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gwölstes Blatt_____________________
die Schweden. Dann war eine Zeitlang Frieden, aber dann brachte auch der Siebenjährige Krieg der Stadt schwere Prüfungen. Am 7. April 1759 (eine Tafel auf dem Schloßberg erinnert daran) und am 7. August 1762 fanden schwere Kämpfe um das Schloß statt; die Stadt wurde besonders bedrückt durch schwere Kontributionen, die ihr durch, weg „auf morgen, bei Vermeidung persönlichen Arrests und der schärfsten militärischen Execution" auserlegt wurden. Ulrichstein hatte schließlich eine Gesamtsorderung von 95 964 Gulden und 33z Kreuzern an Kriegskontributionen; da dieser Betrag nicht berzutreiben war, geriet die Stadt an den Rand des Ruins; ein Unglück besiegelte dann den Niedergang. Im Januar 1763 war die Besatzung vom Schloß abgezogen, hatte ihre Beutestücke verkauft und ihre Munition verschenkt; der Winter war gelind gewesen und hatte keinen Schneefall gebracht, die Strohdächer waren ausgedörrt und das Wasser war knapp. Da spielte ein zwölfjähriger Bub am 1. Februar mit einer sog. Schlüsselbüchse, dje er mit von den Soldaten geschenktem Pulver gefüllt und oben mit einem Papierpsropfen versehen hatte; ein Pfropfen flog dabei auf ein Hausdach. Dieses sing sofort Feuer, das bei dem herrschenden Sturm auf sechs andere Häuser Übergriff. Die meisten Leute waren auf dem Felde; an Löschen war bei dem Wassermangel und Sturm nicht- zu denken. Das Feuer griff immer weiter um sich, über 100 Häuser wurden ein Raub der Flammen und eine Frau kam dabei um. Dieses furchtbare Drandunglück und die oorangegange- nen schweren Heimsuchungen bedeute- ten den Wendepunkt in der Geschichte der Stadt Ulrich st ein. Der Wiederaufbau der Stadt wurde nicht recht gefördert, obwohl der greife Stadtschreiber Geiß sich sehr für die Geschädigten einsetzte. Da Ulrichstein nicht fähig war, sich aus eigener Kraft zu erholen, ward es in seiner Bedeutung sehr herabgedrückt.
Aus der weiteren Geschichte der Stadt ist erwähnenswert, daß Blücher, von Schlitz herkommend, auf der Verfolgung Napoleons in der Nacht vom 2. zum 3. November 1813 darin übernachtet hat; unter feinem Stab waren anscheinend viele russische Offiziere, und unmittelbar bei ihn, auch zahlreiche russische Mannschcckten. Bezeichnend für deren Verhalten ist eine Bemerkung des Pfarrers Raab, der in einem Bericht vorn August 1814 schreibt: „Leider hatte Ulrichstein das Glück, das Blücherfche Hauptquartier zu erhalten." Die erste Tat der Russen war nämlich die Zerstörung des Hostores am Pfarrhaus und feine Verwendung zu Heizzwecken. Im April und Juni 1814 zogen erneut russische Truppen durch Ulrichstein.
Von da an beginnt eine friedlichere Zeit, eine Zeit der stillen Entwicklung. 1821 wurde das hessische „Amt Ulrichstein" aufgehoben; 1836 aber erhielt die Stadt eine Apotheke und 1838 ein Landgericht (1879 Amtsgericht). Ulrichstein ist überhaupt ein alter Gerichtssitz, woraus die einheimische Bezeichnung „Mulstaa' — Mulstein — Malstein hinzudeuten scheint. Mal, Ding bedeutet immer den Ort einer Gerichtsoersammlung. Seit 1838 besteht auch ein Physikatsbezirk Ulrichstein, d. h. ein Arzt hat dort seinen Sih. 1856 nahm die Post täglichen Fährverkehr nach Lauterbach und Gießen auf, der 1875 in eine zweimalige tägliche Fahrt auf die Bahnstation Mücke umgewandelt wurde. Im Juli 1866 hatte die Stadt mannigfache Einquartierung, es kam aber nicht zu Kämpfen in ihrer Gegend. 1872 kam ein preußisches Nemontedepot auf den Selgenhof bei Ulrichstein, wurde aber 1882 wieder aufgehoben. 1900 wurde dann die Oberförsterei er- richtet, bis dahin, 1837 und 1890, waren zwei Spar- taffen entstanden, die eine, wie die Oberförsterei im sog. „Dreihausen". Seit 1900 regte sich in diesem Ortsteil eine bedeutende Bautätigkeit; 1910 wurde dort auch die Molkerei begründet, und bis zum heutigen Tag werden in dieser Gegend Neubauten errichtet.
