Ausgabe 
30.6.1925
 
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Rr. 150 Erstes

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GtetzenerFannlienblätter Heimat im Bild.

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Zranlfurt o. M. 11686.

Blatt

(75. Jahrgang

BiCiistUs, 5... Juni 1925

GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger für Gberhefsen

Drud nnd Verlag: Brühl'sche Univerßtäts-Vuch- und Stcinöruderet H Lange in Sietzen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Zchul'tratze 7.

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bevollmächtigt en Botschafter- der

Reichspräsi

und bevolb

rm

die Frücht«

M Mihl

Staaten Houghton empfangen.

Tchurmann bat sollende Ansprache an den kanten gehaltsn.

Tw. Exzellenz I

Regierung Vurer Exzellenz zu übergeben.

CN ist der Wunsch meiner Regierung, vollsten Maste die

gegenseitige Freundschaft

zustande befindet, getrieft! sie nicht bei Friedens.

Die Gespenster der Furcht und trauen-

DeramerikanischeBotschafter beim Reichspräsidenten.

Berlin, 29. Juni. (WTB.) Der Reichs­präsident hat heute vormittag 11,30 U&r den neu ernannten austerordentlichen und bevollmäch­tigten Botschafter der Bereinigten Staaten Schurmann zur Entgegennahme seines Be-

Der bisherige au her ordentliche mächtigte Botschafter der Bereinigten Staaten, Tllanson Houghivn. ist auf einen anderen Posten versetzt und außerstande. sein Abberu­fungsschreiben persbnlich zu überreichen. Der Prä­sident der Bereinigten Staaten hat mich daher beauftragt, dasselbe Eurer Exzellenz einzuhän- digen. Dleichtzeitig habe ich die Ehre, Eurer G^ellenz mein Beglaubigungsschreiben als außer- orderttlicher bevollmächtigter Botschafter bei der

zwischen unseren beiden Ländern zu pflegen, ^per­sönlich von den herzlichsten Empfindungen befreit, die in gemeinsamem Leben und gemeinsamem Studium ihren Anfang nahmen und durch fort­gesetzte gesellschaftliche Beziehungen genährt wur­den, wird eS mir eine besondere Genugtuung sein, die Instruktionen meiner Regierung auS- zuführen. Ich bitte angelegentlichst, datz die Re­gierung Euerer ©gellens mir das Bertrauen und die Zusammenarbeit gewähren möchte, wie sie meinem AmtSvorgänger in so reichem Maste und mit so glücklichem Erfolge gewährt wurden. AlSdann werden wir zusammen das Wiedererstehen der alten Be­ziehungen herzlicher Freundschaft zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Bolke fördern, die in der Vergangenheit in so hervorragender Weise zum Frieden und zum Wohle der Menschheit bei­trugen.

Wiewohl sich die Welt heute im Frieden«-

gehen unter den Rationen um und stehen ihrem besten Streben nach wirtschaftlicher, sozialer und moralischer Wiederherstellung entgegen. Wenn­gleich eS die Politik Amerikas ist, an der Lösung europäischer Fragen nicht teilzunehmen und wenngleich eS mir daher nicht anstehen würde, hinsichtlich beS Wertes der politischen Aktion, die jetzt erwogen wird, meine Meinung zu bekunden, so sei eS mir doch ver- stattet, eS als ein glückliche- Omen für den Frieden und die Gesundheit der Welt zu be- grüften, dast Deutschland die neue Anwendung der vitalen Grundsätze der Berständiaung und deS gegenseitigen Bertrauen- vorgeschlagen hat. Mit tiefer Bewunderung für da-, waS Deutsch­land in der Bergangenheit für die Zivilisation beigetragen hat und mit dem festen Glauben an die Fähigkeit des deutschen Bolle«, seine der­zeitigen Schwierigkeiten zu überwinden, habe ich die Ehre, Euerer Exzellenz die besten Wünsche des Präsidenten und der Regierung der Ber­einigten Staaten für das Wobl und da- Ge­deihen Deutschlands zu übermitteln.

