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Bad-Nauheim.
Don Heinrich O ß w a l d, Bad-Nauheim.
Im Gegensatz zu den anderen oberhessischen Städten und Städtchen, die infolge günftlger Verkehrslage oder als Sitz einstiger Herrscherhäuser schon in früheren Jahrhunderten zu wirtschaftlichen und kulturellen Mittelpunkten geworden waren, ist unsere hessische Badestadt eine noch ganz fugendliche Stadtgründung. Zur Zeit, da die meisten yelsischcn Schwesterstädte schon eine glanzvolle Entwicklung hinter sich hallen, war Nauheim noch ein bescheidenes Dorf. Aus feinen Ackerfluren und Wiesengründen wuchs erst In den letzten zwei Menschenaltern die sich eng an die alte Siedlung anlehnende Badestadt empor, nachdem die Heilkraft der Quellen erkannt und Nauheim mit einmal das „Herzbad^ der Welt geworden mar.
Damit soll nicht gesagt sein, daß nicht auch Nauheim eine abwechslungsreiche Geschichte habe. Die Landschaft um Nauheim ist im Gegenteil altes Siedlungsgebiet. Die auf den Verwerfungsspalten am Taunusrande emporfteigenben Solquellen, dann aber auch die bevorzugte Verkehrslage an der hessischen Senke lockten bereits die vorgeschichtlichen Völker zu vorübergehender oder dauernder Niederlassung an. Zahlreiche Bodenfunde find Beweis dafür, daß die im Ufatale natürlich ausfließenden Quellen, zumindest seit der La-TLne-Zeit, zur Salzgewinnung benutzt worden sind. Die Salzsiederei war dann neben dem Ackerbau auch die Hauptbeschäftigung der mittelalterlichen Dorssiedlung, die als „Neues Heim" (Nauheim) 1231 zum erstenmal urkundlich genannt wird. Die Saline war, nachdem der Staat die unrentablen Kleinbetriebe der Söderzunft käuflich erworben und in einen Großbetrieb umgewandelt hatte, bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts der eigentliche Lebensnerv des Ortes, erst unter hanauifdjer, später unter kurhesslscher Herrschaft. Wie sehr sie unter staatlicher Regie aufgeblüht sein muß, das geht aus der raschen Zunahme der Einwohnerzahl Nauheims hervor, die 1380' noch 500 betrug, um 1618 aber bereits auf 1000 Seelen angewachsen war. Auch nach dem wirtschaft-
die Kanalisation und 1913 an die elektrische lieber- lanbanlage angeschlossen. Durch eine rege Propaganda wird Ortenberg zum vielbesuchten Luftkurort, Frankfurter Familien nehmen in eigen» dafür erbauten Dillen ihren ständigen Sommeraufenthalt, im benachbarten Selters wird der Benediktussprudel crbohrt (21. März 1903), der jetzt der Mittelpunkt des jungen mächtig aufstrebenden Badeortes bildet. Im Jahre 1910 nimmt Graf Kuno zu Stolberg- Roßla mit seiner Familie als Vertreter der Stan- desherrschaft feinen dauernden Wohnsitz im hiesigen Schloß, ein Ereignis, das für das geschäftliche und gesellschaftliche Leben Ortcnbcrgs von großer Bedeutung wird. Ein 1906 am Gaulsberg angelegter und in Betrieb genommener Steinbruch (die jetzigen Ohmtalbasaltwerke) und das sich zum größten In- dustriewerk Oberhessens auswachsende, 2 Stunden entfernt liegende Eisenwerk Hirzenhain geben vielen Männern Arbeit und Verdienst. Rein äußerlich drückt sich diese aufsicigende wirtschaftliche Entwicklung in den Zahlen der verschiedenen Sparvereine und den steigenden Bilanzen der beiden Sparkasien aus. Die Summen der durch die beiden Sparvereine angelegten Gelder erreichten in den Jahren 1886 bis 1912 die stattliche Höhe von 84 000 Mk., die beiden Sparkasien erleben eine stetig auffteigenbe Entwicklung.