Der Schloßberg muß nochmals zu Wort kommen, und zwar mit der betrüblichen Tatsache, daß 1826 die Schloßgebäude vom hessischen Staat auf Abbruch verkauft wurden. Später wurde dann die Ruine, nach ihrer reichlichen Benutzung als Steinbruch, wieder zurückgekauft. Eine einsichtsvollere Zeit hat es dann gefügt, daß oben ein Aussichts- tempelchen errichtet wurde; 1891 bildete sich vollends eine Schloßbergkommission, die mit Hilfe einer Sammlung an die Wiederherstellung ging. 1905 wurde der Grundstein zu dem heutigen Turm gelegt, und am 2. September 1906 der fertige Turm eingeweiht.
Die Einwohnerzahl Ulrichsteins entsprach seiner Bedeutung; sie betrug 1843 noch 1030, ging aber dann, besonders durch Auswanderungen nach Amerika in der Mitte der 1860er Jahre, zurück. 1910 betrug sie noch 893, 1925 mit durch die Kriegsverluste 836.
Der Weltkrieg schnitt überhaupt tief in das Leben der Gemeinde ein; er grub feine Spuren, ob nun in Kriegsbetstunden oder Siegesfeiern, in Erholungsaufenthalt von Stadtkindern oder Beschäftigung von Kriegsgefangenen, in der Kriegs- fürforge oder in den Verlusten. Ende Februar und Anfang März 1916 war das Trommelfeuer von Verdun selbst auf dem Schloßberg zu hören. Im Juli 1917 wurde eine Glocke vom Turm geholt, und auf dem Felde der Ehre blieben 34 junge und ältere Männer aus der Gemeinde, denen 1921 zwei prächtige Ehrentafeln in der Kirche geweiht wurden.
Die Ulrichsteiner Märkte müssen ihrer besonderen Bedeutung wegen hcroorgehoben werden. 1350 begann der Jakobimarkt, der feinen Höhepunkt in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte; so betrug die Zahl der Stände 1880: 121, 1881: 147, 1882: 102. Wie sich die wirtschaftlichen Verhältnisse verschoben haben, ist daraus zu ersehen, daß im Jahre 1881 56 Schuhmacher Stände auf dem Markt hatten, 1893 noch 30, 1908 nur noch 10 upb 1914 0. Auch die Kappenmacher waren früher manchmal mit 10 Ständen vertreten, mindestens aber mit 5 ober 6; seit 1910 sinb auch sie vom Markt verschwunben. 1624 kam bas Privileg zum Michaelismarkt und 1681 bas zum Dftermarft. Letzteren hatte bie Stabt sich für Freitag und Samstag nach Ostern von der ßanbgräfin Elisabeth Dorothea erbeten „zur Beförberung ber Commerden unb ihres gemeinen Nutzens und Bestens"; heute ist ber Markt erloschen, währenb noch ein Kalter Markt im November besteht.
Die Märkte zeigen jetzt wieber eine wachsenbe Bebeutung: der Verkehr ist überhaupt reger geworden und das Geschästsleben im Aufblühen, mit durch den K r a f t w a g e n v e r k e h r, der im Sommer 1919 nach ber Station Mücke begann, bann von ber Reichspost übernommen würbe unb auch auf anbere Richtungen (Schotten, Lauterbach) ausgedehnt wurde.