Der Reichspräsident

erwiderte mit folgenden Worten:

Ich freue mich, aus den Händen Eurer Erzellenz zugleich mit dem Abberufungsschreiben Ihr«- verehrten Amtsvorgängers Ihr Deglau- bigunosschreiben entgegenzunehmen, durch das der Präsident der Bereinigten Staaten Sie beim Deutschen Reiche als austerordentlichen und be­vollmächtigten Botschafter beglaubigt. Für die freundlichen Worte, die Die soeben an mich ge­richtet haben, spreche ich Ihnen meinen auf­richtigsten Dank aus. I chhabe daraus mit größter Genugtuung entnommen, daft Ihre hohe Re­gierung den Wunsch hegt, auch fernerhin d'.e zwischen dem Deutschen Reich und den Bereinig­ten Staaten besteherch:

wechselseitige Freundschaft

in weitestgehendem Mast7 zu pflegen. Seien Sie versichert, daß ich und die Reichsregierung ein­gedenk der zahlreichen Freundschaftsbeweise, die Deutschland m den letzten schweren Iahren von Ihren. Lande empfangen hat, von den nämlichen Bestrebungen geleitet sind wie Ihre Regierung.

Wir werden tun. was in unseren Kräften steht, um ihnen die Erfüllung der mit ihrem ver- antwortungsvcllen Amt verbundenen Aufgaben zu erleichtern. Reben den ausgedehnten wirtschafl- lichen Beziehungen, die Deutschland und die Ber­einigten Staaten wechselseitig verbinden, sind unsere beiden Länder durch starke geistige

Bande verbunden

Ich zweifle nicht, datz sie als ehemaliger Student dreier deutscher TIniversitäten, als Gelehrter von Weltruf und als langjähriger Präsident der be­rühmten Eornell Univers tat, die uns schon ein­mal in ihrem A.nisvorgänger Ardrew D. White einen hervorragenden Bertrctcr ihres Landes gegeben hat. gerade für die amerikanisch-deutschen kulturellen und geistigen Beziehungen volles Ber- ständnis besitzen werden.

alaubigungsschreiben« und des Abberufungs- schreiben« de« bisherigen austerordentlichen und bevollmächtigten Botschafter« der Bereinigten

Die chinesische Selbständigkeitsbewegung. |

Rachdem vor kurzem nationalistische Chinesen in die Pariser Gesandtschaft der Pekinger Regie­rung eingedrungen traten und von dem Gesandten dessen Unterschrift unter eine politische Kund­gebung erzwangen, ist jetzt auch die Berliner Gesandtschaft von Gegnern deS gegenwärtigen Regimes in Thina heimgesucht worden, auch vom Berliner Gesandten wurde eine Unterschrift erpreßt, allerdings ganz unauffällig. Der Ge- andte wurde von Mitgliedern des Ausschusses der chinesischen nationalen Freiheitsbewegung in ultimativer Form aufgefordert, ein Schriftstück zu unterzeichnen, in dem er eidlich versichert, datz der zur Zeit in Berlin anwesende General Hsu keinerlei das chinesische Baterland schädigende Abmachungen treffen werde. Gr, der Gesandte, stehe mit feinem Leben dafür ein.

lln« kann es nun höchst gleichgültig fein, was im Hause der chinesischen Gesandtschaft, also auf chinesischem Boden, geschieht. Gin ge­waltsame- Einbringen kommt nicht in Frage, denn die Ausschußmitglieder waren Gäste des Gesandten. Die Pekinger Regierung kann sich auch bei der ReichSregierung nicht beklagen, diese hat erst vor kurzem verdächtige chinesische Elemente in Berlin in Gewahrsam nehmen lassen, hat aber mit dieser Handlung in Peking selbst ein wenig freundliche« Echo au-gelöst. Die chine­sische Regierung hat sich vielmehr veranlatzt gesehen, in Berlin eine geharnischte Rote über­reichen zu lassen und eine Entschuldigung der deutschen Regierung wegen der Berhaftung von achtzehn chinesischen Studenten zu fordern. Wenn also die Pekinger Regierung jetzt wegen de« Zwischenfalles Genugtuung fordern sollte, so wird man gut tun, auf die von der Berliner Polizei eingeleiteten Maßnahmen hinzuweisen, die ledig­lich dem Schutze d«S Berliner Gesandten galten und die jetzt durch die Pekinger Regierung durch­kreuzt worden sind.

Erpressungsmanöver am chinesischen Gesandten.

Ber 1 in, 29. Juni. (TU.) Wie wir hören, fand am Samstag in der Berliner chinesischen Gesandts chaft auf Veranlassung desAus- schustes der chinesischen nationalen Freiheitsbe- roegung" eine Versammlung statt, in der die Teil­nehmer beim Gesandten Sun Schau Wei gegen die Anwesenheit des Generals Hsu protestierten. General Hsu wird vorgeworfen, daß er während seiner Tätigkeit in Japan und auch .während seiner letzten Besuche in England und Frankreich gegen öle nationalen Inter­essen Chinas gehandelt habe.

