung der Reichskanzler (®ra v. Hertling. Prinz Max von Baden) mit seinem ressort­mäßigen Stellvertreter, dem Staatssekretär des Aeußern (v. Kühlmann. v. Hintze. Dr. Sols): außerdem war die Stellung eines verantwort­lichen Vizekanzlers (D. Payer) geschaffen.

Die Verantwortung für die Kriegführung trug der Chef des Generalstabs des Feldheeres (Generalfeldmarschall v. Hindenburg): ihm war als Mitarbeiter beigegeben der Erste General« quartiermeister (General Ludendorff): diesem bei seiner Berufung volle Mitverantwortlichkeit neben dem Ches des Generalstabes des Feld­heeres zugesichert.

Organisatorische Unterlassungen in bezug auf die Verbindung zwischen der Reichsregierung und der O.H.L. oder einer dieser Stellen mit dem Kaiser sind nicht festgestellt worden.

Seit dem Abgang des Reichskanzlers v. Beth- mann Hollweg hat sich die Ueberlegenheit der O.H.L. gegenüber der Reichsregierung in stei­gendem Maße weiterentwickelt. Diese Heber- legenheit blieb auch bestehen, als im Ianuar 1918 eine Entscheidung des Kaisers zustande kam. welche die ausschließliche Leitung der po­litischen Angelegenheiten durch den Reichskanz­ler anerkannte und für die Zukunft festlegte.

II. Die deutschen Friedensziele und die Frie- denSmöglichkeiten Anfang 1918.

In bezug auf die Kriegsziele herrschte in Deutschland keine einheitliche Ausfassung. Bei einer Richtung ist der Gedanke des reinen Ver­teidigungskrieges niemals aufgegeben worden: hier Hot daher immer grundsätzliche Bereit­willigkeit zu einem Verständigungsfrieden be­standen. Bei riner anderen Richtung bestand die Meinung, für die ungeheuren Opfer des Krieges müsse ein Ausgleich geschaffen werden durch positive Erfolge und erhebliche Erweite­rung der politischen und wirtschaftlichen Macht­stellung Deutschlands. Zwischen diesen beiden Ausfassungen stand eine dritte, welche je nach der Lage ihre Ziele enger unff weiter stecken zu können glaubte.

Hinsichtlich der Frage der Friedensmoglich- keiten im Frühjahr 1918 wird auf die Verhand­lungen des 2. Unterausschusses verwiesen').

Der vom Obersten Haeften im März 1918 im Haag unternommene Versuch einer An­knüpfung mit amerikanischen Kreisen war ohne Bedeutung. Er wurde ohne Vorwissen der O.H.L. und der politischen Reichsleitung begonnen und nicht weiter verfolgt.

Die zunehmenden Wirkungen der Hunger­blockade ließen bei den Feinden die Geneigtheit zu einem Derständigungsfrieden geringer wer­den, da man durch die Aushungerung einen Er­folg selbst für den Fall einer militärischen Riederlage erhoffte.

III. Der Entschluß zur Offensive 1918.

Die Reichsregierung stand Anfang 1918 vor der Frage, ob man weiterkämpfen oder versuchen solle, einen Frieden durch Opfer an deutschem Gebiet zu erkaufen. Sie hat letzteres im Hin­blick auf die damalige Lage abgelehnt. Der Ent­schluß der O.H.L. zur Frühjahrsoffensive 1918. dem sich die Reichsregierung anschloh, beruhte also einerseits auf der Ueberzeugung, daß ein Friede ohne Opfer im Westen nicht zu erlangen sei, andererseits auf der Zuversicht der O.H.L.. den Endsieg zu erringen. Der Reichskanzler hat seiner Genugtuung darüber Ausdruck gegeben, daß die Westmächte es abgelehnt hätten, sich

i) Die Ergebnisse des 2. Unterausschusses sollen in Reihe II dieses Verles veröffentlicht werden. _______

an den Friedensverhandlungen auf Grund der russischen Vorschläge-) zu beteiligen. -

Die O.H.L. hat das Eintressen amerikanischer Truppen für das Frühjahr 1918 zutreffend vor- ausberechnet und bei ihrem Entschluß zu einer möglichst frühzeitigen Offensive berücksichtigt. Sic Hoffnungen auf einen Erfolg muhten geringer werden, je weiter die Zeit fortschritt. Auch die schwierige Ersatzlage drängte zu schneller Entscheidung.