Hochinteressante Altertümer birgt heute noch bie Kirche; zu deren geschichtlicher Entwicklung kurz
________________Giehener Anzeiger -
nur das- Schon 1370 wird eine Kapelle erwähnt, deren Grundmauern wohl bie auf bem Schloßberg zu schauenben finb. 1526—29 ist unter Philipp dem Großmütigen bie Reformation eingeführt. Um 1570 warb an ber Stelle ber heutigen eine Kirche erbaut, aber längs ber Straße. Aus ihr, wie aus ber alten Kapelle bes Schloßbergs, finb noch verschiebens Reste erhalten; so finbet sich über bem Ofen ber heutigen Kirche, an der Wand, eine bittende Maria. Ihr entsprach wohl ein Johannes, der mit ihr zusammen das Kruzifix umrahmte, das jetzt neben der Orgel an der Wand angebracht ist. Außerdem finden wir in ber Kirche verfchiebene alte Detbilber, an Zahl 4, unter ben Emporen hängenb; sie flammen von einem Epitaphium aus Holz mit Flügeltüren, bas zu Ehren bes am 20. August 1622 in Ulrichstein verstorbenen Rentmeisters Johann Keyßer von besten Ehefrau Elisabeth gestiftet war. Leider wurde es, weil es zu groß war, schon bei der Anbringung in zwei Teile zerschnitten; 1851, bei dem Abbruch der allen Kirche, war alles schon so schadhaft, daß nur die vier Bilder der Evangelisten noch verwendbar waren. Auch der alte Taufstein ist noch erhallen. Die alte Kirche ward 1851 wegen Baufälligkeit abgerissen; 1861 wurde die jetzige, zu deren Bau der Gustav-Advlf-Verein 1500 Gulden beigesteuert hatte, eingeweiht. Vor einem Jahr, am 13.—14 September 1924, brannte der Helm des Kirchturms ab, die drei Glocken stürzten herunter und wurden unbrauchbar, und der Turm brannte innen beinahe völlig aus. Es zeugt von der Energie der Gemeinde, daß schon letzte Ostern das neue schöne Geläut wieder geweiht werden konnte und jetzt ber Turm wieber heraerichtet ist. Der Schaben betrug insgesamt etwa 10 000 Mark, für eine kleine Serggemeinbe heute ein ungeheuerlicher Betrag.
Wenn man so über bie Trümmer auf bem Schloßberge unb über bie Häuser bes heutigen
Jubiläums-Ausgabe______________
von Königstein. An ber Kirche au Gebern wirkten früher zwei Geistliche: ein „Pfarrherr" unb ein „Hosprebiger", beren Stellen seit 1707 zu einer, ber 1. evangelischen Pfarrstelle, vereinigt finb. Die 2. geistliche Stelle, seit 1876 nicht mehr besetzt, beren Inhaber bie Amtsbezeichnung „Hofkaplan^ führte, war ein mit einer Schulstelle verbunbenes Diakonat. Als Hauptart ber Grafschaft Stolberg war Gebern ber Sitz eines stanbesherrlichen Konsistoriums, bann eines geistlichen Inspektorats unb seit 1833 eines evangelischen Dekanats, welches jeboch 1872 aufgehoben würbe.
Bezüglich ber Bilbungsverhältniste ist bemer« kenswert, daß bereits 1561 in Gedern eine Schule bestand, bie der Glöckner hielt. Im Jahre 1734 wurden die bisherigen drei Schulen auf zwei reduziert, später wieder auf drei erhöht. 1843 geschah die Errichtung einer 4. Schulstelle und 1910 bie einer 5. Schulklasse. Die Vermittlung höherer Schulbilbung erfolgt burch bie von bem Ortsgeist- lichen geleitete Privat- (Hofkavlanei-) Schule mit Realfchulziel, deren Anfänge auf bas in ben 50er Jahren des vorigen Jahryunberts von bem Hof- kaplan begrünbetc Privatinstitut zurückgehen.
In baulicher Hinsicht fällt ber Mangel an architektonisch unb künstlerisch bebeutfamen Bauten auf. An Stelle ber alten, wohl bis ins 13. Jahrhunbert zurückgehenben Kirche, von ber nur ber untere Teil des Turmes übrig gelassen wurde, wurde das jetzige stattliche Kirchengebäude in den Jahren 1845—1847 errichtet. Das Pfarrhaus wurde an Stelle bes älteren im Jahre 1859 gebaut, bas Schulhaus 1881 eingeweiht. Das Fürstliche Schloß, inmitten herrlicher Park- unb Gartenanlagen gelegen, um beren Einrichtung sich ber Hofverwaller Schliephake im Anfang bis Milte bes 19. Jahrhunberls sehr uerbient gemacht hat, stammt in seinen ältesten Teilen aus ber Zeit von 1605, ber größte Teil ber
Der Landrat des Kreises Marburg, Herr Schwebei.
Es war mir eine besondere Freude, bei meinem Amtsantritt hier die freundschaftlichen Beziehungen festzustellen, welche besonders den Südteil des hiesigen Kreises mit dem angrenzenden Gießener Lande verbinden. Ich bin gewiß, daß hierzu auch die dortige Zeitung als Förderer der kulturellen und wirtschaftlichen Belange dieser Landesteile wesentlich beigetragen hat. Ich verfehle deshalb nicht, Ihnen zu Ihrem Jubiläum meine herzlichsten Glückwünsche zu übermitteln, und dem Wunsche Ausdruck zu geben, daß Ihre geschätzte Zeitung auch in Zukunft das bleiben möge, was sie in den guten und schlechten Tagen der zurückliegenden 175 Jahre gewesen ist — ein eifriger Förderer aller Bestrebungen, die unser Volk und Vaterland politisch, wirtschaftlich und kulturell vorwärts zu bringen geeignet sind, und ein energischer Bekämpfer der das Gegenteil bezweckenden Zeiterscheinungen.
Stäbtchens hinschaut, bann vernimmt man mancherlei: von großer Vergangenheit, von tätiger Gegenwart. Auf ben Felbern arbeiten noch die Bauersleute, die Ernte zu bergen, was hier oben 14 Tage ober noch mehr später kommt, als „brunten in ben Tälern"; vom Schloßberg aber flattert manchmal eine Fahne, beren Farben sich mancher nicht erklären kann. Sie flattert stolz, bie blau» gelbe Fahne: bie Fahne ber Stabt U l r i ch st e i nl
Gedern.
Von Hofprediger Widmann, Gebern.
Gebern, wohl ibentisch mit bem alten bereits im 8. Jahrhunbert in einer Schenkungsurkunbe bes Klosters Lorsch erwähnten ©ewiraba im pagus Wetdereiba (Gau Wetterau), an ber süblichen Abbuchung bes Vogelsbergs in einem nach Süben zu offenen kraterähnlichen Talkessel gelegen, ist einer ber lieblichsten Orte unserer oberhessischen Heimat. Auf Spuren schon sehr früher, jebenfaUs in vorchristlicher Zeit erfolgter Besiebelung läßt ber Name ber im Norden des Stäbtchens gelegenen Bergkuppe „Wildfrauhaus", wahrscheinlich einer heidnischen Opferstätte, schließen. Charakteristisch für die Geschichte des Ortes, der in alten Urkunden mit den Schreibweisen Gaudern, Gäudern unb Gäbern vorkommt, ist ber häufige Wechsel seiner Besitzer. Die ersten waren wohl bie Dynasten von Bübingen, nach ber in ber Mitte bes 13. Jahrhunderts erfolgten Auflösung ber Büdinger Ganerbschaft bie Herren von Breuberg, nach kurzer Lehensabhängigkeit ber Hälfte des „Dorfes unb Gerichtes Gebern" von bem Erzbischof von Trier bie Herren von Trimperg feit 1323. Am 10. Januar 1356 verlieh Kaiser Karl IV. bem Herrn Konrab von Trimperg bas Recht, in seinem Dorf Gaubern einen offenen Wochenmarkt zu halten unb es mit Wall unb Graben zu umgeben, baß es „alle Gnabe, Freiheit, Recht unb gute Gewohnheit, auch Mauern, Graben, Befestigungen unb anbere Sachen haben soll wie bes Reiches Stabt Frankfurt". Da inbeffen ber Ort um 1500 nicht mehr nennenswert befestigt war, scheint man von bem kaiserlichen Rechte nur wenig Gebrauch gemacht zu haben, wie auch bie ganze bauliche Anlage, nämlich verhältnismäßig breite Straßen unb offene Bauweise, vermuten läßt. Nach bem Aussterben berer von Trimperg im Jahre 1376 gelangte Gebern in ben Besitz ber Herren von Eppstein, beren letzter männlicher Sprosse Graf Eberharb IV. von Königstein seinen Schwestersohn Gras Lubwig II. von Stolberg zum Erben einsetzte. Von 1535 ab verblieb Gebern im bauernden Besitz des Hauses Stolberg.
Im 14. unb 15. Jahrhunbert hatte Gedern für bie Umgegenb überragenbe Bebeutung, was aus ber Tatsache hervorgeht, daß bie benachbarten Gerichte wichtigere Sachen bem Gericht Gebern überwiesen. Auch in kirchlicher Hinsicht war Gebern im 14. Jahrhundert ein Mittelpunkt, wie bie Abhängigkeit ber Kirchen zu Ober-, Mittel- unb Nieber-Seemen unb zu Volkartshain von ber Mutterkirche zu Gebern beweist.
Durch Teilung ber Grafschaft Stolbera (ältere Linie) im Jahre 1638 würbe Gebern ber Sitz einer befonberen Linie Stolberg-Gedern. Sie wurde 1742 in ben Reichsfürstenstand erhoben unb starb 1804 aus, in welchem Jahre bie Linie Stolberg-Werniae- robe bie Erbschaft antrat. Im Jahre 1806 fiel Gebern an bas Großherzogtum Hessen.
Nach den Forschungen von Prälat l). vr. D i e h l würbe bie Reformation halb nach 1535 unter Pfarrer Johannes Geiß eingeführt. Im Fürstlichen Archiv lag ein vor einigen Jahren in das Fürstliche Archiv zu Wernigerode übergeführter Brief Luthers über bie Bilberfrage an ben Grafen
Gebäube aus ber Zeit um 1700; der alte Burggraben ist noch erhalten.
Was die Schichtung der Bevölkerung anlangt, so überwiegt das landwirtschaftliche Element. Auch Arbeiter finb nicht wenige vorhanden; sie betätigen sich in den Eisenwerken zu Hirzenhain, in den zahlreichen Basaltbrüchen und in den ausgedehnten Waldungen. Außerdem wohnen Beamte, viele Ge- schäftsleute und Handwerker am Ort. Bei dieser Gelegenheit sei auch das alte Nadlerhandwerk erwähnt, das 1736 durch den Nadlermeister Christian Friedrich Mentzel von Wernigerode aus in Gedern Eingang fand, aber allmählich, dem Ansturm der Großproduktion erliegend, in Verfall geriet. Aus demselben Grunde konnte sich auch eine von 1875—1880 bestehende Nadelfabrik nicht halten. Auch die früher allgemein ausgeübte Hausweberei ist völlig verschwunden, ebenso die von dem Äon« fiftorialfefretär und Kammerafsefsor Davids 0 hn um 1840 eingeführte Strohflechterei.
Die Einwohnerzahl war in der Mitte des 19. Jahrhunderts, offenbar weil die Gräfliche Hofhaltung nod) am Platze war, größer als am Ende des Jahrhunderts. Sie betrug 1843: 2210, 1855: 2031, 1858: 2040, 1861: 2168, 1864: 2021, erreichte ihren Tiefstand 1919 mit 1875 und stieg 1925 auf 2048, was wohl durch das Aufblühen der Steinbruchindustrie zu erklären ist.
Hatte Gedern in früheren Jahrhunderten nicht geringe Bedeutung als kirchliche Metropole sowie als Hauptort der Grafschaft Stolberg-Gedern, auch als geschäftlicher Mittelpunkt der ganzen Gegend, so lag es doch weitab vom großen Verkehr, ein Umstand, der im Verein mit seiner geschützten, fast verborgenen Lage bas Derschontwerben im ^jährigen unb anderen Kriegen erklärt. Eine Epoche neuen wirtschaftlichen Aufschwungs begann im Jahre 1841 mit bem Bau ber Staatsstraße Stockheim—Lauterbach. Hinzu tarnen noch anbere Momente. 1847 würbe Gebern Sitz einer täglichen Briespostexpebition, 1855 Abgangsort einer täglichen Fahrpost, 1837 bereits Steuererhebungsbistrikt.
Zur Hebung bes Verkehrs trug ferner nicht wenig bei ber durch die Eröffnung der Eisenbahnlinie Stockheim—Gedern am 1. Oktober 1888 erfolgte Anschluß an bas oberhessische Eisenbahnnetz, sowie bie Fortführung ber Eisenbahn von Gebern nach Grebenhain am 1. April 1906, wodurch eigentlich erst ber Vogelsberg erschlossen wurde. Große Mengen von Basaltsteinen, Heu unb Stroh werben täglich am Bahnhof verloben. Auch als Marktort hat Gedern für die Umgegenb Bedeutung; ber früher sehr bebeutenbe Augustmarkt wirb jetzt wieder neu eingeführt. Ferner besitzt Gedern seit 1923 in einem von ber Fürstlichen Verwaltung zur Verfügung gestellten Gebäube ein schön aus- blühendes Bezirkskrankenhaus, das an die Stelle bes seit 1868 bestehenben Fürstlichen Siechenhauses getreten ist. Bemerkt sei hier noch, daß bie Kreis- assistenzarztftelle leiber im Jahr 1912 aufgehoben wurde. Den wirtschafllichen Aufschwung förderten auch ber Bau ber Wasserleitung 1905 unb ber Anschluß an bie elektrische Uebcrlanbanlage ber Provinz Oberhessen 1913.
Tiefe Furchen grub ber Weltkrieg ins Gemeinbeleben. Nahezu 50 Krieger starben ben Helbentob fürs Vaterland. In der Behebung ber wirtschaft- liehen unb sozialen Nöte leisteten wertvolle Arbeit der Zweigverein vom Roten Kreuz, ber Ortsausschuß für Kriegsfürsorge unb bie Bezirksfürsorgestelle für Kriegerhinterbliebene unb Kriegsbeschädigte, sämtlich vom Verfasser dieses Aufsatzes geleitet. Im Interesse ber Kriegswirtschaft unb vor allem zur Werbung für bie Kriegsanleihen fnnben häufig Vortragsveranstaltungen statt.
In der Nachkriegszeit galt es neben anderen Aufgaben besonders die große Wohnungsnot zu bekämpfen. Hier hat Gedern vorbildlich gearbeitet,
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wie von ber Kreisverwaltung offen anerkannt würbe. Auf ehemaligem zu biefem Zweck er- worbenen Pfarreigelänbe wurde eine neue Straße angelegt, deren Ausbau nahezu vollendet ist. An besonderen Bauten wurden errichtet: ein Arbeiter- familienhaus, ein Haus für Eifenbahnbeamte unb eine Genbarmeriewohnung. Auch würbe für Siebter eine große Zahl von Kleingärten angelegt. Im Schloß waren während ber Besetzung 'bes Ruhrgebiets mehrere Familien von Ausgewiesenen untergebracht.
Bemerkenswert ist weiter noch bie Tatsache, baß ber genossenschaftliche Gebanke stark Wurzel ge- fd)Iagcn hat. Es wuxden gegründet: 1920 eine land- wirtschaftliche Bezugs- unb Absatzgenossenschaft, 1923 eine Raiffeisen-Genossenschaft unb 1925 eine Drusch-Genossenschaft.
Gedern, im Jahre 1925 in ben Bunb ber ober- hessischen ßanbftäbte ausgenommen, ist somit ein blühenbes, tatkräftig unb fortschrittlich geleitetes Gemeinwesen, bem, zumal es auch immer mehr Qis Sommerfrische aufgesucht wirb, noch eine schöne Zukunft beschieden sein bürste, wenn es weiter fort- schreitet auf ber bisher begangenen Bahn.
Zum Schluß fei noch barauf hingewiefen, baß Gederns großem Sohn, dem am 16. November 1807 m einem Haus auf bem Schloßberg geborenen ©eneral Ebuarb Friebrich von Franfecky, bem bebeutenben Heerführer in ben Kriegen von 1866 unb 1870/71, im Jahre 1907 ein Denkmal beim Rathaus errichtet würbe.
Nidda.
Bon Geh. Justizrat Carl R 0 e m h e l b, Nibba.
Viele Jahrhunderte mit ihrAi Stürmen und Schrecken, mit Krieg und Pestilenz, mit ßuft unb Leid, mit Werben und Vergehen sind über bie Stätte bes heutigen Nibba bahingebroust seit ber Zeit, bo DieferDrt zum erstenmal geschichtliche Erwähnung findet. Von ben mancherlei Deutungen bes Namens ift wohl diejenige ber Sprachgelehrten richtig, bie l9n oon nit (nat) — fließend, unb ehe (afa ober ?9ua = Wasser) herleiten. Die bekannte „Eselsage" (nid-ba!) bleibt eben Sage, bie nirgenbwo eine geschichtliche Rechtfertigung finbet. Nur wenige alte beugen der geschicke- unb g,schichtereichen Ver- aangenheit ber Stabt Nibba finb heute noch vorhanden. Em neuzeitliches Nibba ist entftanben, dessen äußeres Bilb bas Gepräge unenblichen erlebens unb feffelnber ßieblichkeit trägt. Ob ber Besucher ber Stabt sich ihr auf ber Schienenstraße nahe, ober ob er von einer ber Höhenwege in bas freunbliche Tal herniebersteige, nimmer wirb fein Blick sich bem eigenartigen ßiebreh bes ihn grüßenden Bildes entziehen können. Zu beiden Ufern des fo harmlos-friedlich dahinfließenben, und doch bisweilen fo tückischen Flüßchens gleichen Namens, gebettet im Schoße grüner saftiger Matten und fruchtbarer Fluren, umwallt und geschützt von sonnigen Hügeln und rauschenden Waldeshöhen, ist es in der Tat ein Anblick von malerisch-packender Schönheit, der sich uns in diesem ßandschastsbilde bietet.
Aber wie wenige nur, bie burch bie Verkehrs- reidjen Straßen ber Stabt mit ihren schmucken, zum Teil modern farbenprächtigen, wohlgepflegten Häu- fern, Gärten unb Gärtchen bahinwanbeln, ahnen, auf weich' altehrwürdigem Boden sie sich befinden, und weich' zaubervoller Nimbus vergangener Zeiten auch das neuzeitliche Nidda noch heute weiht. Und wenn man über das Nidda der Gegenwart schreiben will, kann man es nicht tun, ohne wenigstens einen ku^en flüchtigen Blick auch auf bas altzeitliche Stäbtlein geworfen zu haben.
Trotz aller ßückenhastigkeit geschichtlicher lieber- lieferungen ober urkunblicher Nachweise, ist doch aus bem, was wir mittelbar über Nibba unb seine Umgebung wissen, zu schließen, baß bie Stätte bes heutigen Nibba schon zur Zeit Karls des Großen besiedelt war.
Im 11. Jahrhundert ist dann urkundlich von einer Altstadt Nidda (offridum) die Rede, an die heute nur nod) der sog. „Altstädter" Brunnen erinnert. Bereits 1279 wird dann von einer nova civitas berichtet, die sich wohl im Anschluß an die „Burg" des Grafen von Nidda gebildet haben mag. Als Grafschaft wird Nidda zum erstenmal 1043 erwähnt. Sie war offenbar kaiserliches ßehn an bie Siebte des Klosters Fulda, die sich zum Schutz ihrer Besitzungen wehrhafte Ritter anwarben, als welche bie Grafen von Nibba zu betrachten fein bürsten. Der erste dieser, auch in Sachsen begüterten, Grafen war Dolkold I. Ihm folgte eine Reihe von Grafen, die sich zum Teil Grafen von Nidda, zum Teil später Grafen von Ziegenhain und Nidda nannten, da beide Grafschaften längere Zeit vereinigt waren, und zwar infolge einer Ehe zwischen Gliedern beider Häuser. Der letzte der Grasen, Johann II., tritt seine gesamten Güter, darunter die Grafschaft Nidda, an ben ßanbgrafen von Hessen ab, ber dann 1434 von dem Abt Johann von Fulda mit Burg, Stadt und Grafschaft Nidda belehnt würbe. Unter ben ßanbgrafen beginnt eine erkennbar auffteigenbe Entwicklung ber Stabt Nibba, bie insbesondere durch mancherlei Privilegien, Stiftungen, Stipendien usw. wesentlich gefördert wird.
Nach bem Tobe Philipps bes Großmütigen fällt Nibba besten zweitem Sohn, ßubwig von Marburg, zu unb geht nach besten kinberlosem Ableben bei bem hiernach folgenben Erbfolgestreit an Hessen- Darmstabt über, bei bem es bann bauernb verblieben ist.
Neben biesen Ergebnissen geschichtswissenschaftlicher Forschung unb urkundlicher Ueberlieferung birgt Nidda auch noch manchen stummen und doch so beredten Zeugen seiner ehrwürdigen Vergangenheit. Als deren widjtigften nennen wir nur — abgesehen von bem bereits erwähnten „Altstädter Brunnen", und ohne auf Einzelschilberungen hier einzugehen — den 1492 neuerbauten Iohannlterturm, den Rest ber Enbe des 12. Jahrhunderts von dem Johanniterorden erbauten Iohanniterkirche, ausgezeichnet durch ein herrliches Glockengeläute und feit 2 Jahren Träger des Denkmals für die Opfer des Weltkrieges, einer altdeutschen markigen Kriegergestalt. Ein weiteres bemerkenswertes IReliquium aus grauer Zeit grüßt uns auf dem Marktplatz in der originellen Gestalt des sog. Marktbrunnens mit Stadtwappen und sinnniger Inschrift. Wir nennen weiter die 300 Jahre alte steinerne Brücke über die Nidda an der gleichfalls aus ferner Zeit stammenden Stadtmühle und wandern weiter durch die „Altgasse" über den Markt durch krumme winklige Gassen zu Kirche und Schloß. Die erstere 1616—1618 von einem Italiener erbaut, äußerlich schmucklos und nüchtern, im Innern jeboch außer- ordentlich interessant unb namentlich wegen der geschnitzten Kanzel unb ber kunstvollen Stuckarbeit der Decke über bem Schiff ber Kirche sehenswert.
Unweit der Kirche befindet sich das sog. Schloß, ber Rest einer alten Wasserburg, ein mastiger Alt-