Dieser erfreulichen wirtschaftlichen und sozialen Aufwärtsentwicklung bot der ausbrechende Welt- krieg leider ein ehernes Halt. Die meisten Männer wurden im Verlauf desselben zu den Waffen ein- gezogen, zuletzt standen von hier 200 Männer im Feld,
den sie ausübenden keine allzu großen Verdienste, der größte Teil der Einwohner nährte sich tümmer- lich von der steinigen und mageren Scholle oder als Abhängige der verschiedenen Herren. Immerhin war Ortenberg als Sitz eines Landgerichts, als Inhaber der Marktgerechtigkeit wie auch heute noch so früher der Mittelpunkt der ganzen Gegend: von hier aus fuhren die Postwagen nach Gedern, Büdingen, Brlebberg, ja selbst nach Nieber-Wöllstadt, bis der ostwagen aus ber alten gemütlichen Zeit in bem Augenblick verschwanb, als Ortenberg Bahnstation bet 1888 neuerbauten Linie Stockheim—Gebern wurde, die dann später als Dogeisbergbahn bis Lau- terbach durchgebaut wurde. Man kann wohl sagen, daß Ortenberg von diesem Zeitpunkt an erfreulicherweise einen langsamen, aber stetigen Aufschwung erlebte. Zwar blieb Ortenberg hinsichtlich ber Zahl seiner Einwohner immer klein (letzte Volkszählung 1026), aber räumlich und wirtschaftlich blühte es empor. Die räumliche Ausbehnung vollzieht sich natürlich in ber Nähe bes neuen Bahnhofs. Es entsteht hier eine ganz neue Straße mit vielen schönen Häusern (die sogenannte Dorstadt), eine Reihe öffentlicher und amtlicher Gebäude wird errichtet, so das stattliche Schulhaus (1899), dessen Errichtung an ber verkehrsreichsten Stelle sich gerabe jetzt burch ben gesteigerten Auto- und Motorradverkehr immer mehr als ein Fehler herausstellt, das Postamt, die Bezirks- sparkasie (als Ludwig- und Mathilbenstiftung schon seit 1868 bestehend), ber Vorschuß- und Crebitverein (1874 gegrünbet), die Bezirkskasie u. a. m. Die Gemeinde wird 1904 on die Wasserleitung, 1909 an
Irimberg unb Eberhard von (Eppenftein in den Besitz von Orten berg, Konrad von Irimberg verkauft 1359 wieder einen Teil an Hanau. Al» 1535 Georg von (Eppenftein als letzter feine» Hanfes stirbt, geht fein Besitz an Ortenberg auf die Grafen von Stolberg über, mit welchem Hause dann die Geschichte unserer Stadt bis heute innig verknüpft bleibt. 1578 wurden durch einen Vergleich Ortenberg, Hirzenhain, Konradsdorf zu gleichen Teilen zwi- sch-» Stolberg, Hanau und Isenburg, das in- zwischen ebenfalls mit in ben Besitz eingetreten war, geteilt, ebenso 1601 die Orte des Gerichts Ortenberg unter die genannten drei Herrschaften, jedoch blieben schließlich Stolberg unb Hanau die alleinigen Besitzer von Schloß und Stadt Ortenberg, und zwar ersteres mit j, letzteres mit |. 1806 gelangte die Stadt von Stolberg unb 1810 von Hessen-Kassel, welches Hanaus Anteil 1736 geerbt hatte, an Hessen-Darmstadt, zu dem es noch jetzt gehört.
Noch heute sind einige alte Gebäude stumme und doch so verebte Zeugen von Ortenbergs ereignisreicher Geschichte. Das älteste bieser Gebäude ist die baugeschichtlich interessante und bedeutende Kirche. An ber Stelle ber heutigen Kirche ftanb ursprünglich eine schon 1219 erwähnte Marienkapelle, an bie noch einzelne Teile unserer Kirche erinnern. Ein Teil ber jetzigen Kirche muß bereits 1324 erbaut gewesen fein, denn in einem alten Inbulgenzbrief (1324 in Avignon ausgestellt! wirb unsere-Kirche erwähnt (ecclesia sankte Marie in Ortenberg ac sankte crucie et sankte Marei ac Elisabeth et Margarete alt^ria) und scheint demnach mehrere Altäre besessen zu haben. 1385 wird bie Kirche erweitert (vgl. die 1385 vorn Probst zu Konrabsborf an ben Pleban in Ortenberg ergangene Aufforderung, alle ©Heber seiner Parochie unb deren Umgebung (tarn in Hayn Lißperg, Nuvendorf, Krumrnelbach, Er- kersborn quam in Ortenberg) zur Entrichtung bes Englischen Groschens für ben Bau ber zu Ehren der Jungfrau Maria in Ortenberg zu errichtenden Kirche anzuhalten) und nach und nach ausgebaut. 1846 wird die Kirche renoviert, 1866 leider das berühmte Altarbild, ein Gemälde der mittelrheinischen Schule von unschätzbarem Werte, der Darmstädter Galerie zum Geschenk gemacht. Mitten im Welt- Bim Jubeljahr ber Reformation 1917 würbe be- en, bie Kirche grünbltd) zu renovieren, ein s von 7000 Mk. war bereits gesammelt, ber aber lelber wie so viele andere der Inflation zum Opfer fiel.