Rach längerer Aussprache wurde dem Gesandten in ultimativer Form eine Erklärung zur Unter­zeichnung gegeben, wonach er mit seinem Leben da­für einsteht, daß General hsu in Deutschland weder

Munition einfaufen, noch Anleihen oder sonstige, China schädigende Abmachungen treffen wird.

Der Gesandte hat die Erklärung unterzeichnet.

Der Zwischenfall in Paris.

Pari«, 30. Iuni. (XU.) Der chrnessiche Gesandte T h e n g L o läßt demMatin" eine längere Erklärung zugehen. In der er unter Hin­weis auf die Zwischenfälle von Schanghai u. a. erklärt, die Örcigniffc in Schanghai bedeuteten nur einen Zwischenfall. D i e Beziehungen EhinaS zu den ausländischen Böl­lern beruhtetn noch auf veralteten Erwägungen, deren Abschaffung von der Mehrheit deS chinesischen Bolke« gefordert werde. Das chinesische Bolk verlange nur eine Selbst­verständlichkeit:

die Anwendung deS Völkerrecht«, wie c« au-drücklich im Bölkerbundspakt Artikel 19 umschrieben sei. Zum Schluß bittet Eheng Lo die französische Regierung um Rachsicht gegen­über seinen chinesischen Landsleuten, die am 21 Iuni da« DelegationSgebäude überrumpelten. Theng Lo stellt ausdrücllich fest, daß er da« patriotische Empfinden seiner Landsleute teile und nur ihr brutale« Borgehen al« eine Un­korrektheit empfunden habe.

Ein Note der Pekinger gentralregiernng.

Pari«, 30. Iuni. (TU.) Au- Peking wird gemeldet, datz die chinefifche Zentral- regierung aus die letzte Protestnote de« diplomatischen Korp« eine sehr unfreund­liche Antwort überreicht hat, tn der sie folgende Forderungen ausstellt:

1. Entschuldigung wegen des ungerecht­fertigten Angriffs auf die Streikenden hi Schanghai.

2. Zurückziehung der europäischen Kriegs­schiffe.

3. Auflösung der englischen und japanischen Riedevassur.gen In Kanton.

Die Behörden der Stadt Kanton beanspruchen außerdem eine Entschädigung.

Weitere Meldungen au« Peking besagen, daß sich die Lage außerordentlich ver­schärft hat. Die Hasenpottzei verhaftete vor- gestern einen Mann und eine Frau, die im Dienste der Sowjet- stehen und in Kanton auf­reizende Broschüren verteilten.

^Beratungen der Mächte über die Antwort an China.

London, 30. Iuni. (TU.) Wie der diplo­matische Korrespondent deSDaily Telegraph" meldet, verhandelt die britische Regierung mit den anderen DerlragSmächten über die Ant­wort auf die Rote der Pekinger Re­gierung, in der die völlige Aufhebung der exterritorialen Privilegien gefordert wird. DaS Kabinett wird sich morgen mit der Angelegenheit 6efaffcn.

Durer Exzellenz

Hinweis auf baS unbefriedete Europa und Ihre sympathische Würdigung der neuen Schritte, die die Reichsregierung unternommen hat, um die gegenseitige aufrichtige Verständigung herbeizuführen, beweisen, daß Die em warm­herzige- Verständnis für die politischen Röte und die Erlichen, auf einen wirklichen Frieden ge­richteten Absichten deS deutschen Bolles besitzen. Für die guten Wünsche de« Präsidenten und der Regierung der Bereinigten Staaten, die Sie mir gütigst übermittelten, spreche ich Ihnen meinen angelegentlichen Dank namert« des Deutschen Reiche- au« und heifte ich Sie herzlich will­kommen.

Der neue österreichische Gesandte

beim Reichspräsidenten.

Berlin, 29» Juni. (T. U.) Der Reichs, Präsident hat heute mittag 12.30 Uhr den neu­ernannten außerordentlichen Gesandten und beooH- mädjtigten Minister Dr. Frank zur Entgegen­nahme seines Beglaubigungsschreibens empfangen.

Dr. Arank

führte in feiner Ansprache aus:

Mit staunender Bewunderung verfolgen wir in Oesterreich die ungeheuren und er-folgoerheihenden Anstrengungen des deutschen Volkes, durch rastlose Arbeit wettzumachen, was ihm ein schlimmes Ge­schick an Schwerem aufgebürdet hat. Die ungebrochene Lebenskraft des deutschen Volkes, die sich hierin äußert, ist uns ein Trost in unserem eigenen Ungemach und ein Ansporn für die Auf­gaben, die die Gegenwart uns stellt.

Die Deutschen Oesterreichs sind überzeugt, daß das lebendige Bewußtsein gemeinsam oollbrachterLeistungen und unoerlierbarar Erinnerungen in jahrhundertelangen, gemeinsam er­lebten Schicksalen den geistigen Inhalt des Begriffes Nation" bildet. Diese Gemeinsamkeit muß trotz der im vorigen Jahrhundert erfolgten politischen Abtrennung des deutschen Dolksstammes in Oester­reich nicht nur erholen werden, sie soll vielmehr auf allen Gebieten menschlichen Tuns reiche Früchte tragen und so stets von neuem zu beglückender, I lebendiger Wahrheit werden.

In der Mitarbeit Aur Erreichung dieses Zieles erblicke ich meine vornehmste Aufgabe, eine Aufgabe, an die ich freudig alle Kräfte meines Geistes und meines Herzens wenden will, die mich aber dennoch durch ihre Größe überwältigen müßte, dürfte, ich nicht auf das hohe Wohlwollen Eurer Exzellenz und auf die verständnisvolle Unterstützung der Reichs­regierung hoffen.

Der Reichspräsident

führte in seiner Erwiderung aus:

Die herzlichen Worte, die Sie im Namen des Herrn Bundespräsidenten und des österreichischen Volkes an mich und an bas deutsche Volk gerichtet haben, finden hier dankbaren Widerhall. Mit brüder­licher Anteilnahme blicken wir auf den Freund und Nachbarn, der mit unerschütterlichem Lebensmut und zähem Arbeitswillen den Schwierigkeiten trotzt, die sich dem Wiederaufbau feiner Heimat entgegen­stellen. Die hohen Eigenschaften des Geistes und des Herzens, die die Deutschen Oesterreichs von jeher auszeichnen, berechtigen uns zu der festen Zu- verficht, daß die guten Wünsche, die ich und das deutsche Volk für die Zukunft Oesterreichs hegen, in Erfüllung gehen. Das in dem Herzen jedes Deut- schen beiderseits unserer politischen Grenzen

tief verankerte Gemeinschaftsgefühl

bildet ein unzererihbares Band und ein wertvolles Gut. Seien Sie versichert, daß Sie bei dieser gemein­samen Arbeit rückhaltlos auf meine und der Reichs- regierung Förderung und Unterstützung rechnen können.

Italienische Geldsorgen.

Rom, 30. Iran. lWIB. Funkspruch.) Mesiaaero" beklagt sich darüber, daft viele 3ta- fierrcr Angst vor der Lira bekommen hätten und sie daher in ausländische Baluta umzutauschen versuchten. Die der gegen­

wärtigen Regierung behaupten, daß diese Ängst vor der Sira auf die Maßnahmen der faszistischen Regierung zurückzuführen fei. Dies sei Phantasie. Die meisten Itclliener glaubten, daß die Zeit der Papier-Lira vorüber fei und daß die Regierung daran denke, die Goldwährung einyifüljten, um durch diese Operationen di« Kriegsschulden herabtzusetzen. .

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Arbeitstofendebatte im Unterhaus.

Macdonalds Misitrancnsantraq.

London, 26. Iuni. (DTD.) 9m Unterlaufe erklärte M a c d o n a l d zu dem emgcbrachten M > ß- trauensantrap d c r Arbeiterpartei, datz die Regierung in der Frage der Arbeitslofigseit ihre Pflicht nicht getan und versäumt habe ihre Ve- uguis und ihren Einfluß anzuwenden. Die allge­meine Arbeitslosigkeit des Volkes fei heute großer als vor dem Kriege. Die Politik der Regierung chädige die Aussichten der Industrie, befchränke die Märkte und vermehre die Arbeitslosigkeit. Was den Außenhandel angehe, fo bestehe der russische Markt immer noch. (Gelächter auf der Regierung^ eite, Beifall bei der Arbeiterpartei.) Wenn man Rußland in den Bereich eines Ueberfeetrcöit» planes brächte (Gelächter auf der Regierungsfeite), so würde man Arbeit für Taufende von Männern und Frauen finden, die jetzt erwerbslos feien. Mac- donald schloß, die Regierung habe eine große s'Iavi- sche Mehrheit und vollkommen freie Hand in ihrer Politik. Trotzdem werde die Lage immer schlimmer. (Beifall bei der Opposition.)

Premierminister Baldwin, von der Regierungsseite mit Beifall begrüßt, er­widerte:

In einer Zeit wie der augenblicklichen, die ernster sei als das letzte Jahr, müßte versucht werden, das Problem von neuem au prüfen, die Frage in rich­tigem Licht zu betrachten und sich nicht au einer Aktion treiben zu lassen, die der Industrie, der man zu Helsen wünsche, nichts nützen würde. Das Ar- beitslosenregister weife über 11 Mil- Honen Erwerbslose auf. Das fei eine Zu- nähme von 228 000 gegenüber derselben Zeit des Vorjahres. Da davon 70 000 Erwerbslose auf gewisse Aenderungen im Dersicherungsgefetz Aurückzuführen seien, bestehe in Wirklichkeit eine Zunahme von 160 000 Erwerbslosen, und zwar saft nur in sehr roenlä stabilen Industrien, der Kohlen-, Eisen-, Stahl-, Maschinenbau- und Schiffsindustrie. Seiner Ansicht nach würde, wenndieRuhrbefetzung nicht erfolgt wäre, die heutige Krisis der Kohlenindustrie schon vor einem oder anderthalb Jahren eingetreten sein. In geringerem Maße und in nicht so ernstem Grade bestehe Arbeitslosigkeit in der Baumwog- und Wollindustrie.

Baldwin erinnerte an die Abnahme der Auswanderung und die Zunahme der Be­völkerung. Trotzdem seien immer noch 90 Proz. der Bevölkerung beschäftigt.

Baldwin drückte die Befürchtung aus, daß die Zahl der Arbeitslosen im Bergbau, die in die­sem Jahre 16 Pro;, beträgt, während sie voriges Jahr nur 3 Pro;, betrug, bis zur Beendigung der augenblicklichen trifi» noch zunehmen könnte.

Es sei nicht die Aufgabe der Regierung, einen künst­lichen Markt an die Stelle des natürlichen zu setzen, sondern nach Möglichkeit den natürlichen Markt zu stärken.

Lieber den Einfluß der Autzenpoli- tik auf die industrielle Lage erklärte der Premierminister, die britische Auhenpollttk der letzten fünf Iahre babe ohne Rücksicht darauf, welche Regierung an der Macht war, da- Chaos und die Unruhe in Europa durch Ordnung und Frieden zu ersetzen versucht. ES sei sehr schwer gewesen und werbe noch sehr schwer fein, aber ein wirklicher Fortschritt sei bereit« ge­macht. England selbst habe keine geringe Rolle gespielt bei der Wiederherstellung Oesterreichs, Ungarn« und Deutschlands. Entweder habe Eng­land selbst im Verein mit anderen Ländern ober durch den Bölkerbund einen steten Einfluß aus­geübt. der unaufhörlich und unerschütterlich auf den Frieden hinzielte, in dem Bewußtsein, baß der Frieden in Europa unbedingt ein wesent­licher Begleitumstand für jeden industriellen Fort­schritt in England ist.

Auf die

Sicherheitspaktderhanblongen übergehend, erklärte Baldwin, die Regierung unternehme jetzt einen weiteren Versuch, um einen Schritt vorwärts zu machen, der nach seiner Ansicht eine große Wirkung auf die Festigung der Lage in Westeuropa haben und zum Beginn der Heilung der alten Fehde und Rivalität zwischen zwei großen Rationen bei­tragen werde. Wenn diese Bemühungen von Er­folg gekrönt seien, so sei er überzeugt, daß dann ein weiterer Meilenstein auf dieser mühseligen Straße passiert worden ist.

Baldwin erflärte weiter, waS die Kredit­schwierigkeit mehr als alles andere erhöhe, fei die politische Unsicherheit. Er sei überzeugt, eine der ersten Wirkungen des Abschlusses eines Sicherheitspaktes zwischen Frankreich. Belgien. Deutschland und Großbritannien sei. datz sich die Kreditverhältnisse bessern würben. Baldwin betonte, daß die Dankrate Englands niedriger sei als in jedem anderen europäischen Land, ausgenommen Holland und die Schweiz. Hinsichtlich der Ausfuhrkredite erwäge die Regierung augenblicklich einen Plan zur Versiche­rung der Schulden. Baldwin erinnerte an die 1923 von ihm vorgefchlagenen Heilmittel (ge­meint ist der Schutzzoll». Aber infolge der An- strengungen der Opposition sei feine Partei da­mals geschlagen worden

Dies mache e« um so mehr der Opposrtton zur Pflicht. Umschau zu halten, welchen Bei­trag sie zu dem Problem, baS gelöst werden müsse, liefern könne. Seine wirtschaft-politischen Ansichten seien wohlbekannt. Aber er glaube, datz. wenn es möglich wäre, es zum Dorteil Eng- land« fern würde, wenn ganz Europa den Freihandel annehme. Der britische Handel werde niemals stark genug sein, um unerwarteten