Der Geist der deutschen Truppen im Früh­jahr 1918 berechtigte durchaus dazu, die Offen­sive zu wagen. Auch die mit den Abwehr­schlachten verbundenen Verluste sowie körper­lichen und seelischen Leiden drängten zur Offensive.

IV. Die Offensiven des IahreS 1918.

Es haben sich keine Tatsachen ergeben, aus denen der Ausschuß ein Pflichtversäumnis der O.H.L. bei der Vorbereitung und Durchführung der Offcnfioe des Iahres 1918 herleiten könnte. Im einzelnen waren auf Grund der Gutachten der Sachverständigen des Ausschusses folgende Feststellungen möglich:

Obgleich infolge des Friedens von Brest- Litowsl und durch die Besetzung der Ukraine im Osten noch starke militärische Kräfte gebun­den blieben, wurde an der Schlachtfront im We- ften eine Ueberlegenheit an Mannschaften über den Gegner erzielt. Die weitere Heranziehung von wesentlichen für den Angriff geeigneten Streitkräften aus dem Osten kam im Hinblick auf die dortigen Schwierigkeiten nicht mehr in Frage.

Die Versorgung mit Wafsen und Munition war für die Offensive ausreichend. An Pferden und Betriebsstoff bestand Mangel.

Mit Rücksicht auf die gefamte militärische Lage ist es im Frühjahr 1918 der O.H L. nicht möglich erschienen, weitere österreichisch-ungari­sche Kräfte außer den schon vorhandenen schwe­ren Batterien an die Westfront zu bringen.

Für die Ausbildung und Ausrüstung der deutschen Truppen im Hinblick auf die Offen­sive war das denkbar Mögliche geschehen.

Das Fehlen rückwärtiger Stellungen erklärt sich aus der Verwendung aller kampffähigen Truppen und aller militärischen Arbeitskräfte an der Front und der Unmöglichkeit, der Heimat weitere Arbeitskräfte zu entziehen.

Für den Verlauf der Offensive ist Mangel an Munition und sonstigem Kriegsmaterial bis in den Iuli 1918 nicht entscheidend gewesen.

Der Ausbau der Tankwaffe wäre 1918 nur möglich gewesen unter Einschränkung der Her­stellung von anderem Kriegsmaterial, insbeson­dere von solchem mit Motoronbedarf.

Die physische Leistungsfähigkeit der Truppen war gegenüber früher namentlich infolge der knappen Verpflegung zwar vermindert, entsprach aber den Erwartungen.

Der Fortschritt der Offensive ist durch un­zulässigen Aufenthalt einzelner Truppenteile in Proviant- und Alkohollagem ohne Zweifel in einigen Fällen beeinträchtigt, aber im ganzen nicht entscheidend gehemmt worden.

V. Der Rücktritt des Staatssekretärs

v. Kühlmann.

Der Rücktritt des Staatssekretärs v. Kühl- mann ist unter starker Mitwirkung der O.H.L. erfolgt. Den Hauptanlah gab die aus der Denk­schrift des Obersten v. Haeften vom 3. 3uni 1918 entnommene Aeußerung des Staatssekretärs v. Kühlmann in dessen Reichstagsrede vorn 24. 3uni 1918, daß der Krieg mit den Waffen allein nicht entschieden werden könne.

VI. Die Beurteilung der Sage im Iuli 1918 und der Rückschlag in der Offensive.

Mitte Iuli 1918, vor Antritt seines Postens als Staatssekretär, verstand Herr v. Hintze eine

3) Rach Abschluß des Waffenstillstands-Ver­trages der verbündeten Mittelmächte mit Ruß­land sind auf Vorschlag Rußlands die Der« handungen über den Frieden vom 25. Dezember 1917 bis zum 4. Ianuar 1918 einschließlich unterbrochen worden, um allen im Kriege be­findlichen Mächten Gelegenheit zu geben, sich an den Friedensverhandlungen zu beteiligen.

ihm auf seine Frage erteilte Antwort de- Ge- nerals Ludendorff dahin, cs werde gelingen, mit der jetzigen (Reims-) Offenfive den Feind endgültig zu bc'icgcn und hat diese Aeußerung in seiner Polin! zunächst berücksichtigt.

BiS zum 15. Iuli 1918 hat die O H. L. den Standpunkt abgclcljnt, daß der Feldzug mit den Waffen nicht mehr gewonnen werden könne, und hat zu Fricdensverhandlungcn auf der Grundlage eines militärischenUnentschieden" keine Anregung gegeben, obgleich General Lu« dendorsf den Inhalt der von jener Voraus­setzung ausgehenden Denkschrift deS Obersten v. Haeften vom 3. Iuni 1918 billigte. Die O H L hielt jede öffentliche Betonung des Stand­punktes der Haestenschen Denkschrift für mili­tärisch und politisch verhängnisvoll.

VII. DaS Scheitern der Offensive deS IahreS 1918 und die Beurteilung der Sage nach dem

8. August.

Das durch die Riederlage vom 8. August deutlich gewordene Scheitern der Gesamtossen» sive erklärt sich daraus daß durch die unerhörten fortgesetzten Kampfe die seelische und körper­liche Leistungsfähigkeit der Truppen erschöpft wurde und daß an der Front der Mannschasts- erfah und die Vorräte an Kriegsmaterial nicht mehr ausreichten.

Gras v. Hertling hat auch noch nach der Be­sprechung in dem Kronrat vom 14. August 1918, die sich an eine vertrauliche Aussprache zwischen General Ludendorff und Staatssekretär v. Hintze vom 13. August anschloß, an einer optimistischen Auffassung der Gesamtlage festgehalten. 3m Sinne der in diesem Kronrat gemachten Aeuße- rung des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg, er hoffe, daß eS dennoch gelingen werde, auf französischem Boden zu bleiben und dadurch schließlich den Feinden unseren Willen auszu­zwingen" glaubte er auch damals noch an einen für Deutschland günstigen KriegSausgang und bewirkte dementsprechend die Aufklärung der Oefsentlichkeit.

Die nach dem 8. August von der Reichs« regierung gemachten Versuche, noch zu einem Verständigungsfrieden zu kommen, standen im Zeichen der militärischen Ereignisse. Staatssekre­tär v. Hintze hat seiner Auffassung der Ge- famtlagc entsprechend vom 14. August 1918 ab alle diplomatischen Schritte zur Beendigung des Krieges getan. Er hat das Mögliche ver­sucht, konnte aber angesichts der militärischen Lage zu keinem Crrfolge gelangen.

VIII Der militärische Zusammenbruch.

Die Offensive, die im Märrz, April und Mai große taktische Erfolge, aber keine opera­tive Entscheidung gebracht hatte, kam im 3uli 1918 zum Stehen nicht wegen ungenügender Leistungen der Truppen, sondern deshalb, weil bei abnehmender eigener GefechtSkraft die Stärke der Gegner an der Schlachtfront ständig wuchs.

Der Krieg war militärisch verloren, als während der Rückverlegung der deutschen West­front im September 1918 der Zusammenbruch Bulgariens, dem der Oesterreich-UngamS folgte, auch dis Lage des deutschen Feldheeres völlig verändert hatte. Von da an erschien jeder Ver­such, m;t nur militärischen Mitteln zum Frie­den zu kommen, zwecklos.

XI. Die WaffenstillstandSfordernug vom 29. Sep­tember 1918 und ihre Folgen.

Arn 29. September war die O-H.L. auf dem Punktte angelangt, daß sie zur Rettung vor der militärischen Riederlage einen tunlichst so­fortigen Waffenstillstand forderte.

Die Waffenstillstandsforderung der 0^.0, kam der Reichsregierung völlig überraschend: diese war aber außerstande, nachzuprüfen, ob etwa bie Beurteilung der militärischen Lage durch die O.H.L. zu ungünstig sei. Alle der Regierung außerdem zugegangenen Mitteilun­gen bestätigten daS Urteil der O.H.L. Von da an erschien jede Tätigkeit der Reichsregierung zur Herbeiführung eines erträglichen Frieden- aussichtslos.

Die Staatssekretäre v. Hintze und Gras Roe­dern handelten nach den ihnen vom Kaiser am 29. September 1916 in Spa gegebenen Wei-

Brief aus Luzern.

Don Ehrhard Evers.

Vierwaldstättersee I Du bist in Wahrheit ifaS Herz der Schweiz. Deine Vielzackigkeit ragt ljinein in die vier Kantone, die deinen Rcimen 2uhm und Ehre brachten vor allem. Du be­lebtest sie mit dem Wellenschlag deines Blutes, nrie sie dir den Odem ihrer weiten, grüne« Almen zurückgeben, der deinem blauen Wasser weihe Schaumkronen aufseht. Riesiges Rüstzeug M markigen Körperbaus deiner Landschaft, ragt tir im Westen der massige Bau des Pilatus, ßhmückl dich nordöstlich mit scharfer Kante geo- aietrifcher Konstruktion die Spitze des Rigi, leide kündende Herolde aufsteigenden und ge­leitende Boten sinkenden Tagesgestirnes. Eng slHnürt dich ein die lebenpulsende Axenstraße, «cuf der Autos, Bahnzüge, Radler und Fuß­gänger, dicht nebeneinandergedrängt, über deine weite Fläche hinüberschauen und Grüße hinauf- "Hicken zu den Spitzen der Riederwaldener Berge, lei der sie einen Augenblick verweilen an jener Ctelle, da der Schweizer 3äger den kalten Land- )vgt mitleidloseren Wellen übergab too sie drüben die Stelle suchen, von wo der Schweizer Frei« eitskampf aus dem Feuer liebeheiher Herzen 116 Flamme hinaufgetragen ward auf die Berge, dne Todesfackel aller Bedrückung.

Deine Vergangenheit ist ewig in deinen Bergen. Deine Gegenwart lebt und sprüht in 2uzern. Don fünf Richtungen donnern die klektrischen Züge in die Halle des Bahnhofs, auf vier großen Landstraßen gleiten unaufhörlich Motorwagen ohne Zahl dem großen Magneten, bem Hafenplatz am See, zu, an zwei langen Molen ankern die Schiffe von vier Dampfer- iinicn, und Tausende von Menschen fluten all« äglich in Massen und einzeln, langsam und nit höchster Geschwindigkeit, durch die Straßen bet Stadt.

Am frühen Morgen gingen wir durch das Üelsprachige Gewoge am Quai national, und bie Musik spielte Puccini, Wagner, Bizet: die Taufende fremder Lippen summten die bekannten Melodien mit, und bei dem Strauß schen Walzer vielten Augen und Füße nur widerwillig un­gleichen Takt.

Du, blauer See, trugst die Klänge und Bilder hinüber zum unfernen Alfer, entlang der alten hölzernen Brücke, auf der Schritt um Schritt,

doppelwandig bemalt, uns Schweizer Geschichte in stummer Bilder Handlung grüßt: du, klares Wasser, mischest die Farben bunter Toiletten mit dem letzten Weiß des sommerlich dunklen Pilatushauptes: du, helles Rah, wehst Kühlung in die tropische Hitze des gegipfelten 3ahres.

Des Abends liegst du dunkel, nur selten silbern, und blaue Schatten greifen langsam die Wände deiner Berge hinauf, bis letztes Erglühen schnellen Abschied des Tages kündet und hohe Lichter grühend ins Tal winken. Hoch oben ob Kriens stand ich und schaute hinab in deine Flu­ten. Lautlos stieg rotfunkelnd aus dir die Rakete, versprühend in rotgoldener Fächerpalme. Spät erst drang schwach der Knall in die Berge hinauf. Und wollte das Sprühen und Leuchten nicht enden. Deine schwarze Fläche wimmelte von hundertfältig buntaufglühenden Booten, und aus dunklem Schlund schossen unaufhörlich die Garben spielenden Lichtes. Perlmutterglänzende Segel zogen stumm, kaum merklich, ihre Bahn, und dann erlosch Licht bei Licht in den strahlenden Wänden der großen Hotels, bis die Rächt ihre Hand milde auf alle Dinge legte, Lärm und Be­wegung langsam löschend. Rur noch die großen Sterne funkelten hell, und wetteifernd mit ihnen blinkten nahe die Lichter der Menschen von den Gipfeln dec Berge.

So schliesst du, See, still die Rächt, bis erste Morgenröte strahlend von hohen Häuptern rings­um dich grüßte. Weiß löstest du die Schleier deiner Rebel, warfst sie hinauf in den werdenden Tag, in dessen Bläue sie schmolzen und schwanden. Bis glutrot im Osten über den Ketten ferner Berge tec Sonnenlall heroufroll e 3ube?ancaren des Lichts ausgiehend, tief hinein in die Spalten nächtlich felfigen Gebirges, die zarten Allorde schmelzender Farben ballend zum gewaltigen Unisono strahlender Helle.

Dann trug uns der Dampfer Stunden übet dich hin, bis wo der Bristenstock auf Flüelen her- abschaut und die Bahn im Tal der Reuh hinauf- zieht, wo Altdorf, schwer von Geschichte, den Fremdling aufnimmt, ihn grüßend mit der Linde, an der der Schütze mit der Armbrust den Llpfel auf dem Haupt des Kindes traf.

Vierwaldstättersee! Du gehörst deinen freien Schweizern, du gehörst aber auch uns, deren Größten einer dich uns fand und schenkte, du gehörst allen, die dich lieben und mit allen Zungen deine Schönheit preisen. Ich grüße dich!

Man!

Eine Plauderei von R. Krauß.

Drei harmlose Buchstaben zu einem Wörtchen zusammengefügt, das sich höchst ungefährlich ansieht und anhört. Hinter dem aber alle Tücken der Cha­rakterlosigkeit lauern. Don einem unbestimmten Für­wort reden wir beschönigend aber gerade die Unbestimmtheit ist es, an die sich die Unheimlichkeit hangt. Diesesman" entwindet sich unseren Händen wie eine Eidechse und wechselt unablässig die Far­ben wie ein Chamäleon. Heute bedeutet es die Mehrheit, morgen die Minderheit; jetzt begreift es alle Welt in sich, dann wieder nur einen einzelnen sofern sich überhaupt ermitteln läßt, wer und was unter den Begriff fällt. Es beansprucht, die Allgemeinheit, die Oeffentlichkeit, zum mindesten je- doch diekompakte Majorität" zu vertreten. Bei Licht besehen, sind es meist nur wenige, die unter diesem Deckmantel Unfug treiben, die ihren persön­lichen Willen durchsetzen und im Trüben fischen wollen, indem sie sich hinter das unpersönliche man" verkriechen.

Man sagt!" Wern klingt nicht bei dieser Ein­leitung Basilios Derleumdungsarie in den Ohren? Sie ist Dorwand und Entschuldigung für den er­bärmlichsten Klatsch, für Gerüchte, die unheil- schwanger im Verborgenen schleichen, für Verdächti­gungen aller Art, für tödliche Schmähungen und Beleidigungen. Man sayt! Hinter dasman", das einem anonymen Brieffchreiber zu vergleichen ist, zieht sich der Verbreiter der Sage alle Verantwor­tung ablehnend zurück und nie kommt jemand der wirtlichen Urheberschaft auf die Spur. Dasman" ist allmächtig, weil es sich nicht fassen, packen, an- flagen, verurteilen, strafen, einkerkern, hinrichten läßt. Sollte es aber je einmal gelingen, es in ein­zelne Teile zu zerlegen, [o ist auch damit nichts ge­wonnen: denn einer Hydra wachsen für jeden ab- gehauenen Kopf zwei neue.

So was tut man doch nicht!" Diesmal sind es alle wohlanständigen und hochvernünftigen Leute, die sich zusammengefunden haben. Und sie ziehen in einer Wolke verknöcherten Herkommens, erstarr­ter Tradition, veralteter Sitte, unbegründeten Vor­urteils einher. Frage sie nur, warum man so was nicht tut: sie werden keine Antwort wißen und verlegen schweigen.

Man weiß, daß ..." eine beliebte Wen­dung, einen Satz zu beginnen.Wer weiß, daß.. ."

Jedermann ober wenigstens jeder Gebildete, und sofern er es nicht weiß, müßte er es eigentlich wissen. Manchmal ist es aber auch nur der Autor selbst, der mit wenigen Eingeweihten die Wissen­schaft darum hat und aus einer gewissen Koketterie jo tut, als ob es allgemein bekannt sein müsse. Viele schieben das geduldigeman" vor, um nicht mit ihrem Ich hervortreten zu müßen, was unter Umständen sogar für unfein gilt, um nicht Farbe bekennen, für ihre Handlungen und Behauptungen einstehen zu müßen.Laß doch das viele Rau- djenr bittet die um die Gesundheit ihres Eheherrn besorgte Frau.Du hast ja recht," seufzt er. Aber man ist eben schwach." Damit hat er die persönliche Verantwortung für feine Leidenschaft, die er freilich mit Millionen teilt, von sich auf die unpersönliche Menge abgewälzt. Häufig ist es bloße Bescheidenheit oder soll es doch folche vorstellen, wenn der Schriftsteller stattich" das farbloseman" setzt, etwa schreibt:Man kann das soundso auf« raffen, erklären ..." Aber sieht es anderseits nicht wieder nach Anmaßung aus, die persönliche Mei­nung mit dem Kollektivurteil desman" zu iden­tifizieren? Ja, es gibt Leute, die sogar in der All­tagsunterhaltung nicht feiten dasich" mit dem man" vertauschen.Was tut man in solchem Falle?" fragt einer einen anderen ober gar sich selbst. Diesesman" ist, falls nicht etwa rein scherz­haft angewanbt, bezeichnenb für ben menschlichen Herdeninstinkt.Man" will bie Entscheibung tref­fen, wieseinesgleichen", wie ber unpersönliche Normalmensch. Uebrigens reben Schwachsinnige mit Vorliebe von sich in ber Man-Form ähnlich wie Kinber sich bis zum dritten Lebensjahre gern mit der dritten Person bezeichnen, weil ihr Ich-Be- wußtsein noch unentwickelt ist.

Ebenso gut wie zur Verschleierung der eigenen Persönlichkeit kann dasman" zu der einer frem­den dienen.Man" nennt sie nicht mit Namen, weil sie unerheblich ist. Vielleicht auch nicht aus Diskre­tion. Das ist immerhin em annehmbarer Grund.

Es ist wirklich ein häßlicher Kobold, dieses Wörtchenman", und nur ein schwacher Trost Hegt darin, daß es allen sogenannten modernen Kultur» sprachen angehött und nicht bloß unserer deutschen. Das Abscheulichste liegt aber darin, daßman" nur schwer entbehren und auf bie Dauer kaum ganz umgehen kann. Wir werden bie lästige Fessel ver. mullich für Zeit unb Ewigkeit burch unsere Unter­haltungen und unser Schrifttum fortschleppen.