So wechselooll wie die Geschichte der Stadt ist auch die ber Pfarrei Ortenberg, die bereits 1310 erwähnt wird. Ursprünglich zum Sprengel Roßdorf gehörig, gingen die erzpriesterlichen Rechte Anfang bes 15. Jahrhunderts an ben Abt von Seel- dold über, an bcssen Kloster 1407 die geistliche Gerichtsbarkeit für bie Stabt Ortenberg unb für Kon- rabsborf, Glauberg, Selters, Bleichenbach, Rohrbach, Usenborn unb Düdelsheim übertragen wurde. Nach der Reformation erhielt Ortenberg feinen ersten evangelischen Prediger 1536 in Konrad Stetzenbach, bald wurde auch eine Schule errichtet, ber älteste bekannte Lehrer war Anton Nigidius von Marburg (1555). 1748 teilte sich die Gemeinde in eine reformierte unb lutherische, aing jedoch 1817 bie Union ein. Das älteste erhaltene Kirchenbuch stammt aus dem Jahre 1619, ber älteste erhaltene Grabstein au» 1382.
Don sonstigen älteren Oebäuben sei noch das Rathaus erwähnt, da» um 1600 erbaut worden ist, in seiner Halle tagte Im Mittelalter das Stabt- geeicht, beffen alte Gerichtsbücher noch von 1540 ab erhalten finb. Auch eine alte Münzstätte scheint hier beftanben zu haben, benn in einem Verzeichnis der Pfarrgefälle aus dem 17. Jahrhundert befindet sich der Ausdruck „hinter der Müntz".
Das Schloß in seiner fetzigen Gestalt entstand erst um bie Wenbe bes 19. Jahrhunderts, ber frühere Bau war, nach alten Stichen zu urteilen, bebeutenb stattlicher unb schöner, war aber einem Branbe zum Opfer gefallen.
Natürlich war bas Städtchen in früheren Jahr- Hunderten oefestigt. Die alte Stadtmauer ist noch Sjut erhalten unb erreicht stellenweise eine Breite von 1,90 Meter. Don den 3 vorhandenen großen Toren tDbertor, Untertor und Mühltor), die auch an Sonn- imb Festtagen ber besseren Sabbathruhe wegen geschlossen blieben, steht nur noch bas Obertor, bie anberen wie auch Teile ber Stabtmauer würben niebergeleat, ba sie auf bie Dauer bie bauliche unb wirtschaftliche Entwicklung ber ©emeinbe hinderten, -heute scheint es unverständlich, daß innerhalb der -engen Mauern einst 1300—1400 Menschen gewohnt Haven sollen. Daß bei einer solchen Raumbeschränkt- leit das Städtchen sich nicht entwickeln konnte, ist verständlich. Don einer allgemeinen Wohlhabenheit Her Einwohner wirb deshalb auch nirgends berichtet, Hagegen oft von viel Not unb Armut; sogenannte Vatrizierhauser, wie wir sie sonst in manchen hes- fischen Städtchen finden, konnten hier nicht erbaut werden, dazu fehlten ben Bewohnern die Mittel. Wohl blühten einzelne Gewerbe und Zünfte, wie z. B. die Gerberei, bie Weberei, bie Schuhmacherei, auch eine für damalige Zeiten große Brauerei unb Brennerei bestand, aber alle diese Gewerbe brachten
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eines nicht mi-K feiner Gasthäuser und hi nmenbe Wesensatt /tim genüber, von denen Nidda statte wohliger Nast aus- - - Wer Mba noch nicht m einen besuch obMtten, eutn haben.
beiger* aber, dem wir ju lilärnn auch an dieser Steüi nsche entgegenbringen, ttrifr ieses hochersreullche ©reignh hat, in so feinsinniger ®eii - Festschrift ber lieben ober- dauernde- Denkmal zu o illrch selbst tln unoergh1 etzt, durch das er, beh fr i groben Heer seiner Lese re Freunde hinzugewiM
___________________ Zwölftes Blatt
die Arbeit hn Handwerk und in der Landwirtschaft mußte notdürftig von den zurückbleibenden alten Männern und Frauen und ball» einziehendcn Kriegsgefangenen verrichtet werden. Für die Pflege der Verwundeten forgte ein hn Schloß errichtetes Lazarett, für die Verjorgung der Drtenbergcr Soldaten im Feld mit Lebensmitteln und Liebesgaben wie für die Kriegsfürforge im aOgemelnen der schon feit 1871 bestehende rührige Zweigverein vorn Roten Kreuz unb der 1915 infolge ber Kriegsnot gegrün- bete, noch heute in segensreicher Tätigkeit wirkenbe Frauenoerein. Im Vergleich mit anberen kleineren Gemeinden forderte ber Weltkrieg von hier nicht solch große Opfer als anberwärts, es starben zwölf Ortenberger Männer und Söhne ben Helbentob fürs Vaterland. Die bankbare Gemeinde errichtete ihnen in ber Kirche eine schöne, von Künstlerhand geschaffene Gedenktafel, ein Denkmal soll demnächst auf bem Marktplatz erstehen, wo sich auch ba» schöne Denkmal für bie Gefallenen unb Mitkämpfer von 1870/71 befindet. Die verderblichen Folgen des Krieges zeigten sich auf allen Gebieten unb würben noch vergrößert durch oae unglückliche Kriegsende unb bie immer krasser sich auswirkenbe Inflatton. Immer leerer — unb bas ist für Ortenberger Verhältnisse ber beste Grabmesser — würbe der im hiesigen Wirtschaftsleben eine hervorragende Rolle spielende und weithin im deutschen Land bekannte „Kalten Markt". Dieser wird schon seit Jahrhunderten (etwa 1650) in den letzten Oktobertagen hier als Pferde-, Fohlen-, Rindvieh- und Krammarkt abgehalten und erreichte in früheren Jahrzehnten eine solche Ausdehnung, daß die Verkaufsbuden bis an Link» Mühle standen, immer drückender wirkte sich die Notlage der vielen alten Leute aus, die um ihre Spargroschen gebracht wurden, Immer größer wurde auch hier die Wohnungsnot. Oeffentliche Fürsorge mußte die schlimmste Not lindern und abwenden. Wie ein befreiendes Aufatmen ging es durch die Bevölkerung, als endlich mit der Rentenmark die Stabilisierung eintrat. Schon beuten manche Anzeichen aus einen neuen wirtschaftlichen Ausstieg hin: die Baulust regt sich wieder: eine neuerstandene Kunststeinfabrlk, ein wieder in Betrieb gesetzter Sandsteinbruch mit vorzüglichem Material, das aufstrebende, i Stunde entfernt gelegene Bad Selters, vor allem die zu nie geahnter Blüte gekommene Basaltindustrie sowie das wieder in Gang gesetzte geschäftliche und gewerbliche Leben bieten neue Arbeits- unb Derbienstmöglich- feiten. Auch bie sozialen Gegensätze scheinen sich glücklicherweise nach und nach etwas auszugleichen. So fiept zu hoffen, bah ber fo oft im Lauf ber Geschichte bewährte bürgerliche Gemeinsinn, ber in mancher noch härteren Zeit gestählte Glaube unb der in viel Kampf unb Not anerzogene Arbeitswille sich auf ben wirtschaftlichen Trümmern der Vergangenheit eine neuere schöne Zukunft bauen wirb. So möge es weiter schallen in bessere Zeiten hinein: ,,In lichter Schönheit, wunderbar und traut, so hat dich Gott, mein Ortenberg, gebaut."